Scheidung und Wiederheirat Teil 2: Perspektive

(Ich wollte diese kleine Serie eigentlich mit diesem Artikel abschliessen, aber da der Artikel, der an dieser Stelle erscheinen sollte sich nicht richtig abspeichern liess und ich ihn noch einmal schreiben muss, schiebe ich meine Gedanken über Perspektive hier ein.)

Als die Schweiz in der WM 2018 gegen Brasilien ein Resultat von 1:1 erzielte, hörte ich am Radio einen interessanten Kommentar zum Resultat. Ein Sportreporter meldete: “Die Schweiz hat 1:1 gegen Brasilien gewonnen!” Dann wurden die Reaktionen der Spieler eingespielt. Der erste Spieler, der zu diesem Resultat befragt wurde (und ich gebe nur den ungefähren Wortlaut wieder), war fast ein wenig empört, man dürfe die Schweiz nicht kleiner machen als sie sei. Das sei ja gar keine Überraschung, die Schweizer Nationalmannschaft sei durchaus zu diesen und grösseren Leistungen fähig. Der zweite Spieler fand das Resultat ganz ordentlich und war zufrieden und der dritte war ganz aus dem Häuschen vor Glück.

Wir beurteilen Lebenssituationen immer aus unserer ganz eigenen Perspektive heraus; das ist beim Thema Scheidung und einer Wiederheirat nicht anders als beim Fussball. Diese Perspektive, oder Brille, ist durch Verschiedenes geprägt, zum Beispiel, durch unsere Persönlichkeit, Erziehung, unsere Familien, unseren Glauben, unsere Erfahrungen und Vergangenheit, unsere Art die Welt zu verstehen und einzuordnen, unsere Kultur, usw. Ob und in welchem Mass wir selbst von einer Situation betroffen sind, spielt dabei eine ganz grosse Rolle. Denken wir nur an kinderlose Menschen, die immer besser wissen, wie ein Kind zu erziehen ist, als die Eltern … . Wie wir über Scheidung denken, hat oft damit zu tun, wie sehr wir davon betroffen sind. Vielleicht hatten wir Eltern, die sich scheiden liessen; vielleicht gute Freunde oder Geschwister; vielleicht waren es wir selbst. Wer selber eine super gute Ehe hat, kann oft nicht verstehen, warum andere Paare das nicht hinkriegen.

Vor meiner Scheidung habe ich über gewisse Dinge in diesem Bereich noch ganz anders gedacht. Plötzlich aber stand meine Welt Kopf, der Boden wurde mir unter den Füssen weggerissen und gewisse Glaubenssätze, für die ich früher den Kopf hingehalten hätte, kamen ins Wanken. Aussagen, die mir früher Halt und Hoffnung gegeben hatten, die ich vielleicht aus sehr wohlmeinenden Beweggründen an andere weitergegeben habe, waren plötzlich wertlos und klangen wie ein Hohn. (Das sind die Ratschläge, die Schläge sind…)

Wir merken, es ist alles nicht so einfach.

Und deshalb gebe ich an dieser Stelle ein paar (echte) Beispiele:

Freundin A. war 10 Jahren nach ihrer Trennung und Scheidung alleine bevor sie eine neue Beziehung einging. (Bei mir war das übrigens auch so.) Als wir uns über diese Zeitspanne unterhielten, merkten wir, dass diese 10 Jahre von Aussenstehenden sehr anders aufgefasst werden, als von uns Betroffene. Man möchte uns und diese 10 Jahre als Ideal, als Vorbild hochstilisieren. Nein, nein, nein, macht das bitte nicht! Diese 10 Jahre waren zwar unser Weg, den wir voller Überzeugung gegangen sind, aber wir, die wir eine Trennung, Scheidung und 10 Jahre alleinerziehend erlebt haben, empfinden diese Zeit schon als bedrohlich lange, fast zu lange. Ich, zum Beispiel, überlegte mir, ob ich mich nach dieser höchst intensiven und belastenden Zeit überhaupt angemessen auf einen neuen Partner einlassen könnte. War es vielleicht schon zu spät? Werde ich nach all dem Erlebten und Erlittenen wieder den Mut zur Verletzlichkeit der Liebe finden? Will ich, kann ich diese Risiko wieder eingehen? Und dann gibt es noch die Kinder zu berücksichtigen. Auch das ist nicht so einfach und wir als Betroffene nehme diese Fragen sehr ernst.

Freundin B. (seit Ewigkeiten verheiratet und zwar glücklich) ermutigte mich vor Jahren lieber einen geschiedenen Mann zu suchen, als einen der noch nie verheiratet war.  “Dann hast du jemanden, der das versteht – Perspektive – (und der aus seinem Scheitern hoffentlich auch was dazu gelernt hat).”

