Deshalb schreibe ich

Vor ein paar Jahren besuchte ich einem Seminartag für Familien, Getrennte, Geschiedene und Verwitwete. Es gab für die verschiedenen Interessengruppen relevante Workshops und packende Referate. Nachdem der Tag vorbei war, musste ich aber folgendes feststellen: Der Workshop, der von einer geschiedenen und wiederverheirateten Frau über Patchworkfamilien gehalten wurde, spielte in einer ganz anderen Liga, als der Workshop für Geschiedene, der von Verheirateten in erster Ehe gehalten wurde. Der Unterschied war so deutlich, dass es für mich als Betroffene fast deprimierend war. (Ich muss hier einschieben, dass ich ein paar Jahren zuvor ein Seminar für Geschiedene/Getrennte besucht hatte, welches von einer alleinstehenden Frau durchgeführt wurde, der sehr gut war. Es ist also nicht so, dass nur direkt betroffene gut über ein bestimmtes Thema reden können.) Trotzdem übertraf die Qualität des Patchwork-Workshops die des Scheidungsworkshops bei weitem. Dabei hatten die lieben Leute vom Scheidungsworkshop garantiert ein grosses Herz für Getrennte/Geschiedene und auch einen Auftrag ihnen zu dienen. Aber der Unterschied bleibt. Und deshalb war es gut und unerlässlich, dass im Scheidungsworkshop einige Geschiedene mitgeholfen haben (was den Workshop schliesslich erträglich machte).

Natürlich wäre es toll, wenn es keine Scheidungen mehr geben würde und wir für diese Lebenssituation kein Verständnis mehr aufbringen müssten. Leider müssen wir aber davon auszugehen, dass die Scheidungsquote in den nächsten Jahren nicht auf null sinken wird. Es wird immer zerrüttete Beziehungen und Familie geben, weil wir im Herzen alles zerrüttete Menschen sind, die zwar ihr Bestes geben, aber oft an ihre Grenzen kommen und Fehler machen.

Meine Lebensträume, Hoffnungen und Zukunft verlor ich bereits im Alter von 27 als mein erster Mann an Aids starb und mit der Scheidung vom meinem Ex starben sie gleich nochmal, mitsamt meinem Image und Ansehen als gute Ehefrau, denn zu einer Scheidung gehören immer zwei, sagt man, obwohl einer allein auch schon ganz viel kaputt machen kann. Was auch immer.

Als ich nach der Scheidung merkte, in welche Schublade Getrennte/Geschiedene oft gesteckt werden (auch und leider oft gerade von gläubigen Menschen), wollte ich Gegensteuer geben, weil mir Gott in den Momenten meines Zerbruchs so anders begegnet ist, als so manch meiner Mitmenschen, der besonders fromm zu sein meinte.

Und wer kann besser über ein Thema oder eine Lebenssituation reden, als jemand, der es selber erlebt hat? Eben. Es hilft ungemein, dass ich beide Seiten kenne: die richtend/urteilende und die leidende. Ich verstehe so manche fromme Reaktion, weil ich früher selber so gedacht und geredet habe. Gleichzeitig verstehe ich jetzt, was es wirklich bedeutet von einer Trennung/Scheidung betroffen zu sein und glaubt mir, es ist kein Zuckerschlecken. Aber das wisst ihr ja schon. Betroffene brauchen niemanden, der ihnen noch einmal sagt, wie schlimm eine Trennung/Scheidung ist – das wissen sie schon. Wir brauchen Menschen, die uns zuhören. Es ist meine Hoffnung, das jeder, der gegenüber getrennten oder geschiedenen Menschen gnädiger und barmherziger werden will, nicht selber eine Trennung/Scheidung erleben muss.

Und deshalb schreibe ich.

Trennungszeit 8 – gut gemeinte Ratschläge

Eine Person die mir sehr nahe steht und dessen Ehe gerade in die Brüche geht, wird von gutmeinenden Christen immer wieder darauf hingewiesen, dass sie doch einfach wieder zum Kreuz Jesu kommen muss, es gäbe in der christlichen Gemeinde einige Eheleute, deren Ehe vor dem Aus stand, die aber jetzt wieder glücklich zusammen seien…

Ich verstehe das. Wirklich. Ich verstehe das. Ich verstehe den Hintergrund dieser Ratschläge und warum das gesagt wird. Ich verstehe es und dache selber lange so. Aber deswegen ist dieser Ratschlag noch lange nicht richtig und ebenso wenig hilfreich.

