Deshalb schreibe ich

Vor ein paar Jahren besuchte ich einem Seminartag für Familien, Getrennte, Geschiedene und Verwitwete. Es gab für die verschiedenen Interessengruppen relevante Workshops und packende Referate. Nachdem der Tag vorbei war, musste ich aber folgendes feststellen: Der Workshop, der von einer geschiedenen und wiederverheirateten Frau über Patchworkfamilien gehalten wurde, spielte in einer ganz anderen Liga, als der Workshop für Geschiedene, der von Verheirateten in erster Ehe gehalten wurde. Der Unterschied war so deutlich, dass es für mich als Betroffene fast deprimierend war. (Ich muss hier einschieben, dass ich ein paar Jahren zuvor ein Seminar für Geschiedene/Getrennte besucht hatte, welches von einer alleinstehenden Frau durchgeführt wurde, der sehr gut war. Es ist also nicht so, dass nur direkt betroffene gut über ein bestimmtes Thema reden können.) Trotzdem übertraf die Qualität des Patchwork-Workshops die des Scheidungsworkshops bei weitem. Dabei hatten die lieben Leute vom Scheidungsworkshop garantiert ein grosses Herz für Getrennte/Geschiedene und auch einen Auftrag ihnen zu dienen. Aber der Unterschied bleibt. Und deshalb war es gut und unerlässlich, dass im Scheidungsworkshop einige Geschiedene mitgeholfen haben (was den Workshop schliesslich erträglich machte).

Natürlich wäre es toll, wenn es keine Scheidungen mehr geben würde und wir für diese Lebenssituation kein Verständnis mehr aufbringen müssten. Leider müssen wir aber davon auszugehen, dass die Scheidungsquote in den nächsten Jahren nicht auf null sinken wird. Es wird immer zerrüttete Beziehungen und Familie geben, weil wir im Herzen alles zerrüttete Menschen sind, die zwar ihr Bestes geben, aber oft an ihre Grenzen kommen und Fehler machen.

Meine Lebensträume, Hoffnungen und Zukunft verlor ich bereits im Alter von 27 als mein erster Mann an Aids starb und mit der Scheidung vom meinem Ex starben sie gleich nochmal, mitsamt meinem Image und Ansehen als gute Ehefrau, denn zu einer Scheidung gehören immer zwei, sagt man, obwohl einer allein auch schon ganz viel kaputt machen kann. Was auch immer.

Als ich nach der Scheidung merkte, in welche Schublade Getrennte/Geschiedene oft gesteckt werden (auch und leider oft gerade von gläubigen Menschen), wollte ich Gegensteuer geben, weil mir Gott in den Momenten meines Zerbruchs so anders begegnet ist, als so manch meiner Mitmenschen, der besonders fromm zu sein meinte.

Und wer kann besser über ein Thema oder eine Lebenssituation reden, als jemand, der es selber erlebt hat? Eben. Es hilft ungemein, dass ich beide Seiten kenne: die richtend/urteilende und die leidende. Ich verstehe so manche fromme Reaktion, weil ich früher selber so gedacht und geredet habe. Gleichzeitig verstehe ich jetzt, was es wirklich bedeutet von einer Trennung/Scheidung betroffen zu sein und glaubt mir, es ist kein Zuckerschlecken. Aber das wisst ihr ja schon. Betroffene brauchen niemanden, der ihnen noch einmal sagt, wie schlimm eine Trennung/Scheidung ist – das wissen sie schon. Wir brauchen Menschen, die uns zuhören. Es ist meine Hoffnung, das jeder, der gegenüber getrennten oder geschiedenen Menschen gnädiger und barmherziger werden will, nicht selber eine Trennung/Scheidung erleben muss.

Und deshalb schreibe ich.

Trennungszeit 8 – gut gemeinte Ratschläge

Eine Person die mir sehr nahe steht und dessen Ehe gerade in die Brüche geht, wird von gutmeinenden Christen immer wieder darauf hingewiesen, dass sie doch einfach wieder zum Kreuz Jesu kommen muss, es gäbe in der christlichen Gemeinde einige Eheleute, deren Ehe vor dem Aus stand, die aber jetzt wieder glücklich zusammen seien…

Ich verstehe das. Wirklich. Ich verstehe das. Ich verstehe den Hintergrund dieser Ratschläge und warum das gesagt wird. Ich verstehe es und dache selber lange so. Aber deswegen ist dieser Ratschlag noch lange nicht richtig und ebenso wenig hilfreich.

