Über Vorsätze

Der Beginn eines neues Jahres ist ein guter Zeitpunkt sich etwas vorzunehmen. Es endlich in Angriff zu nehmen, sein Leben zu ändern. Sagt man. In Wirklichkeit ist jeder Tag, sogar jede neue Stunde, vielleicht sogar jeder neuer Atemzug DIE Gelegenheit einen Entschluss umzusetzen. Kürzlich las ich einen Bericht über einen Pornostar, der mitten am Tag, mitten im Jahr, den Entschluss fasste seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Er hat glücklicherweise nicht auf Silvester gewartet. Ein alter Bekannter hat vor einigen Monaten auf Facebook gepostet, dass er es schon eine Woche lang ohne Zigaretten geschafft hatte! Cool! Es war weder Silvester, noch Ostern, noch Advent… er hat es einfach umgesetzt.

Ich fühle mich durch Silvester oder die Fastenzeit vor Ostern immer etwas unter Druck gesetzt. Jetzt oder nie. Alles oder nichts. Und meistens fehlt mir auch der richtige Antrieb. Nur weil Silvester oder Fastenzeit ist – das ist für meinen inneren Schweinehund nicht genug. Meine Motivation kommt meistens aus dem Alltag heraus.

Bei zu wenig Bewegung werden meine Beine kribbelig und ich weiss, regelmässiges Joggen ist angesagt. Zu viel Süsses in den letzten Wochen genascht – zack, ich entscheide mich spontan, aber mit Überzeugung, die nächsten sechs Tage auf Zucker und Süsses zu verzichten.

Irgendwie funktioniert das für mich. Das Leben ist zu kurz und zu kostbar, um mich ständig darüber zu schämen, dass ich meine Vorsätze nicht halten kann. Lieber integriere ich die kleinen und notwendigen Schritte in meinen Alltag und freue mich darüber, dass ich es meistens schaffe und immer wieder einen Anlauf nehmen darf.

Auf ein frohes 2017!

Keine Antworten

Hat es mit dem Älterwerden zu tun? Mit den Hormonen? Mit der Lebensrealität? Mit der Lebenserfahrung? Das Vokabular vom