Nachdem ich jahrelang um meine Ehe gekämpft hatte, immer wieder Vergebung und Versöhnung gesucht hatte, stand ich trotzdem eines Tages vor den Trümmern unserer Ehe. Ich wusste schon zu Beginn, dass es hoffnungslos und eine Wiederherstellung der Ehe praktisch unmöglich war. Aber alle anderen um mich herum hielten sich an die Verheissung, dass Gott alles möglich ist, dass Gott Wunder tut, dass wir beide nur wollen und wieder zum Kreuz kommen müssten. Und es stimmt; für gewisse Betroffene ist es wichtig zu wissen, dass jemand an ihre Ehe glaubt, der an sie glaubt, der daran festhält, dass sie es schaffen können. Und es ist tatsächlich möglich, das weiss ich auch.

Es gibt aber auch die anderen Betroffenen, die jahrelang bereits so viel in ihre Beziehung investiert haben, dass nichts mehr übrig bleibt, deren Herz seit Jahren so verletzt ist, dass es nur heilen kann, wenn ein klarer Schnitt geschieht. Und es gibt sogar in christlichen Kreisen diejenigen, die einfach nicht mehr wollen (!). Es tut gut zu überlegen, warum sie wohl nicht mehr wollen. Manchmal geht es nur noch um das nackte Überleben. Aber wer sagt das schon, denn als gute und vernünftige Menschen wollen wir unseren Partner nicht schlecht machen. Wir werden nicht allen alles erzählen. Und wenn die Grenze von dem erreicht ist, was wir aushalten können, ist sie erreicht. Manchmal liegt einfach nicht mehr drin. Das Herz ist nicht nur verletzt, es ist bereits tot – vielleicht schon lange. Als Aussenstehende werden wir nie, oder äusserst selten, eine so tiefe Einsicht in eine Beziehung bekommen, dass wir das wirklich nachvollziehen können. Und deshalb müssen wir sehr vorsichtig sein, wem wir welchen Rat geben. Keine Ehebeziehung gleicht der anderen und deshalb gleicht auch keine Ehekrise einer anderen. Wir können nicht einfach von einer wiederhergestellten Ehe auf eine andere schliessen. Was wir mit unserem gut gemeinten Gerede übersehen, ist, dass wir einige Betroffene mit unseren Vorstellungen, wie das mit ihrer Ehe weitergehen soll, stark unter Druck setzen.

Einige Jahre bevor meine eigene Ehe zerbrach, sagte mir meine zukünftige Beraterin beim Gespräch über ein mir nahestehendes Ehepaar, die gerade eine schwierige Zeit durchmachten: “Das erste Ziel für eine zerbrochene Beziehung ist, dass beide Partner heil werden”. Das ist doch ein guter Anfang für alle Betroffene und deren Freunde. Suche das, was dem oder der Betroffenen hilft wieder heil zu werden. Unterstützte sie oder ihn in der Heilung ihres eigenen Herzens. Die Herzen der Betroffenen sind so verletzt, so enttäuscht, so bedrückt und voller Sorge, da wollen wir doch nicht noch mehr Druck aufsetzen.

Trennungszeit 7

Vor ein paar Monaten las ich in einer christlichen Familienzeitschrift einen Artikel darüber, wie man seinen Freunden, die eine Trennung oder Scheidung erleben, zur Seite stehen kann und auch was man als Aussenstehender, der sich richtig verhalten möchte, vermeiden sollte. Es war ein guter Artikel und ich wünschte, ich hätte diesen tollen Artikel geschrieben. Dabei fing ich wieder an über meine Erlebnisse nachzudenken. Ich bin kein Experte in Sachen Beziehung, Trennung und Scheidung. Ich greife nur auf meine eigenen Erfahrungen zurück und versuche Einblicke zu geben, damit wir miteinander gnädiger umgehen und weniger schnell urteilen. Mir liegt dieses Thema auf dem Herzen, weil ich sehr schöne, aber auch sehr schwierige Begegnungen erlebt habe. Wer weiss nämlich schon, wie er reagieren soll, wenn man die Nachricht bekommt, dass sich Freunde trennen!

Ich habe es sehr geschätzt – und schätze es immer noch – wenn meine Entscheidung zur Trennung und später zur Scheidung respektiert wird. Obwohl die Trennung damals sehr plötzlich kam, gab es eine jahrelange Vorgeschichte. Das ist vermutlich bei den meisten Paaren der Fall. Bei uns fingen die Vertrauensmissbräuche schon bald nach der Hochzeit an. Ich hatte nach zehn Jahren einfach keine Kraft mehr aus dem Nichts wieder Vertrauen hervor zu zaubern. Für mich war nach zehn Jahren Ehe, zwei Jahren begleiteten Gespräche und zwei weiteren Jahren, die ich brauchte, um mich zu einer Scheidung durchzuringen, der Punkt erreicht, wo es um das Überleben meiner Seele ging. Bei manchen geht der Prozess schneller, bei manchen, wie bei mir, länger. Aber immer gibt es einen grossen Teil der Geschichte, den Aussenstehende nicht mitbekommen.

