Traurigkeit

Kürzlich fragte mich eine Freundin, wie ich mit dem Alleinsein zurechtkomme. Nun, mal besser, mal schlechter. Vor einigen Wochen sah das dann konkret so aus:

Seit der Trennung vor sieben Jahren und der Scheidung vor zweieinhalb Jahren hat sich Vieles eingependelt und ich habe mich an meine Situation gewöhnt – dachte ich. An meinen kinderfreien Wochenenden wache ich nicht mehr traurig auf, weil die Kinderstimmen fehlen und keiner zu mir ins Bett schlüpft, um zu Kuscheln, bevor wir aufstehen. Ich weine auch nicht mehr auf dem Weg in den Gottesdienst, weil ich alleine unterwegs bin und meine Kinder nicht im Auto mit mir sitzen. Ich esse sogar meistens richtig – ich koche gern etwas für mich, mit Zutaten, die meine Kinder nicht gern haben. Aber an diesem Sonntag war alles anders. Und es hat mich völlig unvorbereitet getroffen.

Ich kam in den Gottesdienst, der nur so von Familien mit ihren Kindern wimmelte. Ich suchte verzweifelt die Leute neben denen ich sonst sitze, jemanden, der nicht gerade mit der ganzen Sippe unterwegs war – und fand niemanden. Ich sass schliesslich neben Leuten, die mir nicht fremd sind, aber die ich auch nicht richtig kenne, aber da war es schon zu spät. Die Traurigkeit so ganz alleine an diesem Sonntag unterwegs zu sein, hatte schon überhand genommen und mich fest im Griff. Es hat mir fast das Herz zerrissen. Ich begrüsste die Menschen, die mir die Hand gaben, stumm, weil ich Angst hatte mit dem ersten Wort in Tränen auszubrechen. Ich überlegte, ob ich nicht einfach wieder nach Hause fahren sollte, aber der Gottesdienst hatte schon angefangen und ich blieb. Die Lieder blieben mir im Hals stecken und erst während der Predigt beruhigte und entspannte ich mich wieder – dachte ich. Beim Rausgehen begegnete mir eine Freundin und fragte, so wie man fragt, wie es mir geht. Ich bekam wieder kein Wort raus und versuchte die Tränen weg zu blinzeln. Sie nahm mich in den Arm und ich heulte los.

Ich wurde im Verlauf vom Tag von weiteren schönen Begegnungen überrascht, aber die Traurigkeit blieb lange haften. Ich ernährte mich von Chips und zwei Scheiben trockenem Brot. Ich würde gerne schreiben, dass ich aktiv wurde und die Traurigkeit vertrieb, aber das tat ich nicht. Ich ging am nächsten Tag meiner Arbeit nach und nachdem ich eine Stunde lang im Garten gejätet und aufgeräumt hatte, spürte ich wieder ein Lied in meinem (aufgeräumten) Herzen. Manchmal genügt es die Traurigkeit zuzulassen und einfach auszuhalten.

„Alles, was auf der Erde geschieht, hat seine von Gott bestimmte Zeit: … weinen und lachen,  … sich umarmen und sich aus der Umarmung lösen, … schweigen und reden.“ Aus der Bibel (Prediger 3,1-8)

8 Gedanken zu „Traurigkeit

  1. Liebe Sonja,
    Danke für deine Offenheit. Immer wieder mal dachte ich, wie es bei dir ist, da ich dich wenn, nur ohne Mann, sehe und es macht mich betroffen. Der erste Mann gestorben( in Lydia gelesen) und dann eine zweite Ehe nun wieder alleine.
    Ja, es gibt die zeiten der Traurigkeit, die dunklen Täler, auch ich kenne sie, gut zu wissen, nicht unbedingt immer zu fühlen, dass der gute Hirte auch im dunklen Tal bei dir ist.
    schön, dass es dir jetzt wieder besser geht, als am Sonntag.
    Deine Kinder sind nun auch schon grösser-wie alt sind sie?
    Wie gehen sie mit der Situation um ?
    Dass die regelmässig zum Vater gehen, ist ja possitiv, so besteht weniger die Gefahr, dass sie ihn unrealistisch vergöttern- weil er ja dann nicht die Erziehungsverantwortung im Alltag trägt.
    Wünsche dir von Herzen dass du immer wieder Zeiten nahe am Herzen Gottes geniessen kannst und Weisheit für jeden Tag.
    Du hast einen grossen Job -Drei Kinder gross zuziehen.
    herzlich grüsst Katrin Triebe
    Schwerzenbach

  2. Liebe Sonja ,
    ich habe deine Schreiben gelesen…wunderschöne Zeilen.
    Ich spürte in meinem Herzen deine Einsamkeit.
    Meine Tochter Kata ist schon seit 6 Jahren in England.
    Sie fehlt mir so sehr! Sie hat Ihre Diplom gemacht in University of EXETER.
    Ich bin sehr stolz auf Sie , totzt allem ist ein lehre Seite in meinem Herz.
    Ein Englische Man hat Sie verlobt…so ist die chance Tag zu Tag weniger , das sie einmal zurück kommt nach Ungarn!

    Bleib Stark…deine Kinder sind schon gross, und werden imm er Dir beistehen und Dich über alles lieben!
    Die Zeit ist gekommen zum lachen, weg mit Traurichkeit . Lebe und liebe!
    Mit liebe : Katalin

  3. Liebe Sonja,
    es tut weh, wirklich weh, wenn Beziehungen auseinander gehen. Ich bin beindruckt davon, wie du damit umgehst. Ich mag deine Ehrlichkeit, dein „Zulassen“ und unseren Gott, der es immer wieder versteht zu trösten. Eigentlich auch kein Wunder, heist er doch „Gott allen Trostes“.

  4. In Liäbi und ganz tüfem Mitgfühl dänk ich a dich!

    FREUNDE sind wiä Latärndli am Wägrand.
    Sie mached dä wäg nöd chürzer au nöd liächter,
    ABER HELLER.
    Ä feschti Umarmig Daniela

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