Nachdem ich jahrelang um meine Ehe gekämpft hatte, immer wieder Vergebung und Versöhnung gesucht hatte, stand ich trotzdem eines Tages vor den Trümmern unserer Ehe. Ich wusste schon zu Beginn, dass es hoffnungslos und eine Wiederherstellung der Ehe praktisch unmöglich war. Aber alle anderen um mich herum hielten sich an die Verheissung, dass Gott alles möglich ist, dass Gott Wunder tut, dass wir beide nur wollen und wieder zum Kreuz kommen müssten. Und es stimmt; für gewisse Betroffene ist es wichtig zu wissen, dass jemand an ihre Ehe glaubt, der an sie glaubt, der daran festhält, dass sie es schaffen können. Und es ist tatsächlich möglich, das weiss ich auch.

Es gibt aber auch die anderen Betroffenen, die jahrelang bereits so viel in ihre Beziehung investiert haben, dass nichts mehr übrig bleibt, deren Herz seit Jahren so verletzt ist, dass es nur heilen kann, wenn ein klarer Schnitt geschieht. Und es gibt sogar in christlichen Kreisen diejenigen, die einfach nicht mehr wollen (!). Es tut gut zu überlegen, warum sie wohl nicht mehr wollen. Manchmal geht es nur noch um das nackte Überleben. Aber wer sagt das schon, denn als gute und vernünftige Menschen wollen wir unseren Partner nicht schlecht machen. Wir werden nicht allen alles erzählen. Und wenn die Grenze von dem erreicht ist, was wir aushalten können, ist sie erreicht. Manchmal liegt einfach nicht mehr drin. Das Herz ist nicht nur verletzt, es ist bereits tot – vielleicht schon lange. Als Aussenstehende werden wir nie, oder äusserst selten, eine so tiefe Einsicht in eine Beziehung bekommen, dass wir das wirklich nachvollziehen können. Und deshalb müssen wir sehr vorsichtig sein, wem wir welchen Rat geben. Keine Ehebeziehung gleicht der anderen und deshalb gleicht auch keine Ehekrise einer anderen. Wir können nicht einfach von einer wiederhergestellten Ehe auf eine andere schliessen. Was wir mit unserem gut gemeinten Gerede übersehen, ist, dass wir einige Betroffene mit unseren Vorstellungen, wie das mit ihrer Ehe weitergehen soll, stark unter Druck setzen.

Einige Jahre bevor meine eigene Ehe zerbrach, sagte mir meine zukünftige Beraterin beim Gespräch über ein mir nahestehendes Ehepaar, die gerade eine schwierige Zeit durchmachten: “Das erste Ziel für eine zerbrochene Beziehung ist, dass beide Partner heil werden”. Das ist doch ein guter Anfang für alle Betroffene und deren Freunde. Suche das, was dem oder der Betroffenen hilft wieder heil zu werden. Unterstützte sie oder ihn in der Heilung ihres eigenen Herzens. Die Herzen der Betroffenen sind so verletzt, so enttäuscht, so bedrückt und voller Sorge, da wollen wir doch nicht noch mehr Druck aufsetzen.

Trennungszeit 7

Vor ein paar Monaten las ich in einer christlichen Familienzeitschrift einen Artikel darüber, wie man seinen Freunden, die eine Trennung oder Scheidung erleben, zur Seite stehen kann und auch was man als Aussenstehender, der sich richtig verhalten möchte, vermeiden sollte. Es war ein guter Artikel und ich wünschte, ich hätte diesen tollen Artikel geschrieben. Dabei fing ich wieder an über meine Erlebnisse nachzudenken. Ich bin kein Experte in Sachen Beziehung, Trennung und Scheidung. Ich greife nur auf meine eigenen Erfahrungen zurück und versuche Einblicke zu geben, damit wir miteinander gnädiger umgehen und weniger schnell urteilen. Mir liegt dieses Thema auf dem Herzen, weil ich sehr schöne, aber auch sehr schwierige Begegnungen erlebt habe. Wer weiss nämlich schon, wie er reagieren soll, wenn man die Nachricht bekommt, dass sich Freunde trennen!