Während meine Ehe offiziell am Scheitern war, fühlte ich mich sehr verwundbar und verletzlich. Alles war am Wanken. Mein Vertrauen in die Institution Ehe, in Gott, in mich und auch in die Männer stand auf wackeligen Füssen. Wenn mir Menschen dann mitten in dieser emotional herausfordernden Zeit sagten, dass sie hinter mir standen – wohlgemerkt ohne die ganze Geschichte zu kennen und ohne, dass ich mich für meine Entscheidungen rechtfertigen musste – gaben sie mir etwas zurück, was mir langsam, aber sicher abhanden kam: Vertrauen und Wert. Das war für meine seelische Gesundheit sehr wichtig.

Was mich im Gegenzug sehr befremdete, waren Menschen, die mich nach den Gründen für die Trennung/Scheidung ausfragten, obwohl sie mir nicht besonders nahe standen. (Leider kam das auch vor. Es gibt besonders in den christlich-frommen Kreisen auf diesem Gebiet noch Lernpotenzial.) Ich musste lernen zu meinem Schutz eine Grenze zu ziehen und dazu zu stehen. Erst kürzlich legte ich mir eine Antwort zurecht, falls ich wieder mit einer grenzüberschreitenden Frage konfrontiert werde; weil, ja, es passiert heute noch. Manche wollten von mir hören, wie schlecht es den Kindern ging, seit ihr Vater nicht mehr bei uns wohnt… Das hat mich noch mehr deprimiert, als ich es ohnehin schon war und zeugt von ganz wenig Gottvertrauen.

Mit guten Freunden redete ich über meine Situation, aber ich wollte mit meinen Freunden keine Therapiestunde und auch keine schlauen Ratschläge. Ich wollte sein. Ich wollte die Freiheit haben zu reden, wenn mir drum war und wollte nicht reden müssen, nur weil jemand über alles informiert sein wollte. Da mich die Beratungen sehr viel Energie kosteten, brauchte ich Zeiten in denen ich mich erholen konnte. Da haben mir Freunde gut getan, die mit mir ins Kino gingen, mich mit oder ohne Kinder in die Ferien mitnahmen, meine Kinder ein paar Stunden lang betreuten, Blumen vorbeibrachten oder mich auf ein Bier einluden (ja, das kam auch vor!). Die Unterstützung in praktischen Dingen, wie schwere Gartenarbeit, die Reparatur vom Treppengeländer, das Auto für die Motorfahrzeugprüfung vorzubereiten, die verstopften Abflüsse durchzuspülen, kann ich gar nicht genug betonen. In den Zeiten meiner grössten seelischen Belastung trugen diese Freunde mit ihrer praktischen Hilfe zu meiner Entlastung bei. Und wie das geholfen hat!

Ich fühlte mich oft als Aussenseiterin. Ich war als Geschiedene in meinem Umfeld auf weiter Flur allein. Ausserdem trug das Wort Scheidung für mich ein gewisses Stigma: Ich gehöre zu denen, die es nicht geschafft haben. Alle wissen über mein Scheitern Bescheid, aber ich weiss nichts über sie und über ihr Scheitern (Scheitern tun wir nämlich alle) und das ist ein grosses Ungleichgewicht und manchmal schwierig zu (er)tragen. Was hat mir geholfen? Zu spüren, dass ich nicht auf mein Scheitern und auf die Scheidung reduziert werde. Freundlichkeiten in Form von einem Lächeln, einem Kompliment, einer Umarmung oder einem offenen Gespräch schätze ich seither sehr. Ich bin nämlich mehr als mein Scheitern. Jawohl.

Im Grunde hat mir meine Scheidung wieder neu vor Augen geführt, wie wertvoll jeder einzelne Mensch ist. Die, die sich trennen genauso wie die, die noch zusammen sind. Die, die verlassen werden und die, die schon immer allein waren. Wir alle sind wertvoll. Und wir alle verdienen es als wertvolle und kostbare Menschen behandelt zu werden.

Armutsgier und Grosszügigkeit

Ich fand die Frau etwas mühsam. Sie stand am Kuchenstand in der Turnhalle der Primarschule und konnte sich nicht entscheiden, welches Kuchenstück sie wollte. Ihre kleinen Kinder wuselten um sie herum, was die ganze Sache nicht einfacher machte. Ich wollte ihr behilflich sein, aber sie beachtete mich kaum. Ihre Augen bewegten sich unruhig über die Kuchenstücke hin und her. Irgendetwas in ihrem Blick ging mir nach und kam mir entfernt bekannt vor. Erst viel später erkannte ich was sich da abgespielt hatte: Es ging ihr nicht darum sich für den Kuchen zu entscheiden, den sie am liebsten gehabt hätte und auch nicht um den Kuchen, den ihre Kinder am liebsten gehabt hätten. Es war ein Abwägen nach dem grössten Stück. Es war ein Fragen, wie sie für ihre Fr. 2.- möglichst viel bekommen würde. Und aus meiner Ungeduld mit ihrer scheinbar komplizierten und unentschlossenen Art wurde Mitgefühl.

