Gottes Gedanken sind höher

Monatsblatt März 2020 für die Taubblinden-Hilfe

Gottes Gedanken sind höher

Onkel Johannes ist gehörlos geboren. Drei seiner Geschwister waren hörend. Zwei Geschwister waren wie er, gehörlos. In seiner Kindheit hat er viel Schönes, aber auch viel Schweres erlebt. Die Kindheit mit seiner Familie auf einem Bauernhof war trotz Gehörlosigkeit unbeschwert. Im Alter von 7 Jahren kam er auf eine Gehörlosenschule 200 km entfernt vom Elternhaus. Dort lernte er sein erstes Gebet: Gott ist gut. Amen.

Dann fing der zweite Weltkrieg an. Der kleine Johannes überlebte einen Bombenanschlag bei dem viele andere Kinder starben. Der Vater wurde als Soldat in den Krieg eingezogen. Die Mutter musste mit den 5 Kindern fliehen. Sie überlebten die Flucht über einen gefrorenen Meeresteil in einem Pferdewagen, mussten sich im Wald verstecken und waren einige Zeit in einem russischen Gefangenenlager. Durch ein Wunder wurden sie in Niederbayern wieder mit dem Vater vereint, der im Krieg verletzt worden war. In Ostpreussen hatte die gefährliche Reise angefangen – nun waren sie in Niederbayern angekommen. Dort bekamen sie zum ersten Mal seit Monaten ein Bad, warmes Essen und konnten in einem Bett einschlafen.

Als die Fliegerbombe explodiert ist, hat sich der kleine Johannes gefragt, warum gerade sein Leben bewahrt blieb.

In der Bibel steht:

Wie der Himmel die Erde überragt, so sind auch meine Wege viel höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.

Jesaja 55,9

Wir verstehen Gottes Wege nicht immer. Manchmal fragen wir uns, was sich Gott überhaupt denkt. Wie kann ein guter Gott so viel Leid zulassen. Krieg, Zerstörung, Krankheit, Taubblindheit und Tod? Onkel Johannes hat nicht verstanden, wie das alles zusammenpasst.

Ich erzähle nächsten Monat wie der Lebensweg von Onkel Johannes weiterging.

Ein Schatz in zerbrechlichen Gefässen

Monatsblatt Februar 2020 für die Taubblinden-Hilfe

Ein Schatz in zerbrechlichen Gefässen

Ich war gerade 27 Jahre alt und mein Ehemann war am Sterben. Er war sehr krank und bereits seit Monaten bettlägerig. Die Nächte waren unruhig. Mein Mann musste oft bis zum Erbrechen husten. Ich musste jede Nacht mehrmals aufstehen, um ihm zu helfen.

Meine Eltern reisten aus Amerika an und verbrachten vier Wochen bei uns, um mich zu entlasten. Mein Vater übernahm einen Teil der Nachtwache damit ich wenigstens ein paar Stunden am Stück durchschlafen konnte. Meine Mutter kochte und erledigte den Einkauf.

Eines Tages sagte sie mir: „Sonja, du solltest etwas anderes machen, als jeden Nachmittag nur hier im Haus zu sitzen. In der Zeitung ist ein Inserat für einen Töpferkurs. Melde dich dort an.“ Das tat ich und ging einige Wochen in den Töpferkurs.

Ich hatte vorher noch nie getöpfert. Meine ersten kleinen Gefässe waren ziemlich schief. Es tat meinen Händen, meiner Seele und meinem Kopf gut mit dem Ton zu arbeiten. Alle unsere Werke wurden gebrannt und glasiert. Ich habe diese Schalen heute noch. Die kleinen, schiefen und krummen Schalen sind gute Aufbewahrungsorte für meine Ohrringe. Eine grössere Schale konnte ich als Auflaufform gebrauchen. Leider ist mir diese kürzlich zerbrochen. Gefässe aus Ton zerbrechen leichter als Plastikschalen. Sie sind aber auch schöner.

Die Bibel sagt Folgendes über zerbrechliche Gefässe:

Diesen kostbaren Schatz tragen wir in uns,

obwohl wir nur zerbrechliche Gefässe sind.

