Wenn der Schuh nicht mehr passt

So manche Frau hat das schon erlebt. Nach der Schwangerschaft und Geburt kann es passieren, dass ein Schuh nicht mehr passt. Man fragt sich was der schwangere Bauch wohl mit den Füssen zu tun hat – und es gibt dafür vermutlich eine gute Erklärung, aber es erstaunt Frau doch, wenn es passiert. Und so kommt es, dass der Schuh einfach nicht mehr passt. Auch wenn er schön aussieht. Auch wenn er praktisch wäre. Und was nützt uns ein schöner Schuh, der zwar einen guten Zweck erfüllen könnte, wenn er nicht passt? Genau. Nicht viel. Da gibt es nur eins: Es ist Zeit einen Schuh zu suchen, der tatsächlich passt, denn einen Schuh brauchen wir. (Und ich bin inzwischen alt genug um mir einzugestehen, dass das Leben zu kurz ist für einen unbequemen Schuh!)

Ich wollte den Schuh für eine Wanderung gebrauchen, aber es stellte sich heraus, dass der Schuh nur für einen Spaziergang geeignet war. Ich muss dazu sagen, dass ich zu Beginn auch noch nicht wusste, dass aus meinem Spaziergang eine happige Wanderung werden würde. Das kann aber passieren und dafür kann niemand was. Zuerst drückte es nur an einer kleinen Stelle. Das konnte ich relativ lange aushalten, weil der Rest noch stimmte, aber als es steil bergab ging, konnte ich kaum noch laufen. Das war richtig schwierig und mir taten die Füsse so weh, dass mir die Leute, mit denen ich unterwegs war, helfen mussten. Ich bekam einen Wanderstock und so schaffte ich den Abstieg tatsächlich mit Müh und Not. Unten im Tal angekommen, zog ich gleich den Schuh aus und kühlte meine Füsse im kalten Gletschersee. Ich musste den Schuh für den Rest der Wanderung wieder anziehen, aber es war nicht lustig. Ich spürte jeden Schritt und mir war nicht wohl. So oft es möglich war, versuchte ich barfuß zu gehen, aber das geht auf einer Wanderung nicht wirklich. Also musste ich wohl oder übel noch eine Weile in dem Schuh laufen.

Es gibt garantiert Leute, die diesen Schuh super bequem finden und die nicht, wie ich, auf einer Wanderung sind, die einem – und dem Schuh – extrem viel abverlangt. Ich kenne Leute, die haben noch nie so eine Wanderung unternommen, sind noch nie von der Spitze des Berges in dieses tiefe Tal gewandert. Für einen Spaziergang reicht dieser Schuh allemal und das kann ich ohne weiteres stehen lassen. Ich habe mich verändert und der Schuh wurde immer unbequemer. Ich habe eine Stütze von meinem Schuh erwartet, die der Schuh mir nicht geben konnte.

Deshalb habe ich mich entschlossen nach einem neuen Schuh Ausschau zu halten. Sobald ich den finde, werde ich den alten Schuh ausziehen und den Rest der Wanderung im neuen Schuh zurücklegen. Der neue Schuh muss zuerst eingelaufen werden und es wird vielleicht einen Moment dauern, bis er ganz richtig sitzt – darauf bin ich gefasst – aber diese Wanderung hat mich verändert und der alte Schuh passt definitiv nicht mehr.

Ihr merkt, es geht hier nicht wirklich um einen Schuh und auch nicht um eine Wanderung. Aber der Schuh und die Wanderung sind gute Bilder, um zu beschreiben, was in meinem Leben geschieht. Seit 18 Jahren gehöre ich einer christlichen Gemeinde (Kirche) an, aber die Druckstellen, die sich durch verschiedene Situationen – die mit meiner Entwicklung und  meinem Lebensweg zu tun haben – gehen nicht weg und ich muss Entscheidungen treffen. Wenn ich mit diesem drückenden Schuh weiter laufe, werde ich anfangen zu hinken und werde mich – trotz meiner guten Vorsätze – anfangen zu beklagen. Da ich das nicht möchte, bleibt mir nur eins: Mich von dem alten Schuh zu trennen und einen neuen Schuh zu suchen, was nicht viel mit meinem Glauben an sich zu tun hat, wohl aber mit der Form, wie ich meinen Glauben mit anderen leben möchte.

Ehe und Scheidung von der Kanzel

Ich habe lange an der Formulierung folgender Gedanken gearbeitet (etwa zwei Jahre) und endlich konnte ich das, was ich empfinde in eine akzeptable Form bringen. Ich habe meine Gedanken als Brief an Leiter von christlichen Gemeinden gefasst und vielleicht findet der eine oder andere Nicht-Leiter auch etwas Gedanken-Futter darin. Mir ist es wichtig diese Gedanken auf Papier zu bringen, da ich dieses Jahre innerlich mit meiner gescheiterten Ehe abgeschlossen habe. Es war ein langer Prozess und jetzt bin ich bereit weiterzugehen. Mich erfüllt ein tiefer Friede über meinen jetzigen Zivilstand. Das ist für mich nicht selbstverständlich. Es ist ein grosses Geschenk diese Freiheit zu spüren. Ich möchte es nicht unterlassen zu erwähnen, dass ich gerade  in meiner Gemeinde viel Unterstützung erfahren habe und meine Erfahrungen mit Christen und dem Thema Scheidung nicht nur negativ waren. Es gibt allerdings in unserem Reden und Denken über unseren Glauben und das Leben noch ein gewisses Lernpotenzial. Wie überall.

Liebe Leiter der christlichen Gemeinde

Ich möchte euch gerne ein Feedback geben zu der Art, wie ich die Äusserungen von der Kanzel zum Thema Ehe und Scheidung empfinde.

Mein von Gott wiederhergestelltes und noch fragiles Selbstvertrauen kann mit ein paar Worten von der Kanzel zerschmettert werden und ich liege am Boden und habe das Gefühl, ich sei eine hartherzige Person, mit der Jesus nichts anfangen kann.

Die Eheratschläge, die ich von der Kanzel höre, sind sehr generell gefasst, nicht differenziert und zeigen nur den Idealfall auf, wo beide Partner bereit sind an der Ehe zu arbeiten; ein Partner betet und der andere kommt zur Einsicht, usw. Aber, es gehören immer zwei dazu, um eine Ehe zu retten. Wenn eine Ehe auseinandergeht, sagt man schnell, dass es zwei dazu braucht. (Ich bin der Meinung, dass einer allein eine Ehe kaputt machen kann.) Wenn eine Ehe gekittet werden soll, scheint die Meinung zu herrschen, dass ein Partner das allein hinkriegen soll!! Da kann ich nur müde mit dem Kopf schütteln.

Ich kämpfe mich jeden Tag durchs Leben. Vieles ist für mich als Alleinerziehende sehr schwer und sehr belastend. Dabei ist mein grösster Trost und meine grösste Stütze und Hilfe im Leben, nebst lieben Freunden und Nachbarn, die Gegenwart von Jesus und das Wort Gottes. Wenn ich dann in den Gottesdienst gehe und mich anschliessend entmutigt und missverstanden fühle, ist das ganz ganz schwierig. Ich bin der Meinung, ihr seid euch einfach nicht bewusst, was eure harten Worte über Scheidung in einer geschiedenen Person auslösen.

“Mit einem weichen Herz wird Ehe lebbar.” Richtig. Ich bin einverstanden, aber ihr bleibt da stehen und in mir redet es weiter: “Da ich in meiner Ehe nicht länger leben konnte, habe ich ein hartes Herz. Meine Ehe ist vielleicht daran gescheitert, dass ich ein hartes Herz habe…” usw.

Während der Rest der Predigt versuche ich aus diesem Wirrwarr raus zu kommen und verpasse die anderen Dinge, die gesagt wurden und bin am Schluss total geschlaucht.

Ich suche in euren Aussagen über die Ehe immer die Gnade für die Gescheiterten und finde sie selten bis nie. Das macht mir nicht Mut, das reisst mich nur jedes Mal wieder runter.

Es ist ja nicht so, dass wir Christen (und ich bin inzwischen der Meinung, auch die, die sich nicht als Christen bezeichnen) eine leichtfertige Entscheidung zur Scheidung getroffen haben (was eine zeitlang von der Kanzel so klang: Scheidung, der weltliche Stil mit einer problematischen Ehe umzugehen). Ganz im Gegenteil. Aber uns wird unterstellt, dass wir mit der Scheidung einfach den Weg des geringsten Widerstandes gewählt haben. (Weil ja mit Christus alles möglich ist… versteht ihr?) Oder, dass wir hartherzig sind. Oder, dass uns nicht bewusst ist, was wir unseren Kindern antun. Wie oft habe ich schon darüber geheult, weil ich kaum mit dem fertig werde, was ich meinen Kindern antue. Warum wohl lebte ich fünf Jahre getrennt, bevor es zur Scheidung gekommen ist? Wohl kaum, weil ich diese Entscheidung leichtfertig getroffen habe. Aber es wird oft von der Kanzel so dargestellt, als würden Scheidungen in der Welt zum alltäglichen Leben gehören, wie das Nutellabrot zum Z’morge.

Was als Zeugnis gemeint ist: “Unser Glaube hat uns vor einer Scheidung bewahrt”, kommt mir schräg rein. Bei manchen Eheleuten wird das stimmen, aber mich hat mein Glaube nicht davor bewahrt und viele andere auch nicht. Und wir sind selber schockiert und entrüstet darüber.  Wenn es um körperliche Heilung geht, versuchen wir immer auf diejenigen Rücksicht zu nehmen, die nicht geheilt werden und auch sie zu ermutigen. Nur bei den Geschiedenen verhalten wir uns wie der Elefant im Porzellanladen.

Mal fiel in einem Gottesdienst von der Kanzel der Satz “…falls hier Geschiedene sind…”. Und ob. Ich meine, ging der Pastor wirklich davon aus, dass keine oder nur vielleicht Geschiedene im Gottesdienst sind? Ja, wir sind da und vermutlich nicht wenige. Was ich schön fand, ist, dass wir als Geschiedene erwähnenswert waren. Immerhin.

Wenn ein Prediger ausdrückt, dass seine Ehe (oder die Ehen der Christen) vor dem Zerbruch sicher ist, fühle ich mich in Frage gestellt. Was habe ich als Christ falsch gemacht? Irgendetwas muss mit meinem Christsein, mit meinem Glauben oder mit mir nicht stimmen.

Es macht einen Unterschied aus, wer was sagt (und natürlich auch wie). Wenn sich eine geschiedene Person zum Thema Ehe und Scheidung äussert, denke ich: “Ja, du weisst wovon du redest”. Wenn eine Person mit einer intakten Ehe das Gleiche sagt, denke ich: “Du hast ja keine Ahnung”. Die geschiedene Person redet aus der Zerbrochenheit heraus, die ungeschiedene Person redet oft aus einer Überheblichkeit heraus – so scheint es zumindest. Und ganz ehrlich, so habe ich früher auch geredet und gedacht.

Wenn ich nicht die Erfahrung meiner ersten Ehe hätte, die mir bestätigt, dass zwei fehlerhafte Menschen sehr wohl eine gute (sogar eine sehr gute) Ehe führen können, würde ich tatsächlich an meiner Ehefähigkeit zweifeln. Und zwar hauptsächlich wegen dem, was ich von der Kanzel zu hören bekomme. Dagegen weiss ich aus eigener Erfahrung, dass Liebe, Annahme und Vergebung in einer Ehe funktionieren. Aber ich habe die schmerzliche Erfahrung gemacht, dass es nicht funktioniert, wenn nur ein Partner bereit ist Ehe zu leben.

Ich hoffe, dass euch diese Gedanken helfen mit geschiedenen Menschen besser umzugehen. Wir versuchen, wie alle anderen auch, uns nach unserem Scheitern wieder aufzuraffen, aufzustehen und weiterzugehen. Auf unserem Weg könnten wir, wie alle anderen auch, Vergebung, Annahme, Liebe und Ermutigung brauchen. Da war doch einer, vor etwa 2000 Jahren, der hat das vorbildlich vorgelebt. Ihm nach!