Was ich in den Augen und in der Haltung dieser Frau sah, nenne ich “Armutsgier” und erkannte ich vor allem deswegen, weil ich dieses Gefühl kenne. Wenn man mit dieser Haltung lebt, liegt Qualität weit hinter Quantität. Und persönliche Vorlieben kommen schon gar nicht vor. Es geht nur ums „wie viel“. Und darum für möglichst wenig Geld möglichst viel von irgendetwas zu bekommen.

Eine Zeitlang habe ich alles genommen, was man mir oder uns geschenkt hat – es war schliesslich geschenkt und die Frage, ob wir es brauchten, stellte sich gar nicht. Die Frage, ob es uns gefällt, stellte sich noch weniger. Inzwischen bin ich wählerischer geworden. Wenn wir bisher ohne einen Gegenstand klar gekommen sind, ist dieser Gegenstand selten wirklich notwendig. Aber ich musste lernen umzudenken. Was brauche ich wirklich? Was möchte ich wirklich? Ich schaffe es nicht immer, aber immer öfter. Ich lerne immer mehr meinem Gott zu vertrauen, der versprochen hat, dass wir haben werden, was wir brauchen. Es ist nicht nötig von der Gier gesteuert zu werden. Auch nicht von der Sorge. Auch nicht von dem Gefühl zu kurz zu kommen.

Trotzdem möchte ich erwähnen, dass es nicht einfach ist in einem permanenten Zustand der finanziellen Unsicherheit zu leben. Ich muss mich aktiv darum bemühen mich nicht zu sorgen. Dieser Zustand zehrt an meinen Kräften und manchmal an meiner Lebensfreude.

So sind wir alle an dem einen oder anderen Punkt herausgefordert. Vielleicht ist deine Herausforderung deine Arbeitsstelle oder keine Arbeitsstelle zu haben, deine Gesundheit (körperlich oder psychisch), dein soziales Umfeld, eine Beziehung, deine Familiensituation, deine Kinder oder kein Kind zu bekommen. Wir sind alle unterwegs und geben alle unser Bestes und sind doch alle am Lernen. Und weil es mir so gut tut, wenn mir Verständnis für meine Herausforderungen entgegengebracht wird, möchte ich dir statt mit Ungeduld mit grosszügigem Verständnis begegnen.

Liebe Freundin meines Ex-Mannes

Heute Abend als die Kinder so fröhlich vom Wochenende mit ihrem Vater und mit dir zurückkamen, war ich von Herzen dankbar, dass es dich gibt.

Ich verstehe, dass es für meine Kinder schwierig ist, jede zwei Wochen ihre Sachen zu packen, aus ihrem gewohnten Umfeld heuausgepflückt zu werden und plötzlich ganz woanders, wo sie eigentlich fremd sind, das Wochenende zu verbringen. Das meine Kinder das tun müssen, tut mir jedesmal wieder im Herzen weh.

Ich verstehe, dass es für meinen Ex-Mann schwierig ist, seine Kinder nur jedes zweite Wochenende zu sehen, plötzlich in die Kinderwelt eintauchen zu müssen, mit der er inzwischen nicht mehr jeden Tag zu tun hat und sich im zwei-Wochen-Rhythmus auf seine Kinder einzustellen. Es gibt so vieles, was er verpasst und dann soll er plötzlich von null auf hundert ganz für sie da sein. Das ist schwierig.

Ich ahne, wie schwierig es für dich sein muss, die sich plötzlich nicht mehr nur um die eigenen Kinder kümmern muss, sondern auch noch um drei weitere, die du vorher gar nicht kanntest. Sie bringen eine andere Erziehung mit, vielleicht andere Werte und Umgangsformen, andere Gewohnheiten, sind auch nicht bei sich zuhause, benehmen sich mal so mal anders – bringen Vieles mit, das du gar nicht kennen kannst. Deine Beziehung zu meinem Ex-Mann ist nicht nur eine Beziehung zwischen zwei Erwachsenen, nein, da sind auch noch drei (weitere) Kinder im Packet. Das ist nicht einfach.

Und deshalb danke ich dir, dass du dir die Mühe gemacht hast, dich auf meine Kinder einzulassen. Danke, dass du ihnen einen Ort zurecht gemacht hast, der für sie ein Zuhause weg von Zuhause sein kann. Danke, dass du auf sie eingehst und sie fragst, ob sie etwas mögen oder nicht. Danke, dass du mit den Mädchen shoppen gehst. Und meinem Sohn Tipps gibst, wie er besser einschlafen kann. Danke, dass sie in deinem Leben einen Platz haben dürfen. Das tut ihnen gut – und mir auch.