2. Korinther 4,7

Der kostbare Schatz ist das Licht Gottes. Er möchte seinen Schatz, sein Licht in uns hineinlegen. Er ist sich nicht zu schade, um in einem zerbrechlichen Gefäss zu wohnen. Sein Licht kann uns erfüllen auch wenn wir schief und krumm und zerbrechlich sind. Auch wenn wir weder hören noch sehen können. Er kann durch uns strahlen. Er liebt uns viel mehr als ich meine kleinen, schiefen, selbergetöpferten Schalen mag.

Er führt uns

Monatsblatt Januar 2020 für die Taubblinden-Hilfe

Er führt uns

Während der Weihnachtszeit hat mein Sohn Sven in der Schule Weihnachtskekse gebacken. Er hatte dabei so einen Spass, dass er zuhause auch backen wollte. Er suchte zuerst nach einem Grundrezept. Dann schaute er mit seiner Schwester, ob alle Zutaten vorhanden waren. Sie passten das Rezept etwas an und legten los. Als ich nach Hause kam, duftete es herrlich. Ich schaute nach und tatsächlich lag in der Küche etwas Gebäck auf einem Teller. Ich probierte davon. Es schmeckte gut und ich lobte meinen Sohn für die feinen Brötchen. Er lachte: Es sollten Kekse sein, aber irgendetwas war schiefgelaufen.

Das erinnert mich an die Worte von Jochen Klepper:

«Der du die Zeit in Händen hast, Herr, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen.»

Wir haben im letzten Jahr Schönes erlebt, aber auch Dinge, die uns belastet haben. Nicht alles war so, wie wir es uns vorgestellt oder gewünscht hatten. Wir dürfen Gott bitten diese Last in Segen umzuwandeln. Wir dürfen vertrauen, dass er es tut. Vielleicht sehen die Kekse eher wie Brötchen aus, aber schmecken tun sie trotzdem.

Das ist meine Hoffnung und mein Gebet für das neue Jahr. Es wird Schönes geben und weniger Schönes. Einiges wird gelingen, aber wahrscheinlich nicht alles. Wir werden, wie Sven, Kekse backen wollen und am Schluss mit Brötchen dastehen. Es wird Erfreuliches geben und anderes. Manches wird anders sein, als wir es uns vorgestellt haben. Aber in allem dürfen wir uns dem guten Hirten anvertrauen. Er kennt uns und wird uns gut durch alles führen. Er kann sogar aus meiner Last ein Segen machen. Das wünsche ich uns allen für dieses neue Jahr.

Deshalb bete ich für uns diese Worte aus der Bibel:

Herr, hilf deinem Volk! Segne uns, denn wir gehören doch dir. Führe uns wie ein Hirte und trage uns für immer in deinen Armen!  

Psalm 28,9

Er ist mit uns

Monatsblatt Dezember 2019 für die Taubblinden-Hilfe

Er ist mit uns

Meine ältere Tochter lernt Autofahren. Sie hat bereits einige Fahrstunden genommen und fährt schon ganz ordentlich. Trotzdem braucht sie noch Übung. Als sie kürzlich nach einer Fahrt das Auto in der Garage parkte, ruckelte sie dabei ziemlich nahe an einen Pfeiler. Sie war enttäuscht, dass es nicht so gut klappte. Wenn sie nicht weiss, was sie machen muss, fühlt sie sich überfordert. Sie fühlt sich im Stich gelassen und sehr allein. Dabei sitze ich neben ihr und habe zu jeder Zeit den Überblick. Aber fahren muss sie selber.

Manchmal geht es mir auch so. Ich bin auf meinem Lebensweg überfordert. Es gibt so vieles, was ich entscheiden muss. Es wäre schön, wenn jemand für mich übernehmen würde, damit ich sicher ans Ziel kommen. Aber ich muss mein Leben selber leben.

Auch in der Weihnachtszeit können wir uns alleine fühlen. Familien treffen sich oder sind gemeinsam unterwegs. Besuche werden gemacht, aber vielleicht kommt niemand zu uns. In dieser Zeit fällt es sehr auf, wenn man alleine bleibt. In diesem Jahr haben manche von uns Angehörige und geliebte Menschen verloren. Sie können nicht mehr an Weihnachten zu ihrer Familie, wie in all den Jahren zuvor. Wie schön, dass dann freiwillige Helfer einspringen und mit taubblinden Menschen gemeinsam Weihnachten feiern.

