Wie sollen wir leben?

Er sagt es in deutlichen Worten:

Teilt das was ihr habt mit denen, die nichts haben.

Verlangt den fairen Preis für eure Ware, Dienstleistung oder Arbeit.

Missbraucht eure Position nicht, um euch zu bereichern oder um Macht über andere auszuüben.*

(Hier sprach der Prediger Johannes, der Cousin von Jesus, der Menschen zur Umkehr aufrief und sie taufte.)

Obwohl diese Worte aus der Bibel sind, wirken sie auf den ersten Blick nicht besonders geistlich. Viele Menschen, unabhängig ihrer Religion oder ihres Glaubens, sogar Menschen, die vorgeben ganz ohne Glauben leben, würden diesen Dingen zustimmen. Ist so ein Lebensstil überhaupt wichtig? Warum wird das hier so betont?

Der Glaube ist scheinbar kein Konstrukt, welches sich nur auf einer transzendenten, geistlichen, unsichtbaren und innerlichen Ebene abspielen soll, sondern auch immer eine sichtbare, praktische Seite haben muss. Wenn schon ein Glaube, dann muss dieser sichtbar, erlebbar und umsetzbar sein! Das ist ein ganz schön hoher Anspruch. Aber Gott gibt sich nicht mit weniger zufrieden.

Das sollte uns uns nicht unter Druck setzen, sondern ermutigen unser Leben gemäss diesen Richtlinien zu leben: Teilen, fair sein und demütig bleiben. Es geht im Leben als Christ immer um das Miteinander von Glauben und Tat. Gott ist ein praktischer Gott. Er will uns keinen Glauben aufzwingen, der sich nur in Gedanken abspielt, nein, er will uns helfen das Leben zu bewältigen und nicht nur zu überleben, sondern auch noch gut zu leben. „In der Fülle“** heisst es dann. Und auch dieses „in der Fülle“ bezieht sich auf verschiedene Ebenen. Es kann sich auf das praktische, sichtbare, äussere Leben, in dem wir gerne genug haben (oder noch mehr, wenn’s geht, danke sehr) beziehen oder aber auf unser inneres Leben, ganz besonders dann, wenn wir auf einer gesundheitlichen, finanziellen oder sonstigen äusseren Ebene angeschlagen sind und innerlich mit unseren Lebensumständen ringen. Dann braucht unserer innerer Mensch diese Fülle und findet sie auch in der Ruhe beim guten Hirten, der sagt: “Dort wo du bist, da bin ich bereits. Dort wo das Tal dunkel und bedrohlich ist, da bin ich bei dir. Du bist nicht allein. Wir schaffen das gemeinsam. Nur Mut. Ich bin bei dir.”***

*zu finden in der Bibel (Neues Testament, Lukas Kapitel 3, Verse 11 bis 14)

**zu finden in der Bibel (Neues Testament, Johannes Kapitel 10, Vers 10)

***Und der Rest vom Vers aus den Psalmen heisst: Dir wird nichts mangeln.

Sonntagmorgenradio

Ich bin keine regelmässige Radiohörerin. Ich weiss gar nicht wann ich Radio hören soll und weil ich Zuhause arbeite, kommt es mir Zuhause auch nicht in den Sinn. Seit einigen Jahren höre ich also im Auto Radio und nutze vor allem die Fahrten für und mit den Kindern, um mich über die neusten Hits und Nachrichten zu informieren – auch am Sonntagmorgen auf dem Weg in den Gottesdienst, obwohl ich normalerweise die Ruhe als Vorbereitung auf den Gottesdienst schätze. Aber als ich wieder einmal am Sonntagmorgen mit dem Auto unterwegs war, liefen im Radio ein paar Lieder, die mich zu meiner grossen Überraschung total auf den Gottesdienst eingestimmt haben:

  1. Leider weiss ich nicht mehr wie das erste Lied hiess, aber es ging um Ferien. Wenn ich an die grossen Sommerferien denke, denke ich an den Himmel. Der englische Autor C.S. Lewis (die Narnia-Bücher sind von ihm) hat das Leben mit einem Schulsemester verglichen. Am Anfang des Semesters liegt noch so viel Arbeit vor einem. Tage, Wochen, Monate von neuem Stoff, von Lerneinheiten, von Prüfungen. Mitten im Semester haben wir schon einiges gelernt, aber es wird uns auch bewusst, wie viele Kapitel noch vor uns liegen und dann gibt es noch die Prüfungen und Tests. Auf manche können wir uns vorbereiten, andere treffen uns unvorbereitet. (So ist doch das Leben, nicht?) Aber nach dem Leben auf der Erde kommt das Leben in der Ewigkeit. Im Himmel fangen die Ferien an, die langen Sommerferien, sozusagen, die vor einem liegen, als würden sie eine Ewigkeit dauern (was auf die Ewigkeit im Himmel dann tatsächlich zutrifft!) Das sind doch tolle Aussichten. Es ist die Hoffnung auf diese Zeit in der man sich nicht mehr mit dem Alltäglichen, mit dem Schweren, mit den Prüfungen, mit den Enttäuschungen, mit Ungerechtigkeiten und Schmerzen rumschlagen muss. Der Himmel ist eine wunderbare Hoffnung.
  2. Cold Play: The Scientist: “take me back to the start”. Ich möchte immer wieder an den Anfang zurück. Und der Anfang ist die Liebe. Die Liebe zieht uns an und lässt uns nicht mehr los. Die Liebe ist die Kraft, die uns durch trägt. Die Liebe ist die Hoffnung auf den Himmel, aber noch mehr: Im Jetzt ist es die Hoffnung auf ein sinnerfülltes Leben (während des Schulsemesters, welches wir alle absitzen müssen).
  3. Adam Lambert: “Whataya Want from Me”. Das ist ja die grosse Frage. Was willst du von mir? Das fragen wir einander und das frage ich manchmal auch Gott. Und Gott fragt mich das auch. Und dann muss ich durch die Oberflächlichkeiten sieben um an das wirklich Wichtige zu kommen. Das kann einen Moment dauern. Aber es lohnt sich darüber nachzudenken.
  4. MoTrip: So wie du bist: “bleib so wie du bist”: Ob du so bleiben musst/darfst/sollst, wie du bist, kann ich nicht beurteilen. Was ich aber ganz sicher weiss, ist dass du so geliebt bist, wie du bist. Du bist angenommen, so wie du bist. Es gibt diesen Vater Gott tatsächlich, der dich ganz und völlig annimmt, so wie du bist.

Über Vorsätze

Der Beginn eines neuen Jahres ist ein guter Zeitpunkt sich etwas vorzunehmen. Es endlich in Angriff zu nehmen, sein Leben zu ändern. Sagt man. In Wirklichkeit ist jeder Tag, sogar jede neue Stunde, vielleicht sogar jeder neuer Atemzug DIE Gelegenheit einen Entschluss umzusetzen. Kürzlich las ich einen Bericht über einen Pornostar, der mitten am Tag, mitten im Jahr, den Entschluss fasste seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Er hat glücklicherweise nicht auf Silvester gewartet. Ein alter Bekannter hat vor einigen Monaten auf Facebook gepostet, dass er es schon eine Woche lang ohne Zigaretten geschafft hatte! Cool! Es war weder Silvester, noch Ostern, noch Advent… er hat es einfach umgesetzt.

Ich fühle mich durch Silvester oder die Fastenzeit vor Ostern immer etwas unter Druck gesetzt. Jetzt oder nie. Alles oder nichts. Und meistens fehlt mir auch der richtige Antrieb. Nur weil Silvester oder Fastenzeit ist – das ist für meinen inneren Schweinehund nicht genug. Meine Motivation kommt meistens aus dem Alltag heraus.

Bei zu wenig Bewegung werden meine Beine kribbelig und ich weiss, regelmässiges Joggen ist angesagt. Zu viel Süsses in den letzten Wochen genascht – zack, ich entscheide mich spontan, aber mit Überzeugung, die nächsten sechs Tage auf Zucker und Süsses zu verzichten.