Vor allem, danke ich dir, dass du meinen Ex-Mann unterstützt und er dadurch ein besserer Vater ist. Danke, dass du mit deinem Einsatz dazu beiträgst die Schwere einer Scheidung etwas leichter zu machen.

Mein Jahr fängt an

Es war drei Uhr nachmittags am 2. Januar und schon die dritte Abholfahrt an diesem Tag. In einem Arm hielt ich ein paar Ski fest, unter dem anderen klemmte ich ein Snowboard ein und in einer Hand hielt ich eine grosse Tasche und hoffte, dass die Turnschuhe, die darauf balancierten auch dort bleiben würden. Meine Tochter lief mit einem grossen Koffer, einem Rucksack und einem Skihelm mit baumelnder Skibrille vor mir her. Wir mussten an der Garageneinfahrt zwei Kleinbusse an uns vorbei lassen bevor wir selber die Rampe hinab zu unserem Auto in der Tiefgarage marschieren konnten.

Der Samstag hatte früh angefangen. Um 7 Uhr war ich losgefahren, quer durch die noch dunkle Stadt. Es regnete und kaum war ich im Zentrum streikte mein Navigationsgerät. Mir blieb nichts anderes übrig als den Weg zu erraten, was sich als schwierig erwies, da ich keinen blassen Schimmer hatte, welche Richtung ich einschlagen sollte. Als sich das Navi wieder bequemte mitzumachen, musste ich “bitte wenden” und war schnell wieder in der richtigen Richtung unterwegs. (Das ist alles nicht wirklich schlimm, aber ich gerate bei solchen Situationen leicht in Panik… .) Mit verkrampften Magen und nach einigen Tränen (weniger wegen der Fahrerei als wegen meiner scheinbaren Unfähigkeit das Leben als Alleinerziehende gut zu meistern) kam ich nach einer Stunde im Lagerhaus an, gerade als es hell wurde. Dort erwartete mich mein Sohn, der sich während dem Lager öfters mal übergeben hatte und deshalb abgeholt werden musste. Diese Aufgabe fiel mir zu, obwohl die Verantwortung für die Kinder meiner Meinung nach beim Ex lag; er sah das wohl anders und – man kann es nicht anders formulieren – hatte mein Mutterherz ausgenutzt. Ich kam mir zumindest ausgenutzt vor. Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich den Kürzeren ziehe und meine Pläne ändern muss, weil die Pläne des Ex scheinbar unumstösslich sind – im Gegensatz zu meinen. Das darf ich hoffentlich an dieser Stelle auch mal sagen. Diese Situation ärgerte und beschäftigte mich bereits schon seit dem Abend davor.

Nun gut. Ein paar Stunden später war ich wieder unterwegs, um meine Älteste abzuholen. Ich schaffte es knapp ihren grossen schweren Koffer ins Auto zu hieven und stiess nicht zum ersten Mal an diesem Tag ein Stossgebet zum Himmel: Einen Partner zu haben wäre wirklich, wirklich schön! Gott, meinst du das geht irgendwie???

Und dann, wie ich schon sagte, holte ich das dritte Kind um kurz nach drei ab und stand schwer beladen vor dem Garagentor. Plötzlich winkt uns der Fahrer des zweiten Kleinbusses zu. Es war Jochen, der Götti (Patenonkel) meiner Tochter. Er stieg aus, packte Ski, Snowboard und Koffer in den Minibus und fuhr alles vor unser geparktes Auto. Zack und fertig gejammert. Die Freundlichkeit, die mir in dieser kleinen Geste der praktische Hilfe entgegenkam, machte mir Mut und berührte mein Herz inmitten der ganzen Bedrückung der letzten Stunden ganz tief. Ich fühlte mich gesehen und getröstet.

Über das Vertrauen

Ich denke viel über Vertrauen nach. Was bedeutet Vertrauen? Ist es Vertrauen zu sagen: Das kommt schon gut? Es kommt darauf an, was man mit „gut“ meint.

Mein Vertrauen wurde dieses Jahr sehr herausgefordert. Und vieles ist “gut” geworden. Jana hat eine Lehrstelle gefunden und in unserer neuen Wohnung fühle ich mich immer noch fast wie in einem Schloss (es zieht nicht durch die Fenster und Türen, der Kühlschrank bildet keine Pfützen und die Zimmer sind gross – ausser das Wohnzimmer, aber damit kann ich leben). Aber das Leben geht weiter und es kommen immer neue Herausforderungen auf uns zu. In der letzten Zeit wird unser aller Vertrauen durch die gewaltsamen Geschehnisse in nahen und fernen Ländern arg gefordert.