Ich möchte immer wieder daran denken, dass ich in meinem Lebensauto nicht alleine unterwegs bin. Keiner ist alleine unterwegs. In der Bibel steht:

Seht! Die Jungfrau wird ein Kind erwarten! Sie wird einem Sohn das Leben schenken, und er wird Immanuel genannt werden. Das heisst, Gott ist mit uns. Matthäus 1,23

Deshalb feiern wir Weihnachten. Gott ist mit uns und wir sind nicht allein.

Frohe Weihnachten!

 

Er kennt deinen Namen

Monatsblatt September 2019 für die Taubblinden-Hilfe

Wenn andere Menschen meinen Namen vergessen, nennen sie mich Silvia oder Susanne. In Chile nannten die Leute mich oft „linda“. Das bedeutet auf Spanisch „Schöne“, aber ich dachte „Linda“ ist ein Name und ärgerte mich, dass sie mir einen falschen Namen sagten.

Im Juni war der letzte Begegnungstag in Aarau*. Es waren weniger Teilnehmende als üblich. Das war schade, aber auch gut: Ich konnte mir eure Namen besser merken. Mein Namensgedächtnis ist nicht besonders gut. Es kann sein, dass ich eure Namen vergesse oder verwechsle. Vielleicht fallen mir eure Namen vor Aufregung bei unserer nächsten Begegnung nicht ein. Vielleicht habe ich einen falschen Namen im Kopf. Das kann alles passieren. Trotzdem hoffe ich, dass ich mich an unserem nächsten Begegnungstag am 24. November noch an eure Namen erinnern kann.

Die Namen meiner Kinder werde ich nicht vergessen. Das wird mir nicht passieren. Ich habe ihre Namen ausgesucht. Ich weiss, was ihre Namen bedeuten. Und die kostbaren Seelen hinter diesen Namen sind mir sehr lieb und wertvoll.

Gott vergisst die Namen seiner Kinder auch nicht. Er hat jeden Menschen geschaffen. Er hat jedem Menschen das Leben geschenkt. Wir sind für ihn so wertvoll, wie meine Kinder für mich wertvoll sind. Gott liebt seine Kinder sogar noch mehr als ich meine Kinder liebe. Das können wir uns gar nicht richtig vorstellen.

Er kennt deinen Namen und weiss, wer du bist. Er kennt deinen Namen und denkt liebevoll an dich. Er kennt deinen Namen und weiss, was du denkst und fühlst. Er freut sich sehr darüber, wenn wir auch seinen Namen kennen.

Und das steht auch in der Bibel:

Hab keine Angst, ich habe dich erlöst.

Ich habe dich bei deinem Namen gerufen;

du gehörst mir.

Jesaja 43,1

* Die CAB (Schweizerische Caritasaktion der Blinden) führt in Zusammenarbeit mit der Stiftung ‚Taubblinden-Hilfe’ regelmässig Begegnungstage mit Gottesdiensten in Aarau für Menschen mit einer Hörsehbehinderung oder Taubblindheit durch.
Wer sich dafür interessiert an einem Begegnungstag dabei zu sein, kann sich bei mir melden.

http://www.tbh.ch/Angebote/Begegnungstage/tabid/71/language/de-CH/Default.aspx

Er sieht uns

Monatsblatt August 2019 für die Taubblinden-Hilfe

Ich verbrachte meine Kindheit in Chile. Das Land Chile ist in Südamerika und sieht aus wie eine lange (grüne) Bohne. Meine Eltern waren Missionare unter deutschsprachigen Menschen. Ich war also jeden Sonntag in der Sonntagsschule oder im Gottesdienst. Im Sommer fuhren wir in den Süden Chiles, wo es kühler war als in der Hauptstadt Santiago. Dort hielten wir Familien-, Kinder- und Jugendlager und wohnten für ein paar Wochen in Zelten auf dem Land. Wir spielten auf den Feldern, assen wilde Brombeeren und Äpfel von den Bäumen. Wir badeten in Flüssen und Seen. Als Kind hörte ich viele Geschichten aus der Bibel und lernte Lieder über Gott. An das folgende Lied kann ich mich noch gut erinnern:

„Pass auf, kleines Auge, was du siehst. Denn der Vater im Himmel schaut herab auf dich, drum pass auf, kleines Auge, was du siehst.“

In allen sieben Strophen geht es darum, dass wir aufpassen sollen, was Ohr, Mund, Hand, Fuss und Herz machen, weil Gott es sieht.