An der Hochzeit von Freundin C. vor einigen Wochen kam ich mit einer Frau ins Gespräch, die mich fragte, wann meine Hochzeit wäre. Als ich ihr sagte, dass ich diesen Sommer heiraten würde, meinte sie erstaunt: “So schell!” Ich verkniff mir die Erklärung, dass mein Zukünftiger seit über 10 Jahre zu meinem Bekanntenkreis gehört, wir seit zwei Jahren in einer festen Beziehung stehen und seit einem Jahr verlobt sind. Perspektive. Für die einen kommt das mit meiner Hochzeit “schnell” für mich kommt es gerade richtig.

Freundin D. ist kurz nach der Trennung eine neue Beziehung eingegangen. Ich hörte schon alle stöhnen, “kann das gut gehen?” und “da lief sicher vorher schon was!” Nun, da lief vorher nichts, aber die Ehe war schon mindestens fünf Jahre vor der Trennung zerrüttet und deshalb war Freundin D. innerlich bereit für eine neue Beziehung, und die neue Liebe hat glücklicherweise das vom Ex-Mann zerstörte Selbstwertgefühl wieder langsam aufgebaut und gefestigt, wofür ich Gott und dem neuen Freund unendlich dankbar bin.

Vielleicht lohnt sich ab und an der Gedanke, wie sich eine Situation aus der Perspektive des Betroffenen aussieht. Vielleicht wollen wir mal nachfragen, wie ein Betroffener seine Situation erlebt, anstatt Dinge anzunehmen, die uns (aus unserer Perspektive) logisch erscheinen. Vielleicht können wir sogar etwas dazulernen! Vielleicht können wir auch einfach akzeptieren, dass die Dinge nicht immer so geschehen werden (= dass Menschen nicht immer so handeln werden), wie wir es uns vorstellen – weil jeder seine eigne Brille trägt.

Scheidung und Wiederheirat Teil 1: Wiederherstellung

Ich habe in den letzten Jahren immer wieder angefangen über Scheidung und Wiederheirat zu schreiben; bei mir liegen etwa acht angefangene und nicht fertiggeschriebene Artikel herum. Das Thema ist jedoch so breit (es gibt ganz dicke Bücher darüber) und ich habe so viele Gedanken dazu, dass ich jedes Mal frustriert aufgebe, weil ich mich in den tausend Details verliere und am Schluss nicht mehr weiss, wo ich denn überhaupt anfangen und aufhören soll. Ein paar von meinen Freundinnen haben nach ihrer Scheidung bereits wieder geheiratet und kürzlich, bei der letzten Hochzeit, brannten mir die Worte im Kopf und in den Fingern…ich muss daher wieder einen Versuch starten und darüber schreiben. Um es mir einfacher zu machen, versuche ich das Thema in kleinere Häppchen zu portionieren; vielleicht verdaut es sich dann auch leichter?

Mir ist bewusst, dass ich mich mit diesem Thema auf die Äste rauswage. Mir geht es weder darum Andersdenkende von meiner Auffassung zu überzeugen, noch darum die Entscheidung meiner Freunde und Freundinnen und auch meine für eine Wiederheirat nach einer Scheidung zu rechtfertigen. Vielmehr geht es mir um eine Erweiterung unseres Denkens und Verständnisses, um eine gelebte Barmherzigkeit und schlussendlich auch um einen lebbaren Glauben und ein Leben und eine Liebe, die dem nahe kommen, was Gott sich vorgestellt hat.

Einige von meinen Lesern werden sich verwundert die Augen reiben – ist die Wiederheirat nach einer Scheidung überhaupt ein Thema? Nun, in christlichen Kreisen ist es ein recht kontroverses Thema, was ich möglichst kurz erklären möchte (um mich nicht schon hier zu verlieren). In der Bibel gibt es einige Aussagen und Zitate von Jesus, die von manchen so auslegt wird, dass eine Wiederheirat nach einer Scheidung eine Sünde ist. (Auf diese Stellen möchte ich in späteren Artikeln eingehen, sonst schafft es dieser Artikel auch nie zur Veröffentlichung, was ja nun wirklich schade wäre.)

