Frühstück am See

Karfreitag und Ostersonntag sind vorbei, aber es ist noch nicht Auffahrt und genau in diese Zeit fällt die Geschichte vom Frühstück am See. Wie ihr vielleicht noch wisst, hatte Petrus Jesus drei Mal vor dessen Tod verleugnet. Als die aufregenden Tage der Kreuzigung und Auferstehung vorbei waren, ging Petrus wieder fischen – was hätte er denn sonst tun sollen? Nach einer erfolglosen Nacht auf der See – kein einziger Fisch war ins Netz gegangen – ruft Jesus ihm vom Ufer zu, er solle das Netz auf die andere Seite rauswerfen, worauf das Boot an der Unmenge von Fisch zu sinken droht. Petrus und seine Fischerfreunde schaffen es mit dem schweren Fang knapp an Land, wo Jesus mit einem Frühstück auf sie wartet.

Wenn ich diese Geschichte lese, springt mich förmlich die Andersartigkeit Gottes an. Es ist ja wohl klar, dass Petrus sich daneben benommen hat. Wir können es ja sogar verstehen; die Soldaten, die religiöse Führung, die tobende Menge, wer hätte sich da schon freiwillig als Jünger Jesu geoutet. Es war lebensgefährlich und das ist nicht übertrieben.

Als alles vorbei war und nachdem sich der Staub gelegt hatte, hätte ich jedoch Petrus zuerst einmal wissen lassen, wie enttäuscht ich von ihm bin. Und ich hätte ihm sicher nicht Frühstück gemacht. Ich meine, nur schon wenn mich meine Kinder aufregen, weil sie nicht so spuren wie ich will, bin ich versucht zu sagen: Du kriegst nichts zu essen. Und manchmal sage ich es sogar, aber meistens leise, weil ich genau weiss, dass es eine blöde Idee ist, und wenn sie nachfragen, was ich da in meinen Bart murmle, schaffe ich es gerade noch mir auf die Zunge zu beissen und „ist nicht wichtig…“ zu antworten.

Ich stelle wieder einmal fest: Gott ist anders. Das habe ich übrigens auf die „Jesus ist…“-Plakate geschrieben: Jesus ist…anders. Er ist so anders als ich, als wir. Er ist anders als meine Vorstellung davon, wie sich ein Gott zu benehmen hat. In meiner Vorstellung hätte er Petrus nämlich zuerst zurechtweisen müssen. Und dann hätte es noch Konsequenzen gegeben. Vielleicht hätte Petrus ein Wiederherstellungsprogramm durchlaufen müssen. Man muss schliesslich alles daran setzen, dass der Mann beim nächsten Mal standhafter bleibt und nicht so schnell die Verbindung zum Chef und der Firma abstreitet.

Aber Jesus ist eben anders. Egal, ob ich alles richtig mache oder nicht; Jesus macht mir Frühstück. Er möchte mir was zu essen geben, möchte, dass ich satt und gestärkt werde, er möchte, dass es mir gut geht. Zu so einem Gott gehöre ich gern.

Das mit der Vergebung

…ist so ‚ne Sache. Wir haben ja das Gefühl wir tun dem andern ein Gefallen, wenn wir ihm vergeben und vergessen dabei, dass wir uns damit selbst den grössten Gefallen tun.

Warum geht es uns so? Vergebung gibt man. Es ärgert mich, dass ich jemandem etwas geben soll, der mir Unrecht getan hat. Ich will dem nichts geben. Er soll gefälligst mir was geben. Er soll zugeben, dass er Unrecht hatte, dass er mich schlecht behandelt hat, dass er mich beraubt hat (von meinem Selbstwert, meinem Stolz, meinen Finanzen, … – hier darfst du einsetzen, was du willst). Das sind meine Gefühle. Und ja, das sind echte Gefühle, die wir auch haben dürfen. Wenn wir die nicht hätten, wären wir ja kaum menschliche Wesen. Aber, und hier kommt das grosse Aber, das ist erst der Anfang. Es hört hier nicht auf, es fängt hier erst an.