Vielleicht kennt ihr dieses Kinderlied auch noch. Ich dachte lange, dass Gott nur das sieht, was ich falsch mache. Aber er sieht viel mehr: Er sieht, was wir richtig und gut machen. Er sieht, ob wir lachen oder weinen. Er sieht, ob wir enttäuscht oder überrascht sind. Er sieht, ob wir einsam und traurig sind. Er sieht uns vor allem dann, wenn andere uns nicht sehen und wenn wir Hilfe brauchen.

Es gibt eine Geschichte in der Bibel über eine Frau mit dem Namen Hagar. Sie wurde mit ihrem Sohn in die Wüste geschickt und dachte, ihr Sohn würde dort sterben. Sie weinte und schrie zu Gott. Gott antwortete und zeigte ihr eine Wasserstelle. So überlebten Hagar und ihr Sohn. Sie war so glücklich darüber, dass Gott sie gesehen hatte, dass in der Bibel steht:

Und sie (Hagar) nannte den Namen des Herrn,

der mit ihr redete:

Du bist ein Gott, der mich sieht.

1. Mose 16,13

Er kennt uns

Seit dem 1. Juni 2019 bin ich bei der Stiftung Taubblinden-Hilfe angestellt. Einer meiner Aufgaben ist es jeden Monat ein Monatsblatt (auch Wort aus der Bibel genannt) zu schreiben. Es wird an etwa 50 Personen versandt. Es sind kurze Texte, in denen ich auf ein Wort aus der Bibel Bezug nehme. Sie haben auf einem A4 Blatt Platz, sind in einer grossen Schriftgrösse gestaltet und eher in einfacher Sprache gehalten. Viele meiner Leser sind blind oder sehbehindert und wenn ein Text auf Braille oder in grosser Schwarzschrift gelesen werden muss, sind einfache Sätze schneller verständlich. Darauf versuche ich Rücksicht zu nehmen und hoffe, dass es mir gelingt.

Monatsblatt Juli 2019 für die Taubblinden-Hilfe

Ich schreibe zum ersten Mal das Monatsblatt. Ab 1. Juni 2019 bin ich zu 40% bei der Stiftung Taubblinden-Hilfe angestellt und übernehme die Aufgaben von Siegfried Schmid (der nicht mit meinem Mann verwandt ist). Ich möchte mich kurz vorstellen: Meine Name ist Sonja Weber-Schmid. Ich bin seit Juli 2018 mit Joachim Schmid verheiratet. Ich habe drei Kinder aus der vorgehenden Ehe.

Die Älteste heisst Jana und ist 20 Jahre alt. Sie ist von Beruf Schneiderin. Sie mag Fotografieren, Tanzen und Singen. Sie ist hilfsbereit, verantwortungsbewusst und freundlich. Sie möchte immer das Richtige tun.

Die Zweite heisst Kristina und wird diesen Sommer 18. Sie war ein wildes Kind, das immer ihren Kopf durchsetzen wollte. Sie macht jetzt eine Lehre als Pharma-Assistentin. Sie ist sehr aufmerksam und hat eine schnelle Auffassung. Man sieht ihr sofort an, ob sie glücklich oder frustriert ist.

Der Jüngste heisst Sven und wird bald 15. Er geht noch zur Schule, aber interessiert sich mehr für Sport als für die Schule. Er ist der Grösste von uns allen und trägt schon Schuhgrösse 46. Er hat ein weiches und mitfühlendes Herz.

Ihr merkt, dass ich meine Kinder gut kenne. Ich weiss, was sie brauchen. Ich weiss, was sie gern essen und was ihnen nicht schmeckt. Aber ich weiss nicht alles über sie. Das ist bei Gott anders. Er kennt uns ganz genau. Er kennt jedes Geheimnis. Er kennt unsere Eigenheiten und weiss, was wir brauchen. Er liebt uns, wie ein Vater oder eine Mutter es tut.

Das steht auch in der Bibel:

Herr, du hast mich erforscht und kennst mich ganz genau. Wenn ich mich setze oder aufstehe – du weißt es; meine Absichten kennst du schon im Voraus.

