Bilder im Kopf

Nach dem Zähneputzen kam Sven wieder ins Wohnzimmer, wo ich auf dem Sofa wartete, seufzte und sagte: “Ich wünsche, ich könnte wieder als Baby anfangen. Es gibt so etwas Schlimmes in meinem Leben”.

Er war zu diesem Zeitpunkt erst 10 und ich war auf alles gefasst, aber das was dann kam, hatte ich nicht erwartet.

“Ich habe wieder diese Bilder im Kopf von den Horrorfilmen, die meine Kollegen während der Pause auf ihren iPods oder Handys schauen und mir zeigen. Ich werde sie nicht los und ich kann deswegen nicht einschlafen und habe nachts Angst.”

Ich holte ihn zu mir auf’s Sofa und nahm ihn in den Arm. Mein Herz war schwer, weil ich wusste, dass es nur der Anfang war. Es wird in seinen Teenagerjahren nicht besser werden und wenn ich ihn schon jetzt nicht von diesen Dingen beschützen kann, werde ich es später noch weniger können. Und ich war wütend über eine Industrie, die eine Generation heran zieht, die leidet, weil sie Bilder im Kopf hat, die sie nicht los wird. Und diese Bilder sind alles andere als gut. Sie verletzen und machen kaputt. Sie schüchtern ein und pflanzen Angst.

Da ich ihn nicht vor diesen Dingen beschützen kann, muss ich ihm beibringen mit diesen Bildern und Eindrücken so umzugehen, dass sie ihre Kraft verlieren und möglichst wenig Schaden anrichten. Zuerst lobte ich seine Ehrlichkeit und dass er seinen Männerstolz überwunden hatte, mir davon zu erzählen. Das ist immer der erste Schritt und schon dadurch verliert das Dunkle seine Kraft. Und dann sagte ich ihm, dass er mit diesen Dingen immer zu mir kommen könne. Immer. Die Tür ist immer offen. Ich werde die Last mit ihm tragen, ihm zuhören und dann werden wir alles Gott vor die Füsse werfen, weil dieser Gott auch Gedanken heilen kann. Er verspricht ein neues Leben – und das war es doch, was Sven wollte: einen Neuanfang.

An Ehemalige

Den folgenden Text schrieb ich als Reaktion auf die Berichte von Teilnehmern im Best Hope, der Drogenrehabilitation an der mein erster Mann, Stefan, seine Therapie gemacht hatte. Ehrlich gesagt, passt er auch zu mir, auch wenn ich keine ehemalige Drogenabhängige bin, aber eine Ehemalige bin auch – irgendwie.

Seit zwei Jahren bist du clean. Am Anfang war es nur eine kleine, sogar wackelige Entscheidung, aber dein Leben hat eine total andere Richtung eingeschlagen. Es gab Momente, da dachtest du, du würdest es nicht schaffen. Wie lernt man die Realität des Lebens, Schmerz, Verwirrung, Ohnmacht und Wut auszuhalten und nicht einfach zu betäuben? Du hast Wege kennengelernt, hast Heilung erfahren und erlebt, dass Freude auch inmitten von Schmerz zu finden ist. Du hast erfahren, dass du nie alleine unterwegs bist. Und das macht schon ganz viel aus. Aus der ersten Entscheidung, dem Kennenlernen einer neuen Welt und einer neuen Realität wurde der Wunsch nach echter Veränderung, nach einem neuen Lebensstil und das hat dann richtig was gekostet. Dann erst fing die echte Arbeit an. Trotz einigen Rückschlägen hast du erkannt, dass sich etwas, manchmal nur etwas ganz Kleines verändert hat. Da waren Leute, die etwas in dir gesehen haben, was du schon lange aus den Augen und dem Sinn verloren hattest. Du warst diesen Menschen die ganze Mühe wert und wertvoll genug, dass sie sich die Zeit nahmen und es sich Energie kosten liessen, dich auf diesem alles andere als einfachen Weg zu begleiten. Das hat dir Hoffnung gegeben. Vielleicht ist dein Leben doch noch für etwas gut?