Ich habe es sehr geschätzt – und schätze es immer noch – wenn meine Entscheidung zur Trennung und später zur Scheidung respektiert wird. Obwohl die Trennung damals sehr plötzlich kam, gab es eine jahrelange Vorgeschichte. Das ist vermutlich bei den meisten Paaren der Fall. Bei uns fingen die Vertrauensmissbräuche schon bald nach der Hochzeit an. Ich hatte nach zehn Jahren einfach keine Kraft mehr aus dem Nichts wieder Vertrauen hervor zu zaubern. Für mich war nach zehn Jahren Ehe, zwei Jahren begleiteten Gespräche und zwei weiteren Jahren, die ich brauchte, um mich zu einer Scheidung durchzuringen, der Punkt erreicht, wo es um das Überleben meiner Seele ging. Bei manchen geht der Prozess schneller, bei manchen, wie bei mir, länger. Aber immer gibt es einen grossen Teil der Geschichte, den Aussenstehende nicht mitbekommen.

Während meine Ehe offiziell am Scheitern war, fühlte ich mich sehr verwundbar und verletzlich. Alles war am Wanken. Mein Vertrauen in die Institution Ehe, in Gott, in mich und auch in die Männer stand auf wackeligen Füssen. Wenn mir Menschen dann mitten in dieser emotional herausfordernden Zeit sagten, dass sie hinter mir standen – wohlgemerkt ohne die ganze Geschichte zu kennen und ohne, dass ich mich für meine Entscheidungen rechtfertigen musste – gaben sie mir etwas zurück, was mir langsam, aber sicher abhanden kam: Vertrauen und Wert. Das war für meine seelische Gesundheit sehr wichtig.

Was mich im Gegenzug sehr befremdete, waren Menschen, die mich nach den Gründen für die Trennung/Scheidung ausfragten, obwohl sie mir nicht besonders nahe standen. (Leider kam das auch vor. Es gibt besonders in den christlich-frommen Kreisen auf diesem Gebiet noch Lernpotenzial.) Ich musste lernen zu meinem Schutz eine Grenze zu ziehen und dazu zu stehen. Erst kürzlich legte ich mir eine Antwort zurecht, falls ich wieder mit einer grenzüberschreitenden Frage konfrontiert werde; weil, ja, es passiert heute noch. Manche wollten von mir hören, wie schlecht es den Kindern ging, seit ihr Vater nicht mehr bei uns wohnt… Das hat mich noch mehr deprimiert, als ich es ohnehin schon war und zeugt von ganz wenig Gottvertrauen.

Mit guten Freunden redete ich über meine Situation, aber ich wollte mit meinen Freunden keine Therapiestunde und auch keine schlauen Ratschläge. Ich wollte sein. Ich wollte die Freiheit haben zu reden, wenn mir drum war und wollte nicht reden müssen, nur weil jemand über alles informiert sein wollte. Da mich die Beratungen sehr viel Energie kosteten, brauchte ich Zeiten in denen ich mich erholen konnte. Da haben mir Freunde gut getan, die mit mir ins Kino gingen, mich mit oder ohne Kinder in die Ferien mitnahmen, meine Kinder ein paar Stunden lang betreuten, Blumen vorbeibrachten oder mich auf ein Bier einluden (ja, das kam auch vor!). Die Unterstützung in praktischen Dingen, wie schwere Gartenarbeit, die Reparatur vom Treppengeländer, das Auto für die Motorfahrzeugprüfung vorzubereiten, die verstopften Abflüsse durchzuspülen, kann ich gar nicht genug betonen. In den Zeiten meiner grössten seelischen Belastung trugen diese Freunde mit ihrer praktischen Hilfe zu meiner Entlastung bei. Und wie das geholfen hat!

Ich fühlte mich oft als Aussenseiterin. Ich war als Geschiedene in meinem Umfeld auf weiter Flur allein. Ausserdem trug das Wort Scheidung für mich ein gewisses Stigma: Ich gehöre zu denen, die es nicht geschafft haben. Alle wissen über mein Scheitern Bescheid, aber ich weiss nichts über sie und über ihr Scheitern (Scheitern tun wir nämlich alle) und das ist ein grosses Ungleichgewicht und manchmal schwierig zu (er)tragen. Was hat mir geholfen? Zu spüren, dass ich nicht auf mein Scheitern und auf die Scheidung reduziert werde. Freundlichkeiten in Form von einem Lächeln, einem Kompliment, einer Umarmung oder einem offenen Gespräch schätze ich seither sehr. Ich bin nämlich mehr als mein Scheitern. Jawohl.