Irgendwie funktioniert das für mich. Das Leben ist zu kurz und zu kostbar, um mich ständig darüber zu schämen, dass ich meine Vorsätze nicht halten kann. Lieber integriere ich die kleinen und notwendigen Schritte in meinen Alltag und freue mich darüber, dass ich es meistens schaffe und immer wieder einen Anlauf nehmen darf.

Auf ein frohes 2017!

Die Krippe

(Wir schreiben das Jahr 2009. Meine Kinder sind 10, 8 und 5.)

Die Kinder haben die Krippe aufgestellt.

Alle Figuren stehen im Kreis um das Jesuskind im Futtertrog.

Maria, Josef, die Könige, die Hirten, ja, sogar die Schafe stehen in diesem Kreis – alle sind ausnahmslos auf Jesus ausgerichtet.

Ich habe mir überlegt die Figuren neu aufzustellen: Maria und Josef ganz nah bei Jesus, die Könige etwas weiter weg, die Hirten von der anderen Seite herkommend, ein paar Schafe hier und da verstreut…

Doch ich entscheide mich die Figuren genau so zu lassen, wie die Kinder sie hingestellt haben. Es wird mich daran erinnern, dass ich so leben will, dass ich ganz auf Jesus ausgerichtet sein möchte, nicht abgelenkt, nicht äusserlich schön für’s Auge, nicht “so wie man es macht”, nicht nach anderen Massstäben als allein seine unendliche Liebe und Gnade, die uns in diesem kleinen Baby so nahe gekommen ist.

Keine Antworten

Hat es mit dem Älterwerden zu tun? Mit den Hormonen? Mit der Lebensrealität? Mit der Lebenserfahrung? Das Vokabular vom Reich Gottes im Hier und Jetzt von den Träumen, den Visionen, der Herrlichkeit, den Wundern, der Befreiung und wie die Schlagworte alle heissen, die uns jahrelang begleitet haben, all diese Begriffe reichen nicht mehr aus und werden dem Leben, wie ich es erlebe nicht mehr gerecht. Zu der jugendlichen Euphorie genau am richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein, wo Gott uns gebrauchen will, um sein Reich zu bauen, gesellt sich der graue Alltag von dem kaum einer spricht. Wann hören wir, dass wir im Büroalltag oder zwischen Windeln und Küche oder in der Auseinandersetzung mit aufmüpfigen Teenagern Reich Gottes bauen? Dass wir genau dann, wenn wir Zahlen auf dem Blatt hin und her schieben oder die Wäsche zum Trocknen aufhängen einen wichtigen Beitrag zur Verwirklichung von Gottes Vision für unser Leben leisten? Und doch muss es so sein, denn unsere erste Aufgabe, so banal es tönt, ist zu leben. Gott hauchte Adam Leben ein – wozu? Um zu leben. Und zu diesem, unserem Leben gehören genau diese alltäglichen Dinge.

Dazu kommt die harte Realität, dass wir hier auf der Erde leben und eben noch nicht im Himmel. Das bedeutet Not und Leid in Form von Krankheit, zerbrochenen Beziehungen, Ungerechtigkeit, Missbrauch, Rechnungen, die bezahlt werden müssen aus einem Konto, welches rot aufleuchtet, weil gar nicht genug zum Leben eingezahlt wurde. Wo, wo, ach wo, ist hier Reich Gottes? Wir leben im „schon – und noch nicht“, in der Zeit zwischen Verheissung und Erfüllung, wobei einige Verheissungen schon jetzt erfüllt werden, aber noch nicht alle. Wann wissen wir „damit muss ich leben“ oder eben nicht? Wann ist es Zeit sich zu wehren, wann Zeit zu schweigen?