Interessanterweise wird – meines Wissens – in der Torah (das sind die fünf Bücher Mose, die zur Bibel gehören) nur eine Situation erwähnt, in welcher eine Wiederheirat nach einer Scheidung nicht erlaubt ist: Hat ein Mann seine Frau wegschickt (sich von ihr geschieden, indem er ihr einen Scheidebrief gab) und hat diese Frau einen anderen Mann geheiratet, der sich auch wieder von ihr geschieden hat, darf der erste Mann sie nicht wieder heiraten.* (Wenn ich ganz mutig bin, greife ich in einem späteren Artikel ebenfalls diese Situation auf, wobei es bei meinem Thema gar nicht um diese Situation geht.) Was wir aber bereits aus dieser Stelle erkennen ist Folgendes: Der Scheidebrief ist die offizielle Bestätigung, dass eine Frau nicht mehr verheiratet und somit für eine neue Ehe (Wiederheirat nach einer Scheidung) frei ist.

Aber zurück zu mir. Ich war noch ein Teenager als ich in einem Buch von Catherine Marshall** las, dass Gott ein Gott der Wiederherstellung ist. (Kleiner Einschub: Catherine Marschall war verwitwet und setzte sich vor ihrer Ehe mit einem geschiedenen Mann intensiv mit diesem Thema auseinander.) Schon damals als Teenager merkte ich, dass Scheidung und Wiederheirat ein heiss diskutiertes und kontroverses Thema in der christlichen Landschaft ist. Ich hatte grossen Respekt vor dieser Schriftstellerin, die Gott von Herzen liebte und die ehrlich und aufrichtig die richtige Entscheidung treffen wollte. Ihr Ringen, ihre Entscheidung (sie heiratete diesen geschiedenen Mann) und diesen Gedanken habe ich nie vergessen.

Heute, über 30 Jahre später, merke ich, dass gerade dieser Gedanke, dass Gott ein Gott der Wiederherstellung ist mich in meiner Einstellung zum Thema Scheidung und Wiederheirat grundlegend geprägt hat und weiterhin prägt. (Ich nehme an, dass unsere Theologie immer von unserer Biografie geformt wird und ob das gut oder schlecht ist, kann ich nicht beurteilen, es ist vermutlich einfach so.) Ich bin der festen Überzeugung, dass wir das geschriebene Wort Gottes, die Bibel, nicht von Gottes Wesen trennen dürfen, was auch für alle Verse und Bibelstellen über Scheidung und Wiederheirat gilt. Deshalb wollte ich ganz bewusst mit diesem Gedanken der Wiederherstellung beginnen. Alles Weitere muss unter diesem Gesichtspunkt gesagt und verstanden werden.

Ich bin überzeugt, dass eine Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen kein Krankenhaus sein sollte – also nicht der Ort, an dem alle unsere inneren Wunden geheilt, unsere Verprägungen gerade gebogen und unsere innersten Sehnsüchte endlich, endlich erfüllt werden – und gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass Gott auch eine neue Liebesbeziehung dazu gebrauchen kann, um etwas in uns und unseren Familien wieder herzustellen. Wir sollten Gott nicht unterschätzen!

Meine Freundin heiratete also zum zweiten Mal, ich selber werde in wenigen Wochen (zum dritten Mal!) heiraten und Gott tut, was er am besten kann: Wiederherstellen.

 

*Für die Neugierigen unter euch: Das steht in 5. Mose 24,4.

**Catherine Marschall (1914-1983), eine amerikanische Autorin, hat den Roman „Christy“ und die Bücher „Gott hat keine Enkel. Mein Weg zum Glauben“, „Bete und Staune. Meine Erfahrungen mit dem Gebet“ u.v.m. geschrieben.

lieben-scheitern-leben

Ich habe im letzten Herbst wieder an einem lieben-scheitern-leben-Kurs* mitgearbeitet, was mich immer sehr beflügelt. Ich habe über sieben Wochen Menschen begleitet, die sich in ihrer neuen Realität zurechtfinden müssen, die vorsichtig und doch sehr mutig die nächsten Schritte tun und die versuchen sich nicht von der Ablehnung, der Trauer, der Resignation, der Hilflosigkeit und Überforderung überrollen zu lassen. Ihr merkt, an diesen Kursabenden kommen viele Emotionen hoch. So einiges, was vielleicht in den letzten Jahren oder Monaten geruht hat, wird wieder aufgewirbelt und aufgewühlt. Bei denen, die noch unter dem Schock der Trennung stehen, sind die Gefühle roh, die Seelenwände dünn und durchsichtig. Aber hier hat jeder Platz, hier wird jedem Raum gegeben, hier wird jeder gesehen und gehört. Und jeder ist wertvoll und es wert, dass wir ihm unter die Arme greifen, bei den nächsten Schritten behilflich sind und Zeit und Energie in dieses kostbaren Leben investieren.