Im Grunde hat mir meine Scheidung wieder neu vor Augen geführt, wie wertvoll jeder einzelne Mensch ist. Die, die sich trennen genauso wie die, die noch zusammen sind. Die, die verlassen werden und die, die schon immer allein waren. Wir alle sind wertvoll. Und wir alle verdienen es als wertvolle und kostbare Menschen behandelt zu werden.

Vorbildfunktion

Es kommt vor, dass ich denke, ich habe genug über dieses leidige Thema geschrieben. Soll ich wirklich wieder etwas über Trennung/Scheidung schreiben? Heute sprach mich jemand an und dankte mir für meine Blogartikel über Trennung/Scheidung, da sie für ihren Umgang mit den Menschen, die von diesen Situationen betroffen sind daraus lernt. Also trete ich mutig die Flucht nach vorne an und veröffentliche diesen Artikel, der schon länger bei mir schlummert.

„Ich hoffe, dass die beiden wieder zusammen kommen. Nur schon wegen der Vorbildfunktion.“ Dieser Satz eines Bekannten über ein getrenntes Ehepaar geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Und innerlich wehre ich mich dagegen, denn was ist wichtiger: die Vorbildfunktion oder die beiden Personen, die von der Trennung betroffenen sind? Oder anders gesagt: Geht es darum Ehen zu retten oder Menschen zu retten? (Ja, so kann man das auch formulieren und dabei möchte ich auf keinen Fall die Ehe abwerten, aber auch nicht über den Menschen stellen.)

Kürzlich dachte zurück an die Zeit in der ich mich für oder gegen meine Ehe entscheiden musste. Was war das schwierig! Es war keine Entscheidung zwischen gut und schlecht, sondern zwischen schlecht und schlechter. Ich musste herausfinden, welche Variante mir überhaupt Luft zum Atmen gab.

Und dann diese Erwartung noch ein Vorbild sein zu müssen. Das kann einem die restliche Luft grad auch noch nehmen.

Was erwarten wir von einem Vorbild? Dass wir uns verhalten, wie es der christliche Verhaltenskodex vorschreibt? Dass der (christliche) Schein gewahrt wird? Dass wir, die Aussenstehenden, nicht enttäuscht werden? Wenn dem so ist, befinden sich unsere Erwartungen an Vorbildern ganz weit weg von dem, was uns die Bibel erzählt. Dort finden wir Geschichte um Geschichte von Menschen, die sich Sachen geleistet haben, die man in der Gegenwart von Minderjährigen gar nicht laut aussprechen will. Interessanterweise stehen diese Menschen bei Gott recht hoch im Kurs (horch, horch), also diejenigen, die ehrlich zu ihrem Versagen gestanden sind. Und, wenn ich das noch anfügen darf: von Gott gebraucht werden alle, ob sie nun zu ihrem Scheitern stehen oder nicht. Der ehrliche Umgang mit Scheitern und daher auch das Scheitern selbst scheinen bei Gott keine grossen Wellen zu schlagen. Unser Richten und Urteilen, das Polieren vom äusseren Schein, das Heucheln ist eine ganz andere Sache. Das kommt bei Gott gar nicht gut an. (Das kann man alles nachlesen.*) Gott schaut also auf das Herz. Wer von uns kann das von sich behaupten?

Wir könnten eine gescheiterte Ehe auch als ein ehrliches Zugeständnis sehen.

Wir könnten den Kampf einer Person würdigen, die bereit ist zuzugeben: Meine Ehe ist krank, ich gehe in dieser Beziehung kaputt (und das zuzugeben, braucht viel Mut und Kraft).

Wir könnten die Stimme hören, die sagt: Ich will euch nicht länger etwas vorspielen, ich stehe dazu, dass meine Ehe nicht mehr lebbar ist.

Wir könnten selber bereit sein ehrlich zuzugeben, dass wir nicht wirklich wissen, was ein getrenntes Paar alles durchgemacht hat, weil wir noch nie in ihren Mokassins gelaufen sind.

Wir könnten darin ein Vorbild sehen, dass mit Gott ein Neuanfang gewagt wird.

Wir könnten uns dazu entscheiden, diesem Vorbild zu folgen und mehr auf unser Sein zu achten als auf unseren Schein. Darum geht es doch letztlich, oder?

 

*In der Bibel, z.B. in der Geschichte vom Pharisäer und Zöllner (Lukas 18)

Lebe ich ehrlich oder angstgesteuert?