Ich habe einen Ehemaligen geheiratet. Er war etwas vom Besten, was mir in meinem Leben je passiert ist. Durch seine nicht so perfekte Kindheit, durch alle erlebten Verletzungen, war er sensibel auf andere Menschen und hat Fassaden schnell durchschaut. Man konnte ihm nichts vormachen. In der Therapie hat er gelernt, wie man lebt ohne sich selbst und andere zu verletzen. Er hat gelernt zu seinen Fehlern zu stehen, zu Kommunizieren und ehrlich und transparent zu sein. Er hat Beziehungen und echte Freundschaften aufgebaut. Er hat gelernt, wie man gesund lebt – innerlich und äusserlich. Davon habe ich enorm profitiert. Wir hatten eine gute und gesunde Beziehung, in der wir fähig wurden Schwierigkeiten, von denen wir nicht verschont blieben, zu konfrontieren und konstruktiv anzugehen.

Ich möchte dir sagen, dass du durch deine Vergangenheit, so kaputt sie auch sein mag und durch deine Gegenwart, so hart sie auch sein mag, einen wertvollen Schatz hast, von welchem du selbst und auch viele andere Menschen in deinem Umfeld noch lange (ein Leben lang) zehren werden. Du wirst es schaffen. Du bekommst in der Therapie wertvolle Werkzeuge, um das Leben hier draussen zu bewältigen. Und, ehrlich gesagt, brauchen wir das alle. Das Leben hier draussen ist auch für uns ziemlich schwierig und jeder hat so seine Art, wie er damit fertig wird. Lass dich nicht täuschen, auch wir, die wir noch nie irgendwelche Drogen genommen haben, haben mit Süchten und Fehlverhalten zu kämpfen. Unsere Süchte sind vielleicht weniger offensichtlich und manchmal weniger körperlich destruktiv, aber im Grunde versuchen wir alle einfach zu überleben und das Leben einigermassen hinzukriegen.

Je nachdem wie eine Sucht oder eine Suche (diese Wörter unterscheiden sich nur durch einen Buchstaben) zum Ausdruck kommt, ist sie mehr oder weniger auffallend. Aber kaum einer von uns ist völlig frei von einer Sucht oder einer Suche. Wir können es nur mehr oder weniger gut verstecken.

Es lohnt sich dranzubleiben, weil du wertvoll bist und ganz viel zu geben hast, einfach durch dein Sein. Du schaffst das! Du bist nicht allein!


Damit melde ich mich kurz ab. Die kleine Familie, die ein neues Zuhause gefunden hat, zieht Ende dieser Woche um. Diese Woche heisst es fertig packen und in ein paar Tagen dann wieder auspacken. Wir freuen uns sehr darauf, aber Sven (inzwischen schon 11 und schon fast so gross wie ich!) hat es passend ausgedrückt, als er mir sagte: “Ich freue mich ziemlich auf unser neues Zuhause, aber ich werde wahrscheinlich heftig weinen, weil wir hier so viele Erinnerungen haben.”

Lebe ich ehrlich oder angstgesteuert?

Nach dem schrecklichen Attentat in den USA, in welchem 9 Mensch ihr Leben – in einer Kirche – genommen wurde, laufen die Emotionen hoch und der Rassenkonflikt wird wieder diskutiert. Ich verfolge diese Diskussionen, die Inputs, die Fragen, das Ringen und etwas springt mir immer wieder ins Auge. Wenn wir mit heiklen Situationen konfrontiert werden, Situationen, die ein Tabu berühren oder ein heikles Thema ansprechen, will sich keiner die Finger verbrennen. Eigentlich wollen wir etwas sagen oder tun, aber weil wir nicht das Falsche sagen wollen, schweigen wir.

Das kommt mir sehr bekannt vor. Im Umgang mit Getrennten/Geschiedenen schwingt oft ein gewisses Mass an Angst mit. Und zwar genau deswegen, weil man nichts falsch machen will. Das ist auch verständlich – wir werden mit einem Zustand konfrontiert, der uns fremd ist und mit welchem wir uns nicht auskennen. Ich verstehe nicht, was Menschen empfinden, die in Lebensumständen sind, die ich nicht kenne. Das ist schwierig. Wie und wo fängt man da nur an, ohne jemanden auf die Füsse zu treten?