Die Kursmitarbeiter haben auch alle eine Trennung/Scheidung erlebt – haben überlebt und können mit Gewissheit sagen: “Es gibt ein Leben nach dem Scheitern. Es gibt Hoffnung auf Heilung. Es gibt sogar wieder Lebensfreude und Leben in einer ganz anderen Qualität.” Aber es braucht etwas Zeit und Arbeit. Es braucht Mut und den Willen die Dinge anzupacken, durchzukauen und dann auszuspucken. Das ist nichts für schwache Nerven und schon gar nichts für Feiglinge. (Und damit will ich nicht sagen, dass wir uns nicht manchmal so fühlen…aber nur schon, dass man sich traut so einen Kurs zu besuchen zeugt von einer unglaublichen Stärke, sich dem Leben und der Krise zu stellen).

Deshalb Hut ab vor allen Betroffenen, die sich zu einem lieben-scheitern-leben-Kurs anmelden und daran teilnehmen. Hut ab vor allen Mitarbeitern, die bereit sind mit einer unglaublichen Offenheit ihren Weg durch Trennung/Scheidung mit anderen zu teilen. Und Hut ab vor jeder Gemeinde, die erkennt, dass der Dienst an den Gescheiterten tatsächlich zu ihrem Auftrag gehört und bereit ist in die Wiederherstellung und Heilung von Menschen zu investieren.

 

*lieben-scheitern-leben ist ein Kurs zur Aufarbeitung von Trennung und Scheidung. Dieser Kurs bietet Betroffenen Unterstützung in all den Fragen, die in so einer Krisensituation auftauchen und gibt Hoffnung für das Leben danach. Mehr Infos, Kursdaten und Kursorte unter: www.liebenscheiternleben.ch.

 

(K)ein Geschenk.

Gegen Ende des letzten Lieben-Scheitern-Leben-Kurses (ein Kurs zur Verarbeitung von Trennung und Scheidung) an dem ich mitgearbeitet habe, wollte ich den Kursteilnehmern (alles Leute, die von Trennung oder Scheidung betroffen sind) sagen, dass sie irgendwann (in ein paar Jahren vielleicht) auf diese schwere Zeit der Trennung und Scheidung zurückschauen werden und es als Geschenk empfinden würden.

Es ist ein Geschenk zu merken, dass wir schwierige Zeiten erleben und überleben können.

Es ist ein Geschenk in schwierigen Zeiten Freunde zu haben.

Es ist ein Geschenk nach schwierigen Zeiten neue Hoffnung und neue Perspektiven zu bekommen.

Es ist ein Geschenk in schwierigen Zeiten Gottes Treue zu erleben.

Aber dabei ist mir etwas aufgefallen: Die schwierige Zeit an sich ist kein Geschenk. Wer schenkt seinen Kindern denn schon so was? Wenn wir glauben, dass Gott ein guter Vater ist, was ich glaube, dann schenkt er uns keine Krankheit, keine schwierige Ehe, keine Trennung oder Scheidung, keine Arbeitslosigkeit, keine finanziellen Schwierigkeiten, keine rebellischen oder ausscherenden Kinder, keine Kinderlosigkeit, keine Depressionen, usw. Was wären das für Geschenke und was wäre das für ein Vater, der solche Geschenke macht?

Wir müssen unterscheiden zwischen der Not, die passiert – weil wir Menschen in einem menschlichen Körper in einer sehr menschlichen und zum Teil kaputten Welt sind – und dem himmlischen Vater, der gute Geschenke macht. Was er uns schenkt, ist nämlich den Trost seiner Gegenwart in den schwierigen Zeiten und dieser Trost kommt so vielfältig zum Ausdruck, wie seine Vielfalt in der Schöpfung. Das können Menschen sein, die uns zuhören, verstehen, uns zur Seite stehen und auch einfach stehen lassen. Menschen, die uns Gutes tun und anpacken, wo Hilfe nötig ist. Menschen, mit denen wir Spass und unbeschwerte Stunden erleben. Menschen, wie mein Sozialarbeiter bei der Alimentenbevorschussungsstelle, der mir Mut macht und vorsichtig nachfragt, ob ich finanziell über die Runden komme. Und das wiederrum verändert uns.

Ich komme somit zum Schluss, dass wir auch im Rückblick die Schwierigkeiten nicht Geschenk betrachten werden. Andererseits können wir alles, was durch und in den schwierigen Zeit an Trost, Hoffnung, Freundschaft, Freiheit, Standhaftigkeit, Charakter und Leben entstanden ist, durchaus als Geschenk betrachten. Das ist es nämlich. Und darin liegt ganz viel Hoffnung.

