Über das Joggen … und mich

Ich joggte also wieder einmal um den (klitzekleinen) See und nachdem ich mir bereits über Gott und die Welt Gedanken gemacht hatte, schweiften meine Gedanken zu mir und mein Verhältnis zum Joggen.

Joggen tut mir enorm gut, was für mich weit über die körperlichen Vorteile hinaus geht. Manchmal ist es fast eine Zeit der Meditation, in der ich mich auf eine Wahrheit konzentriere und mich so auf diese fokussiere, dass sie endlich in meinem Herzen und in meiner Seele Fuss fasst. Manchmal ist es eine Zeit, in der ich ungestört mein Herz ausschütten und in der ich Gott alle Schwierigkeiten vor die Füsse werfen kann – meine eigenen, so wie die von anderen. Es ist praktisch ausnahmslos eine Zeit in der ich mit Gott rede, aber auch er mit mir. (Wenn das passiert, bin ich immer sehr glücklich.)

Aber eben, ich habe keine eiserne Disziplin, die mich jeden Tag raus auf die Piste zwingt. Es ist fast immer ein Wahnsinnskampf und sobald ich mich körperlich nicht einhundert Prozent fit fühle (sprich: Kopf- oder Halsweh) oder auch nur schon schlecht geschlafen habe (was oft genug vorkommt), bringen mich keine zehn Pferde da raus. Leider. Aber so isses. Und darüber dachte ich nach.

Aber anstatt mich der Selbstanklage oder auch nur der Unzufriedenheit über meine mangelnde Selbstdisziplin hinzugeben, machten meine Gedanken einen Schwenker und ich verglich mich mal nicht mit anderen und wünschte auch nicht, dass ich anders wäre.

Vielleicht ist es die Gelassenheit, die mit dem Alter kommt, vielleicht (endlich) die natürliche Folge von jahrelanger Übung mich so anzunehmen wie ich bin, mit meinen Grenzen und Fähigkeiten, mit meiner Disziplin, die sich meiner körperlichen Befindlichkeit anpasst, mit meiner ganz eigenen Persönlichkeit, die dazu geschaffen wurde, zu ihrem eigenen Rhythmus zu tanzen und nicht dazu bestimmt ist den Rhythmus einer anderen zu übernehmen.

Ich mache was ich kann und was ich kann, ist genug.

Ich jogge also mit diesen Gedanken daher als mir ein älteres italienisches Mütterchen entgegen kommt, mir in die Augen schaut und sagt: Che brava!

Und genauso fühle ich mich.

Ach, wie schön!

Ich joggte mal wieder um den See. Ich wollte eigentlich gar nicht um den See joggen, sondern nur bis zum See, aber als ich hinkam, fand ich es so schön, dass ich dann doch um ihn herum joggte. Meine ersten Worte, als ich zum See kam, waren: „Ach, wie schön!“ Dazu muss ich euch erklären, wie dieser See aussieht. Es ist ein künstlich angelegter See. Das heisst, es ist ein sehr langgezogenes Rechteck. Er ist nicht besonders gross, aber doch speziell, weil auf der einen Seite ein Sandstrand angelegt wurde und auf der anderen Seite Schilf wächst. Es hat viele Enten, ab und zu einen Schwan oder zwei und manchmal sehe ich dort auch einen Reiher. Der wird dann immer besonders herzlich von mir begrüsst. Auf der Schilfseite befindet sich eine sehr grosse Wiese und dann noch ein wenig Wald. Am Waldrand wurden schöne Grillplätze installiert, die im Sommer sehr begehrt sind. Auf der Strandseite stehen grosse Wohnblöcke, die zum Teil noch nicht fertig gebaut sind.

Es ist also nicht einfach schön, wie schön natürlich oder schön unberührt und naturnah, sondern voller Gegensätze. Die eine Seite sehr natürlich und erholsam, weit und grün. Die andere Seite dicht bebaut und grau, Beton und Glas. Trotzdem sind meine ersten Worte, wenn ich dorthin komme, „ach wie schön.“ Und gleich nachdem ich diese Worte ausgesprochen hatte, spürte ich eine Wahrheit aufkeimen. Was ist schön? Ist mein Leben schön? Es ist nicht schön in dem Sinn, dass alles unberührt und naturnah belassen wurde, es hat da auch die eine oder andere Baustelle gegeben. Was aber schliesslich zur Folge hatte, dass Menschen in mein Leben getreten und zu denen Beziehungen entstanden sind, die sonst nicht da wären. Und gerade diese Begegnungen, Beziehungen und Freundschaften machen mein Leben so kostbar und wertvoll – und ja, schön.

Es gibt eine japanische Reparaturmethode für Keramik, in der ein zerbrochenes Tongefäss mit einer Kittmasse geflickt wird, in der Pulvergold oder andere Metalle wie Silber und Platin eingestreut sind. (Es gibt auf Wikipedia einen Artikel dazu: http://de.wikipedia.org/wiki/Kintsugi.) Ein zerbrochenes Gefäss wird so zu einem kostbaren Kunstwerk. Wie eine Tonschale, kann auch ein Leben zerbrechen und wie eine zerbrochene Tonschale können auch die Risse in unserem Leben mit Gold geflickt werden, was uns nur kostbarer macht. Deshalb: Ein Leben, genauer gesagt, dein und mein Leben, kann auch mit einer (oder mehreren) Baustellen schön sein, wie mein See; so schön, dass einem einen Momentlang der Atem stockt und man sich dazu entschliesst doch noch ein Weilchen zu bleiben.

http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Tea_bowl_fixed_in_the_Kintsugi_method.jpg