Nach dem schrecklichen Attentat in den USA, in welchem 9 Mensch ihr Leben – in einer Kirche – genommen wurde, laufen die Emotionen hoch und der Rassenkonflikt wird wieder diskutiert. Ich verfolge diese Diskussionen, die Inputs, die Fragen, das Ringen und etwas springt mir immer wieder ins Auge. Wenn wir mit heiklen Situationen konfrontiert werden, Situationen, die ein Tabu berühren oder ein heikles Thema ansprechen, will sich keiner die Finger verbrennen. Eigentlich wollen wir etwas sagen oder tun, aber weil wir nicht das Falsche sagen wollen, schweigen wir.

Das kommt mir sehr bekannt vor. Im Umgang mit Getrennten/Geschiedenen schwingt oft ein gewisses Mass an Angst mit. Und zwar genau deswegen, weil man nichts falsch machen will. Das ist auch verständlich – wir werden mit einem Zustand konfrontiert, der uns fremd ist und mit welchem wir uns nicht auskennen. Ich verstehe nicht, was Menschen empfinden, die in Lebensumständen sind, die ich nicht kenne. Das ist schwierig. Wie und wo fängt man da nur an, ohne jemanden auf die Füsse zu treten?

Wenn wir uns mit Schweigen zufrieden geben, gibt es ein Problem: Niemandem wird dadurch geholfen. Ist es wirklich das, was wir wollen? Wollen wir wirklich weiterhin schweigen und blind an unseren Auffassungen und festgebildeten und festgefahrenen Meinungen festhalten und in dieser Starre verharren, bis wir oder die anderen … nun, bis wann eigentlich? Wie stellen wir uns das vor? Vermutlich haben wir uns gar nichts vorgestellt. Was auch nicht hilft. Leider.

Diese Fragen lassen sich auf ganz viele Situationen anwenden: Wie begegne ich Menschen, die anders sind, vielleicht mit einer körperlichen oder geistigen Einschränkung leben? Wie gehe ich mit Ausländern/Asylanten um? Wie reagiere ich, wenn Menschen unter Unrecht leiden? Wenn ihre Stimme nicht gehört wird? Wenn eine Scheidung oder Armut zur Ausgrenzung führt?

Mehr als eine Stimme, die sich in den USA erhob, sagte (und das ist mir eingefahren): „Wir müssen keine Angst haben, wir müssen nur EHRLICH sein, Zuhören und Reden.“ Es ist mir eingefahren, weil es sich nicht nur auf den Rassenkonflikt in den USA anwenden lässt, sondern auf unser tägliches Leben.

  • Angst führt zu Beklemmung. Ehrlichkeit lässt mich aufatmen.
  • Angst macht mich misstrauisch. Ehrlichkeit trägt zur Vertrauensbildung bei.
  • Angst führt zu Heuchelei. Ehrlichkeit erlaubt mir mich selbst zu sein.
  • Angst versteckt. Ehrlichkeit deckt auf.
  • Angst verunsichert. Ehrlichkeit zeigt mir woran ich bin.
  • Angst versteckt sich hinter verriegelter Tür. Ehrlichkeit öffnet die Tür für Neues.
  • Angst macht mich einsam. Ehrlichkeit gibt anderen die Möglichkeit mich zu begleiten.
  • Angst sagt: Wir haben kein Problem. Ehrlichkeit sagt: Es gibt ein Problem, wie können wir daran arbeiten?
  • Angst schweigt (und geht kein Risiko ein). Ehrlichkeit fragt nach, hört zu und redet (auch mit dem Risiko, dass sie das Falsche sagt).
  • Angst bringt mich zum Zittern. Ehrlichkeit lässt mich tanzen.

Ehrlichkeit scheint ein guter Lebensstil zu sein, braucht aber Mut. Ich wünsche dir und mir Mut zur Ehrlichkeit, Ehrlichkeit ist eine Entscheidung wert.

Über das Wort Sch…

Über das Wort Scheisse oder warum Scheisse manchmal das Wort der Stunde ist

Ich muss sagen, dass ich dieses Wort höchst selten ausspreche. Ich würde sogar behaupten, dass ich es noch nie vor den Kindern gesagt habe. Und zwar nicht weil ich per se gegen dieses Wort bin, sondern weil ich für einen guten und gegen einen übermässigen und übertriebenen Gebrauch eines jeden Wortes bin. Ausserdem, wenn sich meine Kinder dieses Wort angewöhnen und ständig gebrauchen würden, was sie täten, wäre ich ständig von Sch… umgeben, was ich, ganz ehrlich, nicht so toll fände.