Es gibt da eine Geschichte über das Vertrauen. Drei Männer wurden vor einen König geschleppt. Sie hätten sich vor einer Statue verbeugen und diese anbeten sollen. Nur ging das total konträr zu ihrem Glauben und ihrer tiefsten Überzeugung. Sie waren bereit die Konsequenzen zu tragen. Und vertrauten ihrem Gott. (Die Konsequenz war übrigens kein Pappenstiel: Ihnen drohte in einen Feuerofen geworfen zu werden und bei lebendigen Leibe zu verbrennen.) Wir denken gleich, ja ja, sie vertrauten Gott, dass er sie aus dieser Klemme herausretten würde, aber hört, was sie dem König sagten:

„Wenn der Gott, den wir verehren (also vertrauen), es will, kann er uns ganz bestimmt retten. Sowohl aus dem brennenden Feuerofen als auch aus deiner Hand, o König, wird er uns dann retten. Aber selbst wenn er es anders beschlossen hat, sollst du, o König, es mit Sicherheit wissen: Wir werden deine Götter niemals verehren und die goldene Statue, die du hast aufstellen lassen, niemals anbeten.“* Wow. Was für ein Vertrauen. Und nicht gerade das, was wir spontan unter Vertrauen verstehen. Vor allem der Satz, der mit “Aber selbst…” beginnt.

Es scheint beim Vertrauen nicht darum zu gehen, dass man darauf hofft und sich sicher ist, dass alles wieder gut kommt. Auch wenn das hier in der Schweiz ein beliebter Spruch ist: S’chunnt scho guet. Also das wird schon wieder. Oder die fromme Variante: Bei Gott ist alles möglich. Ganz ehrlich, bei mir ist schon einiges nicht gut gekommen und auch nicht wieder geworden. Und obwohl Gott alles kann und ihm alles möglich ist und ich ihm vertraut habe, ist mein erster Mann an Aids gestorben und von meinem zweiten Mann wurde ich geschieden. Was ist denn da gut gekommen? Und was hat Gott jetzt genau dazu beigetragen?

Aber Gott will doch Ehen retten und wiederherstellen! Ja, das glaube ich auch, aber er wird nicht über das Herz des Einzelnen hinweggehen und jemandem die von aussen am einfachsten aussehende (oder christlich-korrekte und angesehenste) Lösung überstülpen. Es geht Gott immer darum Leben zu retten und zu erhalten. Das kann er manchmal besser, wenn eine Ehe auseinander geht. Ich weiss, das passt nicht in unser Denken, weil die Ehe im christlichen Kontext praktisch unantastbar geworden ist. Aber vor Gott ist das nicht so. Er hat den Menschen zuerst geschaffen und danach die Ehe, dass sie dem Menschen dienen soll, nicht umgekehrt.

Oft wird unser Glaube oder Vertrauen davon gesteuert, was wir wollen. Und was wir wollen ist oft das, was uns gut dastehen lässt oder das, wovon wir unser Lebensglück abhängig machen. Wir sind dann überzeugt, dass Gott das auch will. (Es steht doch so in der Bibel, also muss er es wollen.) Aber er schaut tiefer. (Das steht auch in der Bibel.) Er schaut unser Herz an. Vielleicht hat sich ein Partner dermassen in einen Lebensstil (und damit meine ich nicht nur einen äusserlichen Lebensstil, sondern auch die innere Art, das Leben und Beziehungen zu leben) verrannt, dass Gott es zulässt, dass eine Ehe kaputt geht, um dieses Herz durch einen Zerbruch zu erreichen. Gott würde ich das zutrauen. Ihm ist mein Herz tatsächlich wichtiger als meine Ehe! Er ist nämlich anders als wir. Weiter. Grösser. Liebevoller. Konsequenter. Er hat den Überblick, den wir nicht haben. Er sieht Wege, wo wir nur Wüste sehen und verspricht, dass er immer für uns ist und uns nie alleine lässt…darin liegt unser Vertrauen.

 

*Diese spannende Geschichte kann man in der Bibel, im Buch Daniel Kapitel 3, Verse 16-18 nachlesen. (Man kann sie auch googeln, falls man keine Bibel zur Hand hat.

Vorbildfunktion

Es kommt vor, dass ich denke, ich habe genug über dieses leidige Thema geschrieben. Soll ich wirklich wieder etwas über Trennung/Scheidung schreiben? Heute sprach mich jemand an und dankte mir für meine Blogartikel über Trennung/Scheidung, da sie für ihren Umgang mit den Menschen, die von diesen Situationen betroffen sind daraus lernt. Also trete ich mutig die Flucht nach vorne an und veröffentliche diesen Artikel, der schon länger bei mir schlummert.