Wenn wir uns mit Schweigen zufrieden geben, gibt es ein Problem: Niemandem wird dadurch geholfen. Ist es wirklich das, was wir wollen? Wollen wir wirklich weiterhin schweigen und blind an unseren Auffassungen und festgebildeten und festgefahrenen Meinungen festhalten und in dieser Starre verharren, bis wir oder die anderen … nun, bis wann eigentlich? Wie stellen wir uns das vor? Vermutlich haben wir uns gar nichts vorgestellt. Was auch nicht hilft. Leider.

Diese Fragen lassen sich auf ganz viele Situationen anwenden: Wie begegne ich Menschen, die anders sind, vielleicht mit einer körperlichen oder geistigen Einschränkung leben? Wie gehe ich mit Ausländern/Asylanten um? Wie reagiere ich, wenn Menschen unter Unrecht leiden? Wenn ihre Stimme nicht gehört wird? Wenn eine Scheidung oder Armut zur Ausgrenzung führt?

Mehr als eine Stimme, die sich in den USA erhob, sagte (und das ist mir eingefahren): „Wir müssen keine Angst haben, wir müssen nur EHRLICH sein, Zuhören und Reden.“ Es ist mir eingefahren, weil es sich nicht nur auf den Rassenkonflikt in den USA anwenden lässt, sondern auf unser tägliches Leben.

  • Angst führt zu Beklemmung. Ehrlichkeit lässt mich aufatmen.
  • Angst macht mich misstrauisch. Ehrlichkeit trägt zur Vertrauensbildung bei.
  • Angst führt zu Heuchelei. Ehrlichkeit erlaubt mir mich selbst zu sein.
  • Angst versteckt. Ehrlichkeit deckt auf.
  • Angst verunsichert. Ehrlichkeit zeigt mir woran ich bin.
  • Angst versteckt sich hinter verriegelter Tür. Ehrlichkeit öffnet die Tür für Neues.
  • Angst macht mich einsam. Ehrlichkeit gibt anderen die Möglichkeit mich zu begleiten.
  • Angst sagt: Wir haben kein Problem. Ehrlichkeit sagt: Es gibt ein Problem, wie können wir daran arbeiten?
  • Angst schweigt (und geht kein Risiko ein). Ehrlichkeit fragt nach, hört zu und redet (auch mit dem Risiko, dass sie das Falsche sagt).
  • Angst bringt mich zum Zittern. Ehrlichkeit lässt mich tanzen.

Ehrlichkeit scheint ein guter Lebensstil zu sein, braucht aber Mut. Ich wünsche dir und mir Mut zur Ehrlichkeit, Ehrlichkeit ist eine Entscheidung wert.

Trennungszeit 6 – Was ich dir noch sagen wollte

Du hast dich von deinem Partner getrennt und ich ringe nach Worten. Ich möchte aus meinem Erfahrungsfundus ein schlaues Wort heraus zaubern, aber ich finde so schnell keines. Was kann ich dir mitgeben? Ich will nicht zu viel sagen, ich will aber auch nicht schweigen! Plötzlich kommt mir dieser Gedanke und ich sage diese Worte nicht nur zu dir, sondern auch zu mir und zu uns allen, die wir von einem Scheitern im Leben betroffen sind:

Du brauchst dich für deine Trennung nicht zu schämen. Du hast dich für deine Ehe eingesetzt, hast hingeschaut und die Dinge beim Namen genannt. Du hast dich nicht vor der Ehrlichkeit und der Beziehungsarbeit gescheut. Es war ein ganzes Stück harte Arbeit. Du hast geredet, geweint, gehofft und geglaubt und dich entschieden der Wahrheit ins Gesicht zu schauen und zu retten, was noch zu retten war. Das braucht Mut und dafür brauchst du dich nicht zu schämen.

Es fühlt sich wie eine Niederlage an, weil es nicht dem entspricht, was so viele als richtig empfinden. Es entspricht ja auch nicht dem, was du ursprünglich wolltest. Aber an der Wahrheit festzuhalten und dich für einen aufrichtigen Lebensstil zu entscheiden, ist bewundernswert. Dafür brauchst du dich nicht zu schämen.