Trotzdem bin ich ganz und gar nicht gegen dieses Wort, vor allem wenn es richtig und mit Gewicht eingesetzt.

Zum Beispiel letzten Herbst als ich erfuhr, dass der Ex mit seiner Freundin Schluss gemacht hatte, aus der Wohnung gezogen war und folglich, bis er eine neue Wohnung hatte, die Kinder jedes zweite Wochenende nicht mehr mit ihm verbringen würden, was sich schliesslich bis Weihnachten hinzog.

Mit drei Kindern im Alter von 10, 13 und 15 bin ich froh, dass ich jedes zweite Wochenende einen ganzen Tag voll und ganz abschalten kann. Irgendwie tut mir das gut. Da ich sonst immer 24/7, wie die Amis so schön sagen, auf Draht bin, finde ich einen Tag an jedem zweiten Wochenende nicht übertrieben. Ich bin manchmal einfach müde und froh, dass ich mal zwischen durch kein Mittagessen auf den Tisch stellen muss.

Aber zurück zu unserem Thema. Ich erzählte das alles einer Freundin und ihr entfuhr ein ehrliches „Sh..!“ (die englische Version), was ich in dem Moment total geschätzt habe. Ich fühlte mich wahrgenommen, ernst genommen und es hat mich getröstet.

Manchmal muss man die Dinge beim Namen nennen.

Trennungszeit 6 – Was ich dir noch sagen wollte

Du hast dich von deinem Partner getrennt und ich ringe nach Worten. Ich möchte aus meinem Erfahrungsfundus ein schlaues Wort heraus zaubern, aber ich finde so schnell keines. Was kann ich dir mitgeben? Ich will nicht zu viel sagen, ich will aber auch nicht schweigen! Plötzlich kommt mir dieser Gedanke und ich sage diese Worte nicht nur zu dir, sondern auch zu mir und zu uns allen, die wir von einem Scheitern im Leben betroffen sind:

Du brauchst dich für deine Trennung nicht zu schämen. Du hast dich für deine Ehe eingesetzt, hast hingeschaut und die Dinge beim Namen genannt. Du hast dich nicht vor der Ehrlichkeit und der Beziehungsarbeit gescheut. Es war ein ganzes Stück harte Arbeit. Du hast geredet, geweint, gehofft und geglaubt und dich entschieden der Wahrheit ins Gesicht zu schauen und zu retten, was noch zu retten war. Das braucht Mut und dafür brauchst du dich nicht zu schämen.

Es fühlt sich wie eine Niederlage an, weil es nicht dem entspricht, was so viele als richtig empfinden. Es entspricht ja auch nicht dem, was du ursprünglich wolltest. Aber an der Wahrheit festzuhalten und dich für einen aufrichtigen Lebensstil zu entscheiden, ist bewundernswert. Dafür brauchst du dich nicht zu schämen.

“Nicht der Kritiker zählt; nicht der Mann, der aufzeigt, wie der starke Mann stolpert, oder wo der Vollbringer von Taten diese hätte besser machen können. Das Ansehen gebührt dem, der tatsächlich in der Arena steht, dessen Gesicht von Staub, Schweiß und Blut gezeichnet ist und der tapfer weiter strebt; der irrt und wieder und wieder fehlt, denn es gibt keine Bemühungen ohne Irrtümer und Schwächen. Das Ansehen gebührt dem, der tatsächlich bestrebt ist die Taten auszuführen, der große Begeisterung kennt, und große Hingabe; der sich einer wertvollen Sache hingibt; der im besten Fall den Triumph des Erfolges erfährt und im schlimmsten Fall scheitert, aber wenigstens mutig wagt.” Theodore Roosevelt, US-Präsident, 1858-1919

Scham will uns einreden, dass wir das Leben nicht gut meistern, will uns unsere Berechtigung etwas zu tun und sagen rauben. Scham schneidet uns vom Leben ab und am Schluss stehen wir ganz einsam da und drehen uns nur noch um uns selbst. Wenn wir warten, bis wir unserer Vorstellung (oder der Vorstellungen von anderen) entsprechen, werden wir lange warten und weder in unserem Leben noch in der Welt etwas bewegen.

Deshalb, gebe der Scham keinen Raum. Du bist wertvoll, du hast viel Arbeit hinter dir, du bist vielleicht auf dem Boden gelandet, verschwitzt, staubig und mit blutigen Knien, aber du bist mutig und stark und dein Leben liegt noch vor dir! Packe diese Chance mit beiden Händen und wage es mutig zu sein!