Du bist nicht allein (Gott wird Mensch)

“Du bist nicht allein.”

Das höre ich gern und muss es auch hören, aber was genau bedeutet es, wenn ich doch den grössten Teil meiner Tage, eben, allein verbringe, die meisten Entscheidungen doch alleine treffe, meinen Schmerz, meine Fragen, meine Unsicherheit, usw. alleine tragen muss.

Ja aber, werden die einen sagen, Gott…er ist doch da. Ja aber, werde ich darauf antworten, ich sehe ihn nicht, ich spür ihn nicht, und manchmal wenn alles schief geht, merke ich nicht einmal ansatzweise, dass er da ist. Und ich frage mich, muss das reichen? Muss es mir genügen, zu wissen und nicht zu spüren, dass Gott bei mir ist? Ist das die Antwort auf meine Einsamkeit, auf meine Fragen, auf meinen Schmerz, auf meine Last?

Ich weiss nicht, wie es dir damit geht, aber für mich muss Glaube und Vertrauen etwas mehr erlebbar sein, als nur im Kopf zu wissen, dass da ein Gott an meiner Seite ist. Wenn da schon ein Gott an meiner Seite ist, muss es doch irgendwas Greifbares geben. So stelle ich mir das wenigstens vor.

Ich will „du bist nicht allein“ erleben, nicht nur wissen.

Es gibt diese Momente in denen ich „du bist nicht allein“ ganz praktisch erlebe. Das geschieht im Austausch mit anderen Menschen, die sich Zeit nehmen mir zuzuhören, die meine Anliegen, meine Freude, aus meinem Erzählen heraushören, ernst nehmen und darauf reagieren, sei es mit ihrem Mitgehen, mit Antworten, praktischer Hilfe, einer Nachricht auf Facebook oder per Whats App (weil wir ja heute diese Möglichkeiten haben). Ich erlebe Gottes Nähe und Dasein in deiner Hand auf meiner Schulter, in deiner Umarmung, in deinem Lächeln, in deinem Nachfragen und in deinen freundlichen Worten.

Das wiederum ermutigt mich selber die Hand zu reichen, die Umarmung, das Lächeln, die ermutigende Worte und immer wieder Zeit zu schenken. Diese Geschenke sind grösser als die Verpackung. Wir schenken Würde – und wie will man das sonst verpacken? Schon immer waren wir es Gott wert, dass er sich in Fleisch und Blut einpackte, in ein greifbares Menschlein. Wir sind es heute immer noch wert!

So wird Gott immer wieder Mensch. Und ich bin nicht allein.

Ein Kuss als Bezahlung?

Manchmal hat es seine Vorteile, wenn man jünger aussieht als man ist. Und manchmal läuft es so:

Die Glöckchen über der Tür bimmelten, wie nur diese Glöckchen über der Tür bimmeln können und ich trat aus der winterlichen Kälte in den kleinen Laden ein. Der Laden ist vollgestopft mit Leder, Schuhen, Schuhmacherleisten und italienischen Nippes. Ein paar Tage zuvor hatte ich meine Stiefel vorbeigebracht, die neu besohlt werden mussten und nun waren sie fertig und ich holte sie ab. Der Schuhmacher Pippo erklärte mir, dass die ursprüngliche Ledersohle an meinen Stiefeln eigentlich Tanzleder sei und dann zahlte ich ihn für seine Arbeit. Beim Abschied hielt er meine Hand ganz fest und sagte, wenn ich nicht so jung wäre, würde er nur einen Kuss für seine Arbeit verlangen, aber da er eine Tochter in meinem Alter habe, ginge das nicht.

Manchmal hat es seine Vorteile, wenn man jünger aussieht als man ist, aber ich küsse gerade lieber jemand anderen als den Schuhmacher, der vermutlich gar nicht so viel älter ist als ich und bestimmt zu jung aussieht, um mein Vater zu sein.

Ich gehe beschwingt aus der Tür, die Glöckchen bimmeln und ich stapfe glücklich grinsend durch den Schnee nach Hause. So was passiert einem auch nicht jeden Tag.

Der Reiher

Bei meiner (unregelmässigen) morgendlichen Joggingrunde um den kleinen (winzigen) See halte ich immer Ausschau nach meinem Lieblingsreiher. Meistens entdecke ich ihn, aber nicht immer. Zum Teil scheint er bevorzugte Stellen zu haben an welchen ich ihn ein paar Mal hintereinander entdecke – an diesen Stellen suche ich immer nach ihm. Dann scheint er plötzlich seine Gewohnheiten zu ändern und ich weiss, dass er da ist, aber nicht wo. Kürzlich war es so, dass ich ihn zwei bis drei Wochen lang nicht mehr sah (was mich immer leicht beunruhigt). Ich stellte mir daraufhin vor, dass er vielleicht auch mal ausschlafen wollte und danach einen gemütlichen Brunch geplant hatte. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass die Sichtung des Reihers mehr mit meiner Aufmerksamkeit und Wahrnehmung zu tun haben als mit seinem Wunsch auszuschlafen.