“Nicht der Kritiker zählt; nicht der Mann, der aufzeigt, wie der starke Mann stolpert, oder wo der Vollbringer von Taten diese hätte besser machen können. Das Ansehen gebührt dem, der tatsächlich in der Arena steht, dessen Gesicht von Staub, Schweiß und Blut gezeichnet ist und der tapfer weiter strebt; der irrt und wieder und wieder fehlt, denn es gibt keine Bemühungen ohne Irrtümer und Schwächen. Das Ansehen gebührt dem, der tatsächlich bestrebt ist die Taten auszuführen, der große Begeisterung kennt, und große Hingabe; der sich einer wertvollen Sache hingibt; der im besten Fall den Triumph des Erfolges erfährt und im schlimmsten Fall scheitert, aber wenigstens mutig wagt.” Theodore Roosevelt, US-Präsident, 1858-1919

Scham will uns einreden, dass wir das Leben nicht gut meistern, will uns unsere Berechtigung etwas zu tun und sagen rauben. Scham schneidet uns vom Leben ab und am Schluss stehen wir ganz einsam da und drehen uns nur noch um uns selbst. Wenn wir warten, bis wir unserer Vorstellung (oder der Vorstellungen von anderen) entsprechen, werden wir lange warten und weder in unserem Leben noch in der Welt etwas bewegen.

Deshalb, gebe der Scham keinen Raum. Du bist wertvoll, du hast viel Arbeit hinter dir, du bist vielleicht auf dem Boden gelandet, verschwitzt, staubig und mit blutigen Knien, aber du bist mutig und stark und dein Leben liegt noch vor dir! Packe diese Chance mit beiden Händen und wage es mutig zu sein!

Dein Scheitern ist nicht nur ein Ende, es ist auch ein Anfang.

Stimme im Kopf

Also, ganz ehrlich, das Bild vom kleinen Engel- oder Teufelchen, der einem auf der Schulter sitzt und einem Gutes oder Böses zuflüstert, fand ich schon immer etwas lächerlich. Aber diese Stimmen im Kopf, die kenne ich. Gerade erst heute beim Joggen schmunzelte ich darüber, wie ich mir zu allem und jedem meine Gedanken mache; zum zertretenen Blatt auf dem Asphalt genau so wie zu den Menschen, die mir auf meiner kurzen Tour begegnen.

Zum Beispiel die Mutter, die mit ihren zwei kleinen Kindern am Seeufer spazieren ging. Zuerst fielen mir ihre Stiefel auf: Schwarz-weiss gekringelte Gummistiefel – herrlich schön. Deshalb lächelte ich sie an, als ich an ihr vorbei kam und sie lächelte zurück, mit einem Lächeln, das noch tausend Mal schöner war als ihre Stiefel. Möge sie die Menschen um sich herum mit diesem wunderschönen Lächeln jeden Tag wieder neu beglücken.

Und dann der Mann, der mit seiner bunten und sehr grossen Einkaufstasche auf dem Weg zur Tramhaltestelle war. Als er von weitem sah, das sein Tram schon unterwegs war, spurtete er los und innerlich feuerte ich ihn an: Ja, renn, du schaffst das!

Und dann höre ich diese Stimme im Kopf (und im Herzen):

„Siehst du? So sehe ich dich auch.

Ich sehe die kleinen Dinge, das Lächeln, das andere glücklich macht und das meine Freundlichkeit widerspiegelt.

Ich sehe, wie du Zeit vertrödelst und dann auf’s Tram rennen musst. Hörst du mich rufen? Du schaffst das!

Ich sehe sogar das zertretene Blatt und bestätige dir: Zerbrochenheit schliesst Schönheit nicht aus.

Wenn du die Augen und dein Herz aufmachst, siehst du meine Freundlichkeit im Lächeln einer Mutter, meine Ermutigung im Spurt eines Mannes, meine Güte in einem Blatt.“

Ich sag’s ja: Er sieht und er weiss.