„Ich hoffe, dass die beiden wieder zusammen kommen. Nur schon wegen der Vorbildfunktion.“ Dieser Satz eines Bekannten über ein getrenntes Ehepaar geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Und innerlich wehre ich mich dagegen, denn was ist wichtiger: die Vorbildfunktion oder die beiden Personen, die von der Trennung betroffenen sind? Oder anders gesagt: Geht es darum Ehen zu retten oder Menschen zu retten? (Ja, so kann man das auch formulieren und dabei möchte ich auf keinen Fall die Ehe abwerten, aber auch nicht über den Menschen stellen.)

Kürzlich dachte zurück an die Zeit in der ich mich für oder gegen meine Ehe entscheiden musste. Was war das schwierig! Es war keine Entscheidung zwischen gut und schlecht, sondern zwischen schlecht und schlechter. Ich musste herausfinden, welche Variante mir überhaupt Luft zum Atmen gab.

Und dann diese Erwartung noch ein Vorbild sein zu müssen. Das kann einem die restliche Luft grad auch noch nehmen.

Was erwarten wir von einem Vorbild? Dass wir uns verhalten, wie es der christliche Verhaltenskodex vorschreibt? Dass der (christliche) Schein gewahrt wird? Dass wir, die Aussenstehenden, nicht enttäuscht werden? Wenn dem so ist, befinden sich unsere Erwartungen an Vorbildern ganz weit weg von dem, was uns die Bibel erzählt. Dort finden wir Geschichte um Geschichte von Menschen, die sich Sachen geleistet haben, die man in der Gegenwart von Minderjährigen gar nicht laut aussprechen will. Interessanterweise stehen diese Menschen bei Gott recht hoch im Kurs (horch, horch), also diejenigen, die ehrlich zu ihrem Versagen gestanden sind. Und, wenn ich das noch anfügen darf: von Gott gebraucht werden alle, ob sie nun zu ihrem Scheitern stehen oder nicht. Der ehrliche Umgang mit Scheitern und daher auch das Scheitern selbst scheinen bei Gott keine grossen Wellen zu schlagen. Unser Richten und Urteilen, das Polieren vom äusseren Schein, das Heucheln ist eine ganz andere Sache. Das kommt bei Gott gar nicht gut an. (Das kann man alles nachlesen.*) Gott schaut also auf das Herz. Wer von uns kann das von sich behaupten?

Wir könnten eine gescheiterte Ehe auch als ein ehrliches Zugeständnis sehen.

Wir könnten den Kampf einer Person würdigen, die bereit ist zuzugeben: Meine Ehe ist krank, ich gehe in dieser Beziehung kaputt (und das zuzugeben, braucht viel Mut und Kraft).

Wir könnten die Stimme hören, die sagt: Ich will euch nicht länger etwas vorspielen, ich stehe dazu, dass meine Ehe nicht mehr lebbar ist.

Wir könnten selber bereit sein ehrlich zuzugeben, dass wir nicht wirklich wissen, was ein getrenntes Paar alles durchgemacht hat, weil wir noch nie in ihren Mokassins gelaufen sind.

Wir könnten darin ein Vorbild sehen, dass mit Gott ein Neuanfang gewagt wird.

Wir könnten uns dazu entscheiden, diesem Vorbild zu folgen und mehr auf unser Sein zu achten als auf unseren Schein. Darum geht es doch letztlich, oder?

 

*In der Bibel, z.B. in der Geschichte vom Pharisäer und Zöllner (Lukas 18)

Lebe ich ehrlich oder angstgesteuert?

Nach dem schrecklichen Attentat in den USA, in welchem 9 Mensch ihr Leben – in einer Kirche – genommen wurde, laufen die Emotionen hoch und der Rassenkonflikt wird wieder diskutiert. Ich verfolge diese Diskussionen, die Inputs, die Fragen, das Ringen und etwas springt mir immer wieder ins Auge. Wenn wir mit heiklen Situationen konfrontiert werden, Situationen, die ein Tabu berühren oder ein heikles Thema ansprechen, will sich keiner die Finger verbrennen. Eigentlich wollen wir etwas sagen oder tun, aber weil wir nicht das Falsche sagen wollen, schweigen wir.

Das kommt mir sehr bekannt vor. Im Umgang mit Getrennten/Geschiedenen schwingt oft ein gewisses Mass an Angst mit. Und zwar genau deswegen, weil man nichts falsch machen will. Das ist auch verständlich – wir werden mit einem Zustand konfrontiert, der uns fremd ist und mit welchem wir uns nicht auskennen. Ich verstehe nicht, was Menschen empfinden, die in Lebensumständen sind, die ich nicht kenne. Das ist schwierig. Wie und wo fängt man da nur an, ohne jemanden auf die Füsse zu treten?