Es kommt vor, dass ich schon fast um den ganzen See gejoggt bin, bevor mir überhaupt in den Sinn kommt nach dem Reiher Ausschau zu halten. Manchmal halte ich um den ganzen See herum angestrengt Ausschau nach ihm und erspähe ihn dann ganz unverhofft auf dem Heimweg in der Nähe des Kanals. Manchmal ist er dort, wo ich ihn noch nie gesehen habe und am wenigsten vermute!

Als ich diesen Gedanken nachhing, kam mir der Heilige Geist in den Sinn. Im Zusammenhang mit dem Heiligen Geist denken wir ja schnell an ein etwas durchsichtig schimmerndes Wesen  – eine geisterhafte Gestalt – was natürlich mit der deutschen Bezeichnung “Heiliger Geist” zusammenhängt. Falls wir in unserer Vergangenheit in diesen Sachen unterwiesen worden sind, kommt uns aber vielleicht auch bei der Erwähnung des Heiligen Geistes ein Gentlemen in den Sinn, da er sich wie ein Gentleman verhalten soll und uns nichts aufzwingt und schon gar nicht mit roher Gewalt hantiert. Somit hätten wir dann einen durchsichtig schimmernden Gentleman, womöglich noch mit schwarzem Frack, Stock und Hut, da der Begriff Gentleman nicht wirklich das Bild eines Hipsters heraufbeschwört.

Diese Vorstellungen sind natürlich nur simple Versuche diesen Heiligen Geist, diesen Gott, zu verstehen. Für mich aber passt der Vergleich mit dem Reiher am See ganz gut. Er hat seine Gewohnheiten, hält sich aber nicht ausschliesslich daran und macht auch mal was ganz Unerwartetes. Er drängt sich nicht auf, schnattert weder so laut und sinnlos drauf los wie die Enten noch kreischt er so angestrengt wie die Möwen. Er macht nie auf sich aufmerksam. Im Gegenteil, wenn man selber nicht aufmerksam ist, entdeckt man ihn gar nicht, so still, so regungslos und elegant steht er da. Nach einer stürmischen Nacht ist er auch mal zerzaust und verstrubbelt, wie ein Wilder, aber standhaft und fest, wie ein Fels in der Brandung.

Man kann mit offenen Augen an ihm vorbei rennen und ihn doch nicht sehen. Deshalb: Augen auf!

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(Der Reiher; von mir fotografiert, aber nicht während meiner morgendlichen Joggingrunde, da ich dann immer ohne Smartphone unterwegs bin.)

Wenn ich nicht mehr nett mit Gott rede

Ich taumelte völlig schlaftrunken aus dem Bett und machte mich zum x-ten Mal auf den Weg zu meinem weinenden Kind. Das ging seit einigen Tagen, oder besser gesagt, Nächten schön so und ich war, milde gesagt, über die Massen erschöpft und enttäuscht über die gefühlten 798 unerhörten Gebete. Das Mass war deutlich erreicht und ich wurde richtig wütend auf Gott: „Jetzt mach doch endlich was! Ich bin zu müde und mag nicht mehr!“ (In einem sehr unfreundlichen Ton.) Das Kind wurde ruhig und wir schliefen die restliche Nacht ohne Unterbrechung.

Ähnlich wütend wurde ich als wir eine neue Wohnung suchten und uns unsere Wunschwohnung (und einzige überhaupt) vor der Nase weggeschnappt wurde. „Gott, willst du dich blamieren? Bitte schön!“ Ein paar Wochen später hatten wir die Zusage für eine Wohnung, die uns noch besser gefiel.

Es gibt eine allgemeine Vorstellung wie ein „guter Christ“ auszusehen, zu beten und sich zu benehmen hat, aber ich frage mich immer öfter, ob diese Vorstellungen überhaupt richtig sind. Einmal fragte mich mein Sohn, ob es richtig sei beim Beten die Hände geschlossen zu falten oder ob man die Hände gerade aufeinander legen sollte. Er wollte es nicht falsch machen, dabei gibt es hier kein Richtig oder Falsch. Hauptsache du redest mit Gott. Wie und ob du die Hände faltest, ist Gott schnuppe!