Dein Scheitern ist nicht nur ein Ende, es ist auch ein Anfang.

Trennungszeit 5 – Wenn ihr betet

Ich hatte ursprünglich einen elendig langen Artikel geschrieben, in dem es darum ging, was wir tun oder lassen sollen, wenn sich Freunde trennen. Aber eigentlich kann man das alles irgendwo anders nachlesen. Über das Thema, dass ich heute anspreche, habe ich noch nie etwas gelesen oder gehört und ich gebe zu, dass vielleicht nur ich damit ein Problem habe, aber dieses Risiko gehe ich ein, wenn nur einem Menschen dadurch geholfen wird.


Liebe betende Freude

Darf ich euch ganz liebevoll auf etwas Kleines aufmerksam machen?

Als Getrennte/Geschiedene schätze ich es sehr, wenn ihr für mich betet. Fast so sehr, wie eure praktische Hilfe. Und eine Einladung hier und da. Besonders an Sonntagen oder an Feiertagen, an denen ich sonst allein wäre.

Was ich dagegen nicht sehr schätze, ist, wenn ihr in den Gebeten in meiner Gegenwart namentlich für den Partner betet, von dem ich mich getrennt habe. Versteht mich bitte nicht falsch! Betet für meinen Partner von dem ich getrennt oder geschieden bin. Betet für ihn! Unbedingt. Aber bitte nicht dann, wenn ich dabei bin.*

Eine Trennung ist eine Verletzung. Es ist eine massive Verletzung und zwar gibt es zwei ganz massiv Verletzte. Wenn ihr in euren Gebeten ständig den Namen des anderen erwähnt, ist es wie wenn ihr so richtig kräftig auf meine Verletzung drückt. Aua! Das tut weh! Bitte aufhören! werde ich dann denken, aber nicht sagen. Ich werde mich innerlich verkrümeln und denken, mich versteht ja eh keiner und es interessiert auch keinen und was soll’s, lass sie doch beten, was sie wollen, die haben ja keine Ahnung… (das war jetzt sehr ehrlich und vielleicht nicht sehr christlich und ich steh dazu).

Wir haben unsere Vorstellungen, wie und wofür man beten soll. Und weil man ja nicht den Anschein erwecken will, dass man Partei ergriffen hat und nur für den einen Partner betet, betet man auch gleich für den anderen. Ich verstehe total, woher das kommt und warum ihr das macht (und, ganz ehrlich, ich habe es sicher auch schon gemacht). Aber vielleicht sollten wir uns weniger um den Anschein kümmern und mehr um einander.

Ach Mensch, denkst du vielleicht, sei doch nicht so zimperlich! Ausserdem musst du ja deinem Ex-Partner vergeben und wenn du mit der Formulierung meiner Gebete nicht klar kommst, ist das ein deutliches Zeichen, dass du ihm/ihr noch nicht vergeben hast.

Ich kann euch beruhigen. Gott geht diesen Weg mit uns Getrennten. Tatsächlich! Und er spricht Dinge in unserem Leben an. Wirklich! Wenn es Zeit ist, redet er klar und deutlich. Das habe ich alles schon erlebt. Seid einfach Freunde und überlasst das andere Gott. Er macht das nämlich richtig gut.

Die Barmherzigkeit, die uns gegeben wurde, dürfen wir grosszügig weitergeben. Ich bin sicher, wir kriegen das zusammen hin und können gemeinsam lernen. Ich bin so dankbar für euch!

Ganz liebe Grüsse

Eure Sonja

*Es gibt nur eine Ausnahme und die ist, wenn ich ausdrücklich darum bitte! Und ihr dürft das Gespräch gerne suchen und fragen, was ich möchte und was ich nicht möchte. Redet mit mir! Ich weiss, dass es für euch schwierig ist. Für mich ist es auch schwierig.

Zu lohnenden Zielen gibt es keine Abkürzungen

Barbara greift in diesem Text etwas auf, womit wir als Getrennte oft konfrontiert werden. “Es kommt schon gut!” hört man – und die Frommen sagen “bei Gott ist alles möglich” – und mit “gut” oder einem “Wunder” meint man die heile Familie, so wie sie vorher war und wie sich das alle vorstellen. Nur, vielleicht ist das Ziel gar nicht die “heile Ehe”, sondern der heile Mensch? Vielleicht besteht das Wunder darin, innerlich heil zu werden, auch wenn äusserlich alles auseinander fällt und zerbricht.