Ich habe keine eindeutige Antworten mehr. Ich bin mir inzwischen auch nicht mehr sicher, ob es auf dieser Seite der Ewigkeit überhaupt eindeutige Antworten gibt. Vielleicht ist genau dieses Dilemma Gottes Antwort auf unsere Forderung immer und für alles jetzt sofort eine Antwort zu haben. Es zeigt mir zumindest, dass die Welt, die sichtbare sowie die geistliche, dass der Mensch, dass Gott nicht so schwarz-weiss ist, wie ich es immer dachte und mir zu oft gepredigt wurde. Es zeigt mir, dass wir weder die Welt, noch die Menschen und schon gar nicht Gott im Griff haben. Es zeigt mir, dass wir ganz klein und unwissend sind und Gott in Dimensionen anders ist, die wir uns gar nicht vorstellen können.

Vielleicht ist es an der Zeit ein neues Vokabular zu lernen und unseren Wortschatz zu vergrössern. Mit 50 ist es noch nicht zu spät, so sagt man jedenfalls. Ich möchte die Worte lernen, die in der Not, sei sie körperlich, materiell oder geistlich, einen Sinn finden, eine Zukunft, eine verborgene Schönheit und Stärke entdecken. Worte, die Hoffnung geben, auch wenn es dunkel oder still bleibt und sich auch gar nichts zum Guten verändert.

„Du bist nicht allein“ ist ein solches Wort. Zu Schweigen ist auch ein Wort. Zu wissen, wann das Eine, wann das Andere dran ist, ist Weisheit.

Ein Reden am See

Es gibt einen Psalm – das sind Lieder –  in der Bibel (Kapitel 46), der mich vor einigen Wochen gepackt hat – ausserdem ist er für ‚hohe Frauenstimmen‘ geschrieben, aber ich bin sicher, dass sich Männer auch angesprochen fühlen dürfen. Darin ist die Rede von Gott als Helfer, als Zuflucht und Schutz und dass er uns in Zeiten der Not seine Hilfe schenkt.

In diesem Lied kommt zum Ausdruck, dass Gott mit uns ist, auch wenn die Erde bebt, sodass Berge im Meer versinken – also krass – auch wenn die Wellen tosen und brausen, aber weil er so ein starker Gott und so um uns bemüht ist, werden wir von dem Chaos um uns herum nicht erschüttert und auch nicht verschüttet. (Ich weiss aus Erfahrung, dass es sich manchmal so anfühlt.) Am Schluss werden wir aufgerufen zu erkennen, dass er Gott ist und über allem steht.

Nun, wenn ich diesen Gott wirklich beim Wort nehme, müsste ich still werden und vertrauen. Aber kann ich wirklich vertrauen? Das ist so leicht gesagt und so schwierig umzusetzen. Ich kann wohl mit Worten sagen, dass ich Gott vertraue, aber wenn ich mich in Sorgen verliere, vertraue ich nicht wirklich.

Vor ein paar Tagen sassen die Kinder und ich am Tisch und merkten, dass wir uns alle zu viele Sorgen machten. Die Kinder machten sich Sorgen um ihre Zukunft, was sie als Beruf wählen sollen, ob sie überhaupt eine Arbeitsstelle finden würden, wie es in der Lehre weitergeht … und ich machte mir Sorgen um meine Kinder und wie ich mit all dem fertig werden sollte, was noch so alles auf uns zukommen würde. (Irgendwann muss es doch besser werden, oder???)

Überhaupt merkte ich, nachdem ich in letzter Zeit öfters mit schwierigen Situationen konfrontiert wurde, dass ich inzwischen in der Angst vor dem nächsten Hammerschlag lebe. Und, nein, so möchte ich nicht leben. Ich würde gerne schreiben, dass ich mich täglich gegen die Angst entscheide, aber ganz ehrlich, das schaffe ich nicht immer. (Nicht immer, aber immer öfter ;-)

Was ich dagegen wieder regelmässiger mache, ist mir bewusst zu werden, wofür ich dankbar bin. Und manchmal begegnet mir Gott ganz unverhofft, wenn ich es am wenigsten erwarte, wie neulich am See.

Ich war Joggen und die meisten Enten ruhten noch auf dem Sand. Kaum war ich am See angekommen, flog auch schon der Reiher über meinen Kopf und landete im seichten Wasser. Ich haben dem Reiher einen Namen gegeben: Mr. Heron. (Ich begrüsse ihn nämlich immer mit Namen.) Meine Gedanken kreisten um meine prekäre finanzielle Situation und um alles andere, was eine Familie mit drei Teenagern so beschäftigt. Ich muss kaum erwähnen, dass diese Gedanken nicht sehr erholsam waren. Aber da fing Mr. Heron schon an mit seinen langen, dünnen Beinen durch das Nass zu schreiten und sein Frühstück zu suchen. Ich grinste und hatte die Botschaft verstanden.

“Siehst du? Den Reiher und die Enten, die Spatzen und die Meisen, die versorge ich, schon früh am morgen. Du und deine Familie sind mir so unendlich mehr kostbar. Lass los und vertraue darauf, dass ich euch weiterhin versorgen werde, nicht nur mit Finanzen, sondern mit allem, was du jeden Tag brauchst: Weisheit, Geduld, Freude, Gutes, Entspannung, Freunde.” Ende der Durchsage

“Gott ist in ihrer Mitte, darum wird sie niemals wanken; Gott hilft ihr, wenn der Morgen anbricht.”

(aus der Bibel; Psalm Kapitel 46 Vers 6)

Das Blatt am Wegrand

Am Wegrand lag ein Blatt. Es war wohl schön länger vom Baum gefallen, es war ja auch schon November und manche Bäume schon ziemlich kahl. Dieses Blatt war braun und zertreten. Es wurde nicht beachtet und so lag es verachtet und vergessen am Wegrand. Die ursprünglich schön vollendete Form war nur noch umrisshaft zu erkennen. Und überall, auch auf diesem Blatt lag Frost. Frost kann wunderschön sein, aber dieser Tag  war sehr grau und das Blatt unter dem Frost sehr braun. Es lag da, still und leblos, umgeben von einer feinen und eiskalten Frostschicht.

Und dann kam der erste mutige Sonnenstrahl und schien direkt auf diesen Wegrand, direkt auf das frostbedeckte Blatt. Dieses Blatt, dass so braun, leb-, kraft- und saftlos da lag, erstrahlte in diesem Licht wie tausend Diamanten; es glitzerte und funkelte. Es machte nichts mehr aus, dass es schon lange vom Baum gefallen war, braun und zertreten, verletzt und kaputt war, es erstrahlte aus einer Kraft, die nicht in ihm selbst zu finden war; eine Kraft, eine Energie, ein Licht, dass aus einer viel grösseren Quelle stammte.

Derselbe Frost, der zuvor so kalt und gefroren das Schicksal dieses Blattes zu besiegeln schein, dieser Frost, erstrahlte so kostbar wie Edelsteine.

Es war dasselbe Licht, dass auf diesem Blatt gestrahlt hatte, als es noch mit allen anderen Blättern, grün und saftig am Baum gehangen hatte. Aber diese Zeit war vorbei. Jetzt lag es einsam und allein, vergessen und übersehen am Wegrand – bis…ja, bis es von diesen Sonnenstrahlen getroffen wurde.

Vielleicht erkennst du dich in dem Bild von diesem Blatt wieder. Dein Leben ist kraftlos geworden, deine Blütezeit liegt lange zurück und du fühlst dich, als befändest du dich vergessen und vielleicht verachtet am Wegrand des Lebens. All die schmerzhaften Erlebnisse, die schwierigen Tage und ausweglosen Situationen deines Lebens haben dein Herz mit einer Frostschicht bedeckt. Aber es gibt ein Licht, dass sogar Frost zum Strahlen bringen kann. Erlaube diesem Licht auf dein Herz zu scheinen und sogar Schmerzhaftes wird anfangen, wie Diamanten zu strahlen.

Das erinnert mich an verschiedene Worte aus den Psalmen:

Herr, du hast Licht in mein Leben gebracht, du, mein Gott, hast meine Finsternis erhellt. …Die von ihm Hilfe erhoffen, werden vor Freude strahlen, und sie werden nicht vor Scham erröten. … Du hast unseren Feinden erlaubt, uns zu Boden zu trampeln. Durch Feuer und Flut mussten wir gehen, doch du hast uns herausgeholt und uns reich beschenkt. … Denn Gott, der Herr, ist für uns Sonne und Schutz.

(Wer es nachlesen will, findet diese Aussagen der Reihe nach in der Bibel: Psalm 18,29; Psalm 34,6; Psalm 66,12; und Psalm 84,12)

Deshalb schreibe ich

Vor ein paar Jahren besuchte ich einem Seminartag für Familien, Getrennte, Geschiedene und Verwitwete. Es gab für die verschiedenen Interessengruppen relevante Workshops und packende Referate. Nachdem der Tag vorbei war, musste ich aber folgendes feststellen: Der Workshop, der von einer geschiedenen und wiederverheirateten Frau über Patchworkfamilien gehalten wurde, spielte in einer ganz anderen Liga, als der Workshop für Geschiedene, der von Verheirateten in erster Ehe gehalten wurde. Der Unterschied war so deutlich, dass es für mich als Betroffene fast deprimierend war. (Ich muss hier einschieben, dass ich ein paar Jahren zuvor ein Seminar für Geschiedene/Getrennte besucht hatte, welches von einer alleinstehenden Frau durchgeführt wurde, der sehr gut war. Es ist also nicht so, dass nur direkt betroffene gut über ein bestimmtes Thema reden können.) Trotzdem übertraf die Qualität des Patchwork-Workshops die des Scheidungsworkshops bei weitem. Dabei hatten die lieben Leute vom Scheidungsworkshop garantiert ein grosses Herz für Getrennte/Geschiedene und auch einen Auftrag ihnen zu dienen. Aber der Unterschied bleibt. Und deshalb war es gut und unerlässlich, dass im Scheidungsworkshop einige Geschiedene mitgeholfen haben (was den Workshop schliesslich erträglich machte).

Natürlich wäre es toll, wenn es keine Scheidungen mehr geben würde und wir für diese Lebenssituation kein Verständnis mehr aufbringen müssten. Leider müssen wir aber davon auszugehen, dass die Scheidungsquote in den nächsten Jahren nicht auf null sinken wird. Es wird immer zerrüttete Beziehungen und Familie geben, weil wir im Herzen alles zerrüttete Menschen sind, die zwar ihr Bestes geben, aber oft an ihre Grenzen kommen und Fehler machen.

Meine Lebensträume, Hoffnungen und Zukunft verlor ich bereits im Alter von 27 als mein erster Mann an Aids starb und mit der Scheidung vom meinem Ex starben sie gleich nochmal, mitsamt meinem Image und Ansehen als gute Ehefrau, denn zu einer Scheidung gehören immer zwei, sagt man, obwohl einer allein auch schon ganz viel kaputt machen kann. Was auch immer.

Als ich nach der Scheidung merkte, in welche Schublade Getrennte/Geschiedene oft gesteckt werden (auch und leider oft gerade von gläubigen Menschen), wollte ich Gegensteuer geben, weil mir Gott in den Momenten meines Zerbruchs so anders begegnet ist, als so manch meiner Mitmenschen, der besonders fromm zu sein meinte.

Und wer kann besser über ein Thema oder eine Lebenssituation reden, als jemand, der es selber erlebt hat? Eben. Es hilft ungemein, dass ich beide Seiten kenne: die richtend/urteilende und die leidende. Ich verstehe so manche fromme Reaktion, weil ich früher selber so gedacht und geredet habe. Gleichzeitig verstehe ich jetzt, was es wirklich bedeutet von einer Trennung/Scheidung betroffen zu sein und glaubt mir, es ist kein Zuckerschlecken. Aber das wisst ihr ja schon. Betroffene brauchen niemanden, der ihnen noch einmal sagt, wie schlimm eine Trennung/Scheidung ist – das wissen sie schon. Wir brauchen Menschen, die uns zuhören. Es ist meine Hoffnung, das jeder, der gegenüber getrennten oder geschiedenen Menschen gnädiger und barmherziger werden will, nicht selber eine Trennung/Scheidung erleben muss.

Und deshalb schreibe ich.

Wenn der Schuh nicht mehr passt

So manche Frau hat das schon erlebt. Nach der Schwangerschaft und Geburt kann es passieren, dass ein Schuh nicht mehr passt. Man fragt sich was der schwangere Bauch wohl mit den Füssen zu tun hat – und es gibt dafür vermutlich eine gute Erklärung, aber es erstaunt Frau doch, wenn es passiert. Und so kommt es, dass der Schuh einfach nicht mehr passt. Auch wenn er schön aussieht. Auch wenn er praktisch wäre. Und was nützt uns ein schöner Schuh, der zwar einen guten Zweck erfüllen könnte, wenn er nicht passt? Genau. Nicht viel. Da gibt es nur eins: Es ist Zeit einen Schuh zu suchen, der tatsächlich passt, denn einen Schuh brauchen wir. (Und ich bin inzwischen alt genug um mir einzugestehen, dass das Leben zu kurz ist für einen unbequemen Schuh!)

Ich wollte den Schuh für eine Wanderung gebrauchen, aber es stellte sich heraus, dass der Schuh nur für einen Spaziergang geeignet war. Ich muss dazu sagen, dass ich zu Beginn auch noch nicht wusste, dass aus meinem Spaziergang eine happige Wanderung werden würde. Das kann aber passieren und dafür kann niemand was. Zuerst drückte es nur an einer kleinen Stelle. Das konnte ich relativ lange aushalten, weil der Rest noch stimmte, aber als es steil bergab ging, konnte ich kaum noch laufen. Das war richtig schwierig und mir taten die Füsse so weh, dass mir die Leute, mit denen ich unterwegs war, helfen mussten. Ich bekam einen Wanderstock und so schaffte ich den Abstieg tatsächlich mit Müh und Not. Unten im Tal angekommen, zog ich gleich den Schuh aus und kühlte meine Füsse im kalten Gletschersee. Ich musste den Schuh für den Rest der Wanderung wieder anziehen, aber es war nicht lustig. Ich spürte jeden Schritt und mir war nicht wohl. So oft es möglich war, versuchte ich barfuß zu gehen, aber das geht auf einer Wanderung nicht wirklich. Also musste ich wohl oder übel noch eine Weile in dem Schuh laufen.

Es gibt garantiert Leute, die diesen Schuh super bequem finden und die nicht, wie ich, auf einer Wanderung sind, die einem – und dem Schuh – extrem viel abverlangt. Ich kenne Leute, die haben noch nie so eine Wanderung unternommen, sind noch nie von der Spitze des Berges in dieses tiefe Tal gewandert. Für einen Spaziergang reicht dieser Schuh allemal und das kann ich ohne weiteres stehen lassen. Ich habe mich verändert und der Schuh wurde immer unbequemer. Ich habe eine Stütze von meinem Schuh erwartet, die der Schuh mir nicht geben konnte.

Deshalb habe ich mich entschlossen nach einem neuen Schuh Ausschau zu halten. Sobald ich den finde, werde ich den alten Schuh ausziehen und den Rest der Wanderung im neuen Schuh zurücklegen. Der neue Schuh muss zuerst eingelaufen werden und es wird vielleicht einen Moment dauern, bis er ganz richtig sitzt – darauf bin ich gefasst – aber diese Wanderung hat mich verändert und der alte Schuh passt definitiv nicht mehr.

Ihr merkt, es geht hier nicht wirklich um einen Schuh und auch nicht um eine Wanderung. Aber der Schuh und die Wanderung sind gute Bilder, um zu beschreiben, was in meinem Leben geschieht. Seit 18 Jahren gehöre ich einer christlichen Gemeinde (Kirche) an, aber die Druckstellen, die sich durch verschiedene Situationen – die mit meiner Entwicklung und  meinem Lebensweg zu tun haben – gehen nicht weg und ich muss Entscheidungen treffen. Wenn ich mit diesem drückenden Schuh weiter laufe, werde ich anfangen zu hinken und werde mich – trotz meiner guten Vorsätze – anfangen zu beklagen. Da ich das nicht möchte, bleibt mir nur eins: Mich von dem alten Schuh zu trennen und einen neuen Schuh zu suchen, was nicht viel mit meinem Glauben an sich zu tun hat, wohl aber mit der Form, wie ich meinen Glauben mit anderen leben möchte.

Trennungszeit 8 – gut gemeinte Ratschläge

Eine Person die mir sehr nahe steht und dessen Ehe gerade in die Brüche geht, wird von gutmeinenden Christen immer wieder darauf hingewiesen, dass sie doch einfach wieder zum Kreuz Jesu kommen muss, es gäbe in der christlichen Gemeinde einige Eheleute, deren Ehe vor dem Aus stand, die aber jetzt wieder glücklich zusammen seien…

Ich verstehe das. Wirklich. Ich verstehe das. Ich verstehe den Hintergrund dieser Ratschläge und warum das gesagt wird. Ich verstehe es und dache selber lange so. Aber deswegen ist dieser Ratschlag noch lange nicht richtig und ebenso wenig hilfreich.

Nachdem ich jahrelang um meine Ehe gekämpft hatte, immer wieder Vergebung und Versöhnung gesucht hatte, stand ich trotzdem eines Tages vor den Trümmern unserer Ehe. Ich wusste schon zu Beginn, dass es hoffnungslos und eine Wiederherstellung der Ehe praktisch unmöglich war. Aber alle anderen um mich herum hielten sich an die Verheissung, dass Gott alles möglich ist, dass Gott Wunder tut, dass wir beide nur wollen und wieder zum Kreuz kommen müssten. Und es stimmt; für gewisse Betroffene ist es wichtig zu wissen, dass jemand an ihre Ehe glaubt, der an sie glaubt, der daran festhält, dass sie es schaffen können. Und es ist tatsächlich möglich, das weiss ich auch.

Es gibt aber auch die anderen Betroffenen, die jahrelang bereits so viel in ihre Beziehung investiert haben, dass nichts mehr übrig bleibt, deren Herz seit Jahren so verletzt ist, dass es nur heilen kann, wenn ein klarer Schnitt geschieht. Und es gibt sogar in christlichen Kreisen diejenigen, die einfach nicht mehr wollen (!). Es tut gut zu überlegen, warum sie wohl nicht mehr wollen. Manchmal geht es nur noch um das nackte Überleben. Aber wer sagt das schon, denn als gute und vernünftige Menschen wollen wir unseren Partner nicht schlecht machen. Wir werden nicht allen alles erzählen. Und wenn die Grenze von dem erreicht ist, was wir aushalten können, ist sie erreicht. Manchmal liegt einfach nicht mehr drin. Das Herz ist nicht nur verletzt, es ist bereits tot – vielleicht schon lange. Als Aussenstehende werden wir nie, oder äusserst selten, eine so tiefe Einsicht in eine Beziehung bekommen, dass wir das wirklich nachvollziehen können. Und deshalb müssen wir sehr vorsichtig sein, wem wir welchen Rat geben. Keine Ehebeziehung gleicht der anderen und deshalb gleicht auch keine Ehekrise einer anderen. Wir können nicht einfach von einer wiederhergestellten Ehe auf eine andere schliessen. Was wir mit unserem gut gemeinten Gerede übersehen, ist, dass wir einige Betroffene mit unseren Vorstellungen, wie das mit ihrer Ehe weitergehen soll, stark unter Druck setzen.

Einige Jahre bevor meine eigene Ehe zerbrach, sagte mir meine zukünftige Beraterin beim Gespräch über ein mir nahestehendes Ehepaar, die gerade eine schwierige Zeit durchmachten: “Das erste Ziel für eine zerbrochene Beziehung ist, dass beide Partner heil werden”. Das ist doch ein guter Anfang für alle Betroffene und deren Freunde. Suche das, was dem oder der Betroffenen hilft wieder heil zu werden. Unterstützte sie oder ihn in der Heilung ihres eigenen Herzens. Die Herzen der Betroffenen sind so verletzt, so enttäuscht, so bedrückt und voller Sorge, da wollen wir doch nicht noch mehr Druck aufsetzen.