Psalm 139,1

So ist er

Ich hatte ihn lange nicht gesehen. Ich möchte das präzisieren: Ich hatte ihn schon sehr lange nicht gesehen. Was nicht an ihm lag, nein, es lag an mir, das war offensichtlich. Ich hatte mich schon sehr lange nicht mehr in seinen Gefilden aufgehalten. 

Aber jetzt war ich wieder da – und auch wenn ich es kaum zu hoffen wagte (ich hatte mir gerade eingeredet, dass er vermutlich gar nicht da sein würde) – war er es auch. Ich habe ihn tatsächlich entdeckt. Wir haben uns begrüsst und ein paar freundliche Worte gewechselt. Eigentlich war ich ihm schon letzte Woche begegnet, aber da war ich mit einer Freundin unterwegs und habe ihn ohne grossen Aufhebens zur Kenntnis genommen. Er war nicht beleidigt. Und auch heute begegnete er mir auf keiner Art und Weise vorwurfsvoll. Wie nett von ihm. Und wie freundlich. Er hat diese Art, die ich mir für mein Leben und meinen Umgang mit meinen Freunden auch wünsche.

Meine Freunde und die Leser meines Blogs wissen, dass ich vom „alten zerzausten Mann am See“ rede… ich meine natürlich den Reiher am See, den ich beim Joggen so oft sehe.

Als wir kürzlich mit Freunden beim Essen über unsere Nähe zu Gott redeten und dass wir manchmal ein wenig den Draht zu ihm verlieren oder dieser Draht nicht immer so heiss ist, kam mir der Reiher wieder in den Sinn. Joggen tut mir gut. Den Reiher sehe ich beim Joggen. Aber ich war bis vor kurzem einfach (wieder) nicht joggen gegangen. (Bis meine liebe Nachbarin mich wieder dazu aufforderte und mich mitnahm.) Das ist eine wunderbare Analogie meiner Gottesbeziehung. Ich muss mir Gottes Freundlichkeit nicht verdienen, muss nichts besonderes vorweisen, aber es hilft ungemein, wenn ich dorthin gehe, wo ich ihn sehe. Und wenn ich dort bin, hilft es, dass ich aufmerksam nach ihm Ausschau halte. Und manchmal muss mich jemand anders dazu auffordern und mitnehmen.

Glücklicherweise sind die Tage vorbei, wo Gott sich nur im Tempel an einem bestimmten Ort aufhält – und übrigens hat er damals schon diese Konvention gesprengt und ist Menschen dann und dort begegnet, wo er wollte. Ich kann immer und überall aufmerksam durch den Alltag gehen und hier und dort sehen, wie er sich zeigt und mir verschmitzt zuzwinkert, in dem freundlichen Blick einer Nachbarin, in der Geduld einer Mutter mit ihrem quengelnden Kind, in der liebevollen Zuwendung eines Vaters, der die Velos seiner Kinder flickt und beim Pumpen hilft, in der Umarmung meines Liebsten, bei dem ich mich fallen lassen kann – und besonders jetzt im Frühling in der blühenden Natur um uns herum. Er ist immer und überall um uns herum.

Ich kann mir also bewusst für die Gottesbegegnung Zeit und Raum schaffen, mich sozusagen dorthin bewegen, wo er ist, aber ich kann auch aufmerksam durch meinen Tag gehen. Ich mache gern beides, weil mich beides erfüllt. Aber ich schaffe es nicht immer. Was mir nie von seiner Seite vorgeworfen wird. Wie schön! Wie freundlich!

Ein Wort zu Halloween

Vielleicht hast du ein mulmiges Gefühl, wenn es langsam wieder auf Halloween zugeht, weil Christen Halloween nicht feiern, sagt man, und überhaupt das gruselige Getue mit Hexen, Teufeln, Untoten und diesen grausigen Screammasken, ganz zu schweigen von dem Vandalismus, der damit einhergeht. Es gibt aber viele andere Kulturen und Menschen, die mit Halloween genauso wenig anfangen können wie Christen, also müssen wir uns darauf gar nichts einbilden. Unser Heiligenschein glänzt nicht heller und wir verdienen uns keine Bonuspunkte im Himmel, wenn wir die Klingel abstellen und einen Zettel an die Haustür kleben mit den Worten “Wir feiern nicht Halloween, wir feiern Jesus”. Wir ernten dafür höchstens hochgezogene Augenbrauen und ein fragendes Gesicht, vielleicht noch ein wenig Verachtung, die wir dann innerlich mit Genugtuung als “Leiden für unseren Glauben” abbuchen.