Auf jeden Fall ist mir aufgefallen, dass Gott auf meine gehässigen Worte sehr klar und deutlich und im richtigen Moment geantwortet hat. Er hat die Lösung geschickt und geholfen. Wut ist sicher keine Voraussetzung für eine Gebetserhörung, aber sie ist auch kein Hindernis. (Was ich über die Kommunikation zwischen meinen Kindern und mir nicht sagen kann.)

Gott scheint die Ehrlichkeit zu mögen, die alles Fromme wegreisst und uns so erscheinen lässt wie wir sind. Und wenn wir ehrlich sind, haben wir doch auch lieber ein ehrliches Gegenüber als jemand, der uns was vorheuchelt. Das ist ja das kostbare an Freunden: Wir können sein, wie wir sind und wissen uns doch geliebt und angenommen. Wer will schon etwas vorgespielt bekommen? Also, ich nicht. Und Gott scheinbar auch nicht!

Erziehung

Ich hatte den ersten Blogpost nach sehr langer Zeit schon praktisch fertig, aber heute morgen, auf dem Weg zum Einkaufen, dachte ich, nein, einfach eine Erklärung geben, warum ich gerade weniger schreibe und so ein bisschen vor mich hin klönen, das braucht niemand und erst recht nicht von mir.

Ja, ich finde Erziehung gerade SEHR herausfordernd. Und man findet auch – im Gegensatz zu den Müttern, die ganze Blogs mit den Geschichten ihrer kleinen Kindern füllen, ganz wenige Mütter oder Väter, die ehrlich darüber schreiben, was so im Alltag mit ihren Teenies abgeht. Was ich verstehe, denn, erstens, geht es immerhin um Teenager, die auch des Lesens im Internet mächtig sind, über ihre Geschichten, auf die sie selbst das grösste Recht haben, und um ihre Privatsphäre, die es wirklich einzuhalten gilt. Zweitens, wem macht es schon Spass zu schreiben, dass einem die Geduld nun endgültig ausgegangen ist, die Streitereien sich nicht mehr so schnell lösen, wie mit Vier-, Sechs- oder Zehnjährige und man schlaflose Nächte hat, weil man unter dem ganzen Stress mit den Teenies leidet – oder vielleicht liegt es doch an den Wechseljahren?!! Eben.

Aber heute brachte mich diese kleine Geschichte zum Schmunzeln:

Auf dem Küchenboden zwischen Hocker und Tür lag eine zusammengeknüllte Badehose und ein Badetuch. Ja, richtig gelesen: Küchenboden. Genau dort, wo diese Sachen nicht hingehören. Sie lagen nicht ein oder zwei Tage dort, nein, ganze fünf Tage, die mir wie fünf Wochen vorkamen,  aus dem einfachen Grund, dass sie dort nicht hingehörten und ich sie nicht wegräumen wollte, weil ich sie nicht dorthin geknallt hatte!

Da meine Kinder in letzter Zeit sehr genervt auf meine Aufforderungen ihre Sachen auf- und wegzuräumen reagieren, erlaubte ich der Badehose und dem Handtuch ein paar Tage dort liegen zu bleiben und wusste nur, dass ICH sie nicht wegräumen würde. Nur, wie bringe ich es möglichst gut an den Mann? Ganz konkret an den fast Dreizehnjährigen, der schon grösser ist als ich. Nach dem Frühstück erwähnte ich fast beiläufig, dass heute Waschtag sei und ich die Badehose und das Handtuch auch waschen könnte.

Sven: Nein, nur das Handtuch.

Ich: Dann nimmst du die Badehose mit in dein Zimmer? Oder du kannst sie auch liegen lassen. Wir müssten darüber reden. Von mir aus darf die Badehose hier liegen bleiben. Ich schlage Folgendes vor: Solange die Badehose auf dem Küchenboden liegt, ist es deine Verantwortung den Küchenboden zu putzen. Was meinst du dazu? Also ich bin dafür dass die Badehose hier bleibt!

Sven (mit einem erstaunten Grinsen auf dem Gesicht): Nein, nein, ich nehme sie jetzt gleich mit. (Was er auch unverzüglich tat.)

Wenn Erziehung und das Zusammenleben mit meinen Teenagern so klappt wie heute morgen, dann bin ich einfach nur froh und dankbar. Die anderen Momente, wo es nicht so gut klappt, gibt es eh immer wieder.

(Übrigens zeigt dieser kleine Dialog sehr deutlich, wer in unserer Familie im Moment am meisten Wörter gebraucht. Teenager können ganz schön einsilbig sein.)