Wenn wir uns mit Schweigen zufrieden geben, gibt es ein Problem: Niemandem wird dadurch geholfen. Ist es wirklich das, was wir wollen? Wollen wir wirklich weiterhin schweigen und blind an unseren Auffassungen und festgebildeten und festgefahrenen Meinungen festhalten und in dieser Starre verharren, bis wir oder die anderen … nun, bis wann eigentlich? Wie stellen wir uns das vor? Vermutlich haben wir uns gar nichts vorgestellt. Was auch nicht hilft. Leider.

Diese Fragen lassen sich auf ganz viele Situationen anwenden: Wie begegne ich Menschen, die anders sind, vielleicht mit einer körperlichen oder geistigen Einschränkung leben? Wie gehe ich mit Ausländern/Asylanten um? Wie reagiere ich, wenn Menschen unter Unrecht leiden? Wenn ihre Stimme nicht gehört wird? Wenn eine Scheidung oder Armut zur Ausgrenzung führt?

Mehr als eine Stimme, die sich in den USA erhob, sagte (und das ist mir eingefahren): „Wir müssen keine Angst haben, wir müssen nur EHRLICH sein, Zuhören und Reden.“ Es ist mir eingefahren, weil es sich nicht nur auf den Rassenkonflikt in den USA anwenden lässt, sondern auf unser tägliches Leben.

  • Angst führt zu Beklemmung. Ehrlichkeit lässt mich aufatmen.
  • Angst macht mich misstrauisch. Ehrlichkeit trägt zur Vertrauensbildung bei.
  • Angst führt zu Heuchelei. Ehrlichkeit erlaubt mir mich selbst zu sein.
  • Angst versteckt. Ehrlichkeit deckt auf.
  • Angst verunsichert. Ehrlichkeit zeigt mir woran ich bin.
  • Angst versteckt sich hinter verriegelter Tür. Ehrlichkeit öffnet die Tür für Neues.
  • Angst macht mich einsam. Ehrlichkeit gibt anderen die Möglichkeit mich zu begleiten.
  • Angst sagt: Wir haben kein Problem. Ehrlichkeit sagt: Es gibt ein Problem, wie können wir daran arbeiten?
  • Angst schweigt (und geht kein Risiko ein). Ehrlichkeit fragt nach, hört zu und redet (auch mit dem Risiko, dass sie das Falsche sagt).
  • Angst bringt mich zum Zittern. Ehrlichkeit lässt mich tanzen.

Ehrlichkeit scheint ein guter Lebensstil zu sein, braucht aber Mut. Ich wünsche dir und mir Mut zur Ehrlichkeit, Ehrlichkeit ist eine Entscheidung wert.

Ein Gebet für mich und dich

Du, ja du, du mit dem Etikett ‚geschieden‘, ja, ich meine dich. Schau nach oben und lass die Tränen laufen. Atme tief ein und wieder aus.

Das Leben geht an dir vorbei, sagst du, denkst du, fühlst du. Keiner, der da ist, keiner, der versteht wie es sich anfühlt nur noch ein Halbes zu sein und trotzdem das Ganze tragen zu müssen, keiner, der dir einen Ehrenplatz anbietet, weil, was hast du schon zu bieten ausser ein Haufen Scherben.

Ich möchte dir heute, hier und jetzt, einen Platz frei machen. Möchte dich sehen, wie du gerade und stolz dein Haupt erhebst und weisst,

ich bin wertvoll

ich bin ganz

ich bin genug

ich bin wunderschön

ich bin stark.

Alles wird gut, nicht weil du alles kannst und alles weisst und alles richtig machst. Nein, alles wird gut, weil es einen gibt, der nie aufgibt, der alles hält und sogar und besonders dich hält und erhält.

Der Plan für dein Leben war gut und ist immer noch gut. Der Plan hat sich nicht geändert, es ist auch kein neuer Plan da. Es ist der Plan, der schon immer da war. Ein Plan geprägt von Liebe und Geduld, von Barmherzigkeit und Gnade, ein Plan von einem freundlichen, liebevollen und ja, einem netten Gott. Das passt aber nicht zu all dem, was ich erlebt, erduldet und erlitten habe, schreit dein Herz. Das darf es auch schreien. Das soll es auch schreien. Und wenn es sich dann ausgeschrien hat, soll es ruhig werden, weil einer da ist, der grösser ist als alle Ungerechtigkeit, als alles Versagen, als alles Stolpern. Einer, der an dich glaubt und der immer noch an seinem Plan für dich festhält. Dein Herz weiss es, spürt es. Lass es zu.

Heute bete ich für dich. Dass mit jedem Einatmen ein Stück Würde zurückkommt. Mit jedem Ausatmen ein Stück Scham geht. Dass mit jedem Einatmen Vertrauen zunimmt. Mit jedem Ausatmen Verzweiflung schwindet.

„Du bist geliebt und gewollt. Du bist ein kostbares Kind“ heisst es in einem Lied und das gilt heute, hier und jetzt für dich. Es gilt für immer. Atme es ein.