Ich bringe nur schon durch meine Nationalität als Amerikanerin einen anderen Ansatz gegenüber Halloween mit. Wir haben früher (in der Missionarsschule!) auch Halloween gefeiert, haben Kürbisse geschnitzt und uns als Cowboy, Prinzessin, Indianer, Feuerwehrmann, Superhelden oder Clown verkleidet. Fast so, wie die Kinder in der Schweiz es zu Fasnacht tun.

Als meine Kinder vor einigen Jahren nach der Sonntagsschule erklärten, ihre Sonntagsschullehrerin würde einen “Wir feiern nicht Halloween, wir feiern Jesus”-Zettel an ihre Tür hängen, dachte ich, dass es für uns Christen doch einen besseren Weg geben müsste mit Halloween umzugehen. Nur wie?

Wir fragen uns doch immer wie wir den Menschen um uns herum die Liebe Gottes weitergeben können. Warum nicht auch an Halloween? Die Kinder in unserem Quartier (und ihre Eltern) sollten wissen, dass sie jederzeit bei uns willkommen sind – auch an Halloween – und dass ich so grosszügig bin, wie der Gott, den ich liebe und der uns alle liebt (auch die Kinder, die in gruseligen Masken an Halloween an unsere Tür kommen).

Also, eine offene Tür, ein offenes Herz und Süssigkeiten zum Verschenken. Ich habe auch schon kleine Bibelsprüche an die Süssigkeiten geklebt, aber der grosse Renner war letztes Jahr:

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Die Kinder haben diese Zusprüche geliebt und sind mit einem Strahlen und einem herzlichen Dankeschön davon gegangen. Gibt es was Schöneres als Ermutigung, Liebe, Freundlichkeit und Wertschätzung zu verschenken? Ich bin versucht zu sagen, dass ich Halloween liebe… ;).

Scheidung und Wiederheirat Teil 2: Perspektive

(Ich wollte diese kleine Serie eigentlich mit diesem Artikel abschliessen, aber da der Artikel, der an dieser Stelle erscheinen sollte sich nicht richtig abspeichern liess und ich ihn noch einmal schreiben muss, schiebe ich meine Gedanken über Perspektive hier ein.)

Als die Schweiz in der WM 2018 gegen Brasilien ein Resultat von 1:1 erzielte, hörte ich am Radio einen interessanten Kommentar zum Resultat. Ein Sportreporter meldete: “Die Schweiz hat 1:1 gegen Brasilien gewonnen!” Dann wurden die Reaktionen der Spieler eingespielt. Der erste Spieler, der zu diesem Resultat befragt wurde (und ich gebe nur den ungefähren Wortlaut wieder), war fast ein wenig empört, man dürfe die Schweiz nicht kleiner machen als sie sei. Das sei ja gar keine Überraschung, die Schweizer Nationalmannschaft sei durchaus zu diesen und grösseren Leistungen fähig. Der zweite Spieler fand das Resultat ganz ordentlich und war zufrieden und der dritte war ganz aus dem Häuschen vor Glück.

Wir beurteilen Lebenssituationen immer aus unserer ganz eigenen Perspektive heraus; das ist beim Thema Scheidung und einer Wiederheirat nicht anders als beim Fussball. Diese Perspektive, oder Brille, ist durch Verschiedenes geprägt, zum Beispiel, durch unsere Persönlichkeit, Erziehung, unsere Familien, unseren Glauben, unsere Erfahrungen und Vergangenheit, unsere Art die Welt zu verstehen und einzuordnen, unsere Kultur, usw. Ob und in welchem Mass wir selbst von einer Situation betroffen sind, spielt dabei eine ganz grosse Rolle. Denken wir nur an kinderlose Menschen, die immer besser wissen, wie ein Kind zu erziehen ist, als die Eltern … . Wie wir über Scheidung denken, hat oft damit zu tun, wie sehr wir davon betroffen sind. Vielleicht hatten wir Eltern, die sich scheiden liessen; vielleicht gute Freunde oder Geschwister; vielleicht waren es wir selbst. Wer selber eine super gute Ehe hat, kann oft nicht verstehen, warum andere Paare das nicht hinkriegen.