(Ich gebrauche das Wort “Erziehung” hier sehr grosszügig und mit einem Augenzwinkern. Ich empfinde nicht, dass ich meine Teenager jetzt noch erziehe. Erziehung im eigentlichen Sinn ist bei meinen Kindern abgeschlossen, immerhin wird meine Älteste diese Woche 18! Aber ich begleite sie und erhalte unsere Beziehung aufrecht und am Leben, was ich sehr wertvoll und bereichernd und manchmal auch sehr herausfordernd empfinde. In den guten Phasen bin ich von meinen Kindern begeistert, in den schwierigen versuchen wir uns einfach nur auszuhalten. Das muss dann reichen.)

Gedanken zu den US-Präsidentschaftswahlen und zu mir

Nachdem ich einen Trump-kritischen Artikel auf Facebook geteilt hatte, brach der Shitstorm über mich ein – aus den Reihen meiner eigenen US-Verwandtschaft! Die Emotionen gingen ganz schön hoch und ich hatte meine Lektion gelernt. Vielleicht fragt ihr euch, was ich nun nach dem Wahlausgang und dem inzwischen eingeschworenen US-Präsidenten denke. Ich wage mich also nochmal auf die Äste raus.

Meine Stimme ging weder an Trump noch an Clinton. Warum war ich also (fast) froh, dass Trump das Rennen gemacht hat?

Ich bin mal ganz ehrlich und sage es geradeheraus: Manchmal bin ich ganz froh, dass die Dinge nicht so laufen, wie wir sie uns vorgestellt haben. Ich mag es zwar nicht, aber ich bin froh. (Eigentlich ist “ich mag es nicht” eine krasse Untertreibung – ich hasse es und stelle in solchen Momenten Gott und die Welt immer sehr in Frage!)

Vielleicht hat es mit meiner Geschichte zu tun, schliesslich habe ich meinen ersten Ehemann an Aids verloren, vom Zweiten liess ich mich scheiden, meine Familie blieb nicht von Alzheimer verschont, gerade eben hat meine Tochter die Aufnahmeprüfung an eine weiterführende Schule nicht bestanden (was nicht ganz in die Kategorie der anderen aufgezählten Dinge passt, aber es ist gerade aktuell und auch nicht so toll). Manchmal laufen die Dinge im Leben einfach nicht so, wie wir uns das vorstellen. Manchmal kommt es nicht gut, zumindest nicht so bald, wie manche behaupten – das weiss ich aus mehr Erfahrung als mir lieb ist.

Ich empfand die US-Wahlen als Spiegel. In diesem Spiegel sehen wir uns und unsere Welt. Wir sehen die Ängste und Sorgen, wir sehen den Stolz und die Überheblichkeit, das Gute und Schlechte. Wir sehen uns selbst, aber auch unseren Nachbarn. Durch meine persönlichen Nöte sehe ich mich wieder klarer. Ich erkenne worauf ich gebaut und vertraut habe. Oft baue ich auf Umstände, suche in einem ruhigen, sicheren Leben meinen Anker, meine Gelassenheit, erkenne, dass Nebensächlichkeiten zu wichtig geworden sind.

Die Experten und Journalisten waren sich einig und so sicher, dass der inzwischen gewählte Kandidat niemals gewinnen würde – es scheint sogar als hätte der Kandidat selber nicht wirklich mit einem Wahlsieg gerechnet. Daher kam mir bei diesem Wahlausgang vor allem Folgendes entgegen: Wir haben es nicht im Griff. Wir haben so sehr auf das vertraut, was wir vermeintlich wissen und von Herzen hofften, aber ganz ehrlich: Was wissen wir schon?! Und vielleicht ist deshalb dieser Wahlausgang gut, denn Überheblichkeit führt bekanntlich zum Fall.

Es ist immer heilsam sich bewusst zu werden, dass sich vieles unserer Kontrolle entzieht. Wir haben viel Weniger im Griff als wir meinen. Das führt mich persönlich einerseits zu einer grossen Dankbarkeit für alles Gute in meinem Leben, was so oft selbstverständlich geworden ist. Andererseits lerne ich, mich nicht um die Dinge zu sorgen, die ich nicht beeinflussen kann. Ich kann getrost im Wissen ruhen, dass es einen gibt, der es im Griff hat. Und egal was kommt, ich bin nicht allein.

Wir vergessen ja so schnell und deshalb brauchen wir ab und zu einen Spiegel. Und auch wenn der Spiegel Dinge zeigt, die nicht schön sind, sind sie sichtbar geworden sind. Deshalb bin ich froh.