Wir dürfen und sollen sagen, was nicht Recht war. Wir dürfen und sollen Schmerz und Enttäuschung über erlebtes Unrecht ausdrücken und zulassen. Es hat seinen Platz. Und keinen Unwichtigen. (Die Anerkennung von Unrecht kommt manchmal etwas zu kurz. Wenn ich zum Beispiel etwas erzählt habe, was mir im Zusammenhang mit der Scheidung geschehen ist, habe ich oft zu hören bekommen: „Ja, aber du musst verstehen, seine Kindheit und Prägung und …“ was weiss ich noch. Meinen die, ich wüsste das nicht? Es hätte mir genügt, wenn man das was mir geschehen ist, als Unrecht anerkannt hätte und einfach stehen lässt. Es ist nicht nötig zu vermitteln und Partei zu ergreifen. Man darf zuhören und anerkennen. Punkt. Das genügt wirklich. Man darf noch anfügen, dass es einem Leid tut, dass die Dinge so gelaufen sind. Das wäre auch nett.) Wir kommen nämlich erst weiter, wenn wir dazu stehen, was nicht Recht war, was übrigens genauso für unsere eigene Schuld gilt, wie die des anderen.

An dieser Stelle könnten wir anfangen zu ahnen, dass der andere diese Fehler an uns beging, weil er selber gefangen und nicht frei (und perfekt) ist. Und dann könnten wir auch anfangen zu ahnen, dass wir uns oft gegenüber anderen auch nicht perfekt verhalten. Aber auch wenn wir das alles nicht ahnen, folgen noch weitere Schritte.

Denn dadurch, dass wir dem anderen nicht vergeben, binden wir dem dunklen Schatten dieses Unrechts einen Strick um den Hals und befestigen ihn an unseren Hals. „Das werde ich nie vergessen“, schwören wir uns und dabei schnürt es uns die Kehle zu (und wir kriegen einen heissen Kopf). Ja, dann leb mal schön weiter mit diesem Schatten, den du an dich gekettet hast und der dir auf Schritt und Tritt folgt und dir immer wieder die Kehle zuschnürt.

Ich habe mir irgendwann mal gesagt, dass ich nicht so leben will. Nicht jetzt und nicht in der Zukunft. Ich will frei atmen können. Jetzt und für immer. Da gibt es nur eins: Strick durchschneiden und Schatten loswerden. Das bedeutet, dass ich dem anderen sage: „Ich vergebe dir“. Diese Vergebung hat absolut nichts damit zu tun, dass das Unrecht nicht Unrecht ist, sondern damit, dass ich dem Unrecht keine Macht über mir, meinen Gedanken und schliesslich über mein Leben gebe. Ich lasse es los. Ich trenne mich vom Schatten und von der Vorstellung, dass dieses Unrecht mein Leben definiert. Ich höre auf zu erwarten, dass der andere zur Einsicht kommt und sich für sein Verhalten entschuldigt. Keine Erwartungen mehr. Ich lasse das Unrecht, die Vorstellungen, die Erwartungen und den Menschen los. Das ist Vergebung.

Zum Nachdenken: Wir stellen uns vor, dass der andere darunter leidet, dass wir ihm nicht vergeben habe. Das ist ein Trugschluss. Der andere kümmert sich überhaupt nicht darum. Der lebt sein Leben frisch und fröhlich weiter und du bist diejenige, die leidet. Das ist irgendwie gemein, aber so isses und ich kann es auch nicht ändern. Deshalb: Vergeben und frei atmen!

Nachtrag: Der letzte Artikel über das Vertrauen war hauptsächlich für mich. Und auch dieser Artikel über das Vergeben ist hauptsächlich für mich. Wie ihr merkt, bin ich gerade auf verschiedenen Fronten herausgefordert und wenn ich schreibe, schreibe ich eben oft (eigentlich immer) für mich und ihr dürft dann einfach mitlesen. Ist doch schön, oder?

Zu lohnenden Zielen gibt es keine Abkürzungen

Barbara greift in diesem Text etwas auf, womit wir als Getrennte oft konfrontiert werden. „Es kommt schon gut!“ hört man – und die Frommen sagen „bei Gott ist alles möglich“ – und mit „gut“ oder einem „Wunder“ meint man die heile Familie, so wie sie vorher war und wie sich das alle vorstellen. Nur, vielleicht ist das Ziel gar nicht die „heile Ehe“, sondern der heile Mensch? Vielleicht besteht das Wunder darin, innerlich heil zu werden, auch wenn äusserlich alles auseinander fällt und zerbricht.


Zu lohnenden Zielen gibt es keine Abkürzungen

Diesen Spruch heftete ich an den Kühlschrank, irgendwann am Anfang der Trennungszeit.
Das „lohnende Ziel“ bedeutete für mich: zurück zur heilen Familie. Ich war bereit, mich dem Schmerz, der Unzulänglichkeit und dem Versagen zu stellen, wollte nicht verdrängen und auf keinen Fall bitter werden, sondern unbedingt den Weg der Vergebung finden – damit es wieder gut werden könnte. Ich war bereit dazu, auch wenn es ein langer Weg ohne Abkürzungen werden würde.