Vor meiner Scheidung habe ich über gewisse Dinge in diesem Bereich noch ganz anders gedacht. Plötzlich aber stand meine Welt Kopf, der Boden wurde mir unter den Füssen weggerissen und gewisse Glaubenssätze, für die ich früher den Kopf hingehalten hätte, kamen ins Wanken. Aussagen, die mir früher Halt und Hoffnung gegeben hatten, die ich vielleicht aus sehr wohlmeinenden Beweggründen an andere weitergegeben habe, waren plötzlich wertlos und klangen wie ein Hohn. (Das sind die Ratschläge, die Schläge sind…)

Wir merken, es ist alles nicht so einfach.

Und deshalb gebe ich an dieser Stelle ein paar (echte) Beispiele:

Freundin A. war 10 Jahren nach ihrer Trennung und Scheidung alleine bevor sie eine neue Beziehung einging. (Bei mir war das übrigens auch so.) Als wir uns über diese Zeitspanne unterhielten, merkten wir, dass diese 10 Jahre von Aussenstehenden sehr anders aufgefasst werden, als von uns Betroffene. Man möchte uns und diese 10 Jahre als Ideal, als Vorbild hochstilisieren. Nein, nein, nein, macht das bitte nicht! Diese 10 Jahre waren zwar unser Weg, den wir voller Überzeugung gegangen sind, aber wir, die wir eine Trennung, Scheidung und 10 Jahre alleinerziehend erlebt haben, empfinden diese Zeit schon als bedrohlich lange, fast zu lange. Ich, zum Beispiel, überlegte mir, ob ich mich nach dieser höchst intensiven und belastenden Zeit überhaupt angemessen auf einen neuen Partner einlassen könnte. War es vielleicht schon zu spät? Werde ich nach all dem Erlebten und Erlittenen wieder den Mut zur Verletzlichkeit der Liebe finden? Will ich, kann ich diese Risiko wieder eingehen? Und dann gibt es noch die Kinder zu berücksichtigen. Auch das ist nicht so einfach und wir als Betroffene nehme diese Fragen sehr ernst.

Freundin B. (seit Ewigkeiten verheiratet und zwar glücklich) ermutigte mich vor Jahren lieber einen geschiedenen Mann zu suchen, als einen der noch nie verheiratet war.  “Dann hast du jemanden, der das versteht – Perspektive – (und der aus seinem Scheitern hoffentlich auch was dazu gelernt hat).”

An der Hochzeit von Freundin C. vor einigen Wochen kam ich mit einer Frau ins Gespräch, die mich fragte, wann meine Hochzeit wäre. Als ich ihr sagte, dass ich diesen Sommer heiraten würde, meinte sie erstaunt: “So schell!” Ich verkniff mir die Erklärung, dass mein Zukünftiger seit über 10 Jahre zu meinem Bekanntenkreis gehört, wir seit zwei Jahren in einer festen Beziehung stehen und seit einem Jahr verlobt sind. Perspektive. Für die einen kommt das mit meiner Hochzeit “schnell” für mich kommt es gerade richtig.

Freundin D. ist kurz nach der Trennung eine neue Beziehung eingegangen. Ich hörte schon alle stöhnen, “kann das gut gehen?” und “da lief sicher vorher schon was!” Nun, da lief vorher nichts, aber die Ehe war schon mindestens fünf Jahre vor der Trennung zerrüttet und deshalb war Freundin D. innerlich bereit für eine neue Beziehung, und die neue Liebe hat glücklicherweise das vom Ex-Mann zerstörte Selbstwertgefühl wieder langsam aufgebaut und gefestigt, wofür ich Gott und dem neuen Freund unendlich dankbar bin.

Vielleicht lohnt sich ab und an der Gedanke, wie sich eine Situation aus der Perspektive des Betroffenen aussieht. Vielleicht wollen wir mal nachfragen, wie ein Betroffener seine Situation erlebt, anstatt Dinge anzunehmen, die uns (aus unserer Perspektive) logisch erscheinen. Vielleicht können wir sogar etwas dazulernen! Vielleicht können wir auch einfach akzeptieren, dass die Dinge nicht immer so geschehen werden (= dass Menschen nicht immer so handeln werden), wie wir es uns vorstellen – weil jeder seine eigne Brille trägt.