Zu lohnenden Zielen gibt es keine Abkürzungen

Diesen Spruch heftete ich an den Kühlschrank, irgendwann am Anfang der Trennungszeit.
Das „lohnende Ziel“ bedeutete für mich: zurück zur heilen Familie. Ich war bereit, mich dem Schmerz, der Unzulänglichkeit und dem Versagen zu stellen, wollte nicht verdrängen und auf keinen Fall bitter werden, sondern unbedingt den Weg der Vergebung finden – damit es wieder gut werden könnte. Ich war bereit dazu, auch wenn es ein langer Weg ohne Abkürzungen werden würde.

Unterwegs wurde ich etappenweise herausgefordert: Bin ich auch bereit zu vergeben, wenn wir nicht wieder zur heilen Familie werden und ich möglicherweise nie „rehabilitiert“ werde? Bin ich bereit, loszulassen und frei zu geben, ohne zu sehen, ob ich etwas dafür bekommen werde?

Mit Hilfe von Freunden, Beratung und Gebeten barg ich mich immer wieder bei diesem Jesus, der das alles für mich getragen hat, und sagte: „Ja, ich bin bereit.“

Neun Jahre sind mittlerweile seit der Trennung vergangen. Wir sind nicht mehr zur heilen Familie geworden, sondern heute geschieden und es bleiben durchaus Fragen offen.
Ich habe mich dem Schmerz, der Unzulänglichkeit und dem Versagen gestellt. Obwohl es nicht so kam, wie ich sehnlichst wünschte, kann ich heute sagen: Es ist, wie es ist; und es ist gut so.

Neulich bekam ich von einem Freund die Rückmeldung: „Du hast trotz widerwärtigsten Umständen deinen Humor, deine Kreativität, Phantasie und Liebe zu den Menschen nicht aufgegeben. Du bist nicht in Bitterkeit abgesumpft.“
Was für ein lohnendes Ziel, dachte ich! Auch dazu gab es keine Abkürzungen.

– Barbara

Trennungszeit 4

Nach meiner Trennung fühlte ich mich blossgestellt und, ja, es gab Menschen um mich herum, die mich verurteilten, nicht immer mit dem was sie sagten, sondern auch mit dem, was sie nicht sagten. (Das funktioniert nämlich auch so rum und kenne ich nur zu gut von mir selber.) Mein Scheitern war öffentlich. Meine Schuld (weil nach der gängigen Meinung immer beide Schuld sind) war öffentlich.

Ich fühlte mich damals sehr geknickt. Diese Bezeichnung kommt sogar in der Bibel vor und ist eigentlich eine wunderbare Verheissung Gottes: „Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus“.

Nur, wie macht man das, so von Mensch zu Mensch?

Ein Beispiel haben wir: Jesus zeigt in seinem Umgang mit der Frau, die im Ehebruch ertappt wurde, auf eindrückliche Art und Weise, wie wir mit Menschen umgehen können und sollen, die aus irgendwelchen Gründen entblösst vor anderen dastehen (und ich setzte mit diesem Beispiel Scheidung nicht mit Ehebruch gleich, sondern es geht mir um die Blossstellung, um die Verwundbarkeit der Betroffenen und wie Jesu damit umging).

In seiner Begegnung mit dieser Frau, deren Versagen so öffentlich war, die so entblösst vor einem Haufen Männer steht und so geknickt war, hält Jesus keine Predigt und stellt auch keine Fragen. Und eigentlich war das Gesetz (ich wiederhole: das Gesetz Gottes! also so etwas wie die höchste Instanz) sehr klar und verlangte, dass diese Frau gesteinigt werden sollte. Aber es fliegt kein Stein. Und schon gar nicht von Jesus – und er war die höchste Instanz. Aber seine wenigen Worte sind deutlich. Jesus wendet sich interessanterweise zuerst an die Männer: Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!

Erst nachdem er alle anderen anspricht, die in ihrer selbstgerechten Haltung dastehen und sich einer nach dem anderen ehrlicherweise davon macht, wendet er sich an die Frau. Ich kann mir seinen liebevollen Blick sehr gut vorstellen und auch wie die Frau die Liebe, Annahme und Vergebung in seinen Augen sehen konnte, noch vor er die Worte aussprach: Ich verurteile dich auch nicht…

Dieser Mann, dieser Gott, ist einfach erstaunlich.