Unterwegs wurde ich etappenweise herausgefordert: Bin ich auch bereit zu vergeben, wenn wir nicht wieder zur heilen Familie werden und ich möglicherweise nie „rehabilitiert“ werde? Bin ich bereit, loszulassen und frei zu geben, ohne zu sehen, ob ich etwas dafür bekommen werde?

Mit Hilfe von Freunden, Beratung und Gebeten barg ich mich immer wieder bei diesem Jesus, der das alles für mich getragen hat, und sagte: „Ja, ich bin bereit.“

Neun Jahre sind mittlerweile seit der Trennung vergangen. Wir sind nicht mehr zur heilen Familie geworden, sondern heute geschieden und es bleiben durchaus Fragen offen.
Ich habe mich dem Schmerz, der Unzulänglichkeit und dem Versagen gestellt. Obwohl es nicht so kam, wie ich sehnlichst wünschte, kann ich heute sagen: Es ist, wie es ist; und es ist gut so.

Neulich bekam ich von einem Freund die Rückmeldung: „Du hast trotz widerwärtigsten Umständen deinen Humor, deine Kreativität, Phantasie und Liebe zu den Menschen nicht aufgegeben. Du bist nicht in Bitterkeit abgesumpft.“
Was für ein lohnendes Ziel, dachte ich! Auch dazu gab es keine Abkürzungen.

– Barbara

Verzeihen macht stark

Darf ich vorstellen? Barbara, die die Schöne, Begabte und Starke! Da ich in den letzten Wochen über Trennungszeiten schrieb, schickte sie mir einige Texte, die sie dazu verfasst hatte und wow! ihre Texte haben mich umgehauen. Danke, Barbara, dass du dein Herz mit uns teilst.


 Verzeihen macht stark

Diese Worte habe ich damals aus der Zeitung ausgeschnitten, sie aufgeklebt und laminiert. Auch heute noch hänge ich sie immer wieder so auf, dass ich sie von meinem Bett aus gut sehen kann.

Die Psalmen sind voller Worte, die meinen Gefühlszustand treffend beschrieben: „ich bin welk, meine Gebeine sind bestürzt, meine Seele weigerte sich getröstet zu werden…“

Niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass der Auslöser dafür, dass solche Worte zu meinen eigenen werden, der Mensch sein könnte mit dem ich mich am tiefsten und intimsten verbunden hatte, an dessen Seite ich den Rest meines Lebens verbringen wollte. Wie unendlich schmerzhaft war es, diesen mir vertrautesten aller Menschen als einen zu erleben, der mir „feind“ wurde durch sein Handeln. Ohne Zuflucht zu Gott zu nehmen, wie der Psalmist das vor seinen Feinden tat, hätte ich seelisch nicht überlebt. Ich war tödlich verwundet.

Das Schlimmste war der Verrat.

Meine Worte und Bilder dazu: “Die offene Wunde in mir ist so gross wie ein Wagenrad. Ich verstumme mit einem lodernden Feuer in mir, möchte mich verkriechen und nie mehr aufstehen. Ich bin lebensmüde…“

Von einem Freund liess ich mir sagen, dass Jesus auch Verrat am Kreuz getragen hat. Er wurde auch verraten – von einem seiner vertrautesten Freunde. Es hat ihn das Leben gekostet. Ich liess mir sagen, dass er mich deshalb versteht und ganz mitfühlen kann. Und, dass ich nicht daran zerbrechen muss, weil er auch den Verrat, den ich erlebt habe, getragen hat.
Ich liess es mir sagen. Ich habe mich immer wieder daran erinnert, es unter Tränen angenommen.

Über die Jahre nahm diese Wahrheit Gestalt an in mir. Ich bin zwar zerbrochen, aber nicht kaputt gegangen. Diese Wahrheit ist die Grundlage, auf der ich verzeihen konnte.

Und Verzeihen macht mich stark – und frei.

Nachtrag: Der Richter sagte, aus Sicht des Gerichtes sei unsere Scheidung eine „Wunschscheidung“: Alles anständig und einvernehmlich geregelt, keine Komplikationen.
So sah das von aussen aus.

– Barbara

Trennungszeit 4

Nach meiner Trennung fühlte ich mich blossgestellt und, ja, es gab Menschen um mich herum, die mich verurteilten, nicht immer mit dem was sie sagten, sondern auch mit dem, was sie nicht sagten. (Das funktioniert nämlich auch so rum und kenne ich nur zu gut von mir selber.) Mein Scheitern war öffentlich. Meine Schuld (weil nach der gängigen Meinung immer beide Schuld sind) war öffentlich.

Ich fühlte mich damals sehr geknickt. Diese Bezeichnung kommt sogar in der Bibel vor und ist eigentlich eine wunderbare Verheissung Gottes: „Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus“.

Nur, wie macht man das, so von Mensch zu Mensch?

Ein Beispiel haben wir: Jesus zeigt in seinem Umgang mit der Frau, die im Ehebruch ertappt wurde, auf eindrückliche Art und Weise, wie wir mit Menschen umgehen können und sollen, die aus irgendwelchen Gründen entblösst vor anderen dastehen (und ich setzte mit diesem Beispiel Scheidung nicht mit Ehebruch gleich, sondern es geht mir um die Blossstellung, um die Verwundbarkeit der Betroffenen und wie Jesu damit umging).

In seiner Begegnung mit dieser Frau, deren Versagen so öffentlich war, die so entblösst vor einem Haufen Männer steht und so geknickt war, hält Jesus keine Predigt und stellt auch keine Fragen. Und eigentlich war das Gesetz (ich wiederhole: das Gesetz Gottes! also so etwas wie die höchste Instanz) sehr klar und verlangte, dass diese Frau gesteinigt werden sollte. Aber es fliegt kein Stein. Und schon gar nicht von Jesus – und er war die höchste Instanz. Aber seine wenigen Worte sind deutlich. Jesus wendet sich interessanterweise zuerst an die Männer: Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!

Erst nachdem er alle anderen anspricht, die in ihrer selbstgerechten Haltung dastehen und sich einer nach dem anderen ehrlicherweise davon macht, wendet er sich an die Frau. Ich kann mir seinen liebevollen Blick sehr gut vorstellen und auch wie die Frau die Liebe, Annahme und Vergebung in seinen Augen sehen konnte, noch vor er die Worte aussprach: Ich verurteile dich auch nicht…

Dieser Mann, dieser Gott, ist einfach erstaunlich.

Trennungszeit 1

Ich habe den Eindruck, dass ich schon vieles aus der Trennungszeit und was alles damit verbunden war, vergessen habe.

Kürzlich versuchte ich mich wieder bewusst an diese Zeit zu erinnern. Hier sind ein paar Erinnerungsfetzen:

Der Termin vor der Richterin, wo es um die Trennung und die Finanzen ging. Zum Glück war unsere Beraterin als moralische Unterstützung dabei, denn es ging mir gar nicht gut. Ich war nur mässig vorbereitet, hatte, was die Finanzen betraf, nicht wirklich eine Ahnung und die Richterin war grausam streng zu uns, weswegen ich in Tränen ausgebrochen bin.

Danach immer wieder Telefonate um dies oder das abzuklären, Steuern, Versicherungen, Bankangelegenheiten, Telefonanrufe seiner Familie, die nicht wusste, dass wir uns getrennt hatten.

Und dann drei kleine Kinder, die versucht haben zu verstehen und doch nichts verstanden haben, die den Papa vermisst haben und ich alleine in all dem drin. Ich habe einfach versucht nicht unterzugehen.

Dann die Kleingruppe, die es gut meinte, aber mir manchmal nicht gut tat, mit ihren Gebeten für meinen Noch-Ehemann und für die Wiederherstellung der Ehe (die ich ja eben so nicht wollte…) und ich da mitten drin, die versuchte einfach zu überleben, auch unter Christen zu überleben.

Die Wochenenden an denen ich mich so allein gefühlt habe und keine Energie hatte mich bei irgendwem zu melden.

Es war eine sehr schwierige, emotional aufreibende Zeit.

Ich bin so froh, dass ich es hinter mir habe (zum grössten Teil), aber es war sehr sehr schwierig (und manchmal holt mich die Vergangenheit immer noch ein). Diese Zeit hat mich geprägt und geformt, mich gelehrt und ernüchtert. Jetzt bin ich dankbar. Dankbar, dass ich nicht untergegangen bin, dass ich überlebt habe, dass ich dankbar geblieben bin.

Kürzlich habe ich mich selbst überrascht, als ich dachte, dass ich sogar extrem dankbar für dieses Erlebnis der Trennung und inzwischen Scheidung bin. Es ist für mich ein wertvoller Schatz geworden. Ich habe gelernt, was ein Lebensstil der Vergebung bedeutet und was für ein Gewinn es ist nicht bitter zu werden. Ich habe viel Verständnis für andere Menschen, die ähnliches durchlebt haben und mein Herz ist weit geworden. Wenn das kein Geschenk ist!

„In einem sind wir uns aber ganz sicher. Für alle, die Gott lieben, gilt: Alles muss letzten Endes immer zum Besten laufen, denn Gott will das so und hat uns dazu auch ausgesucht.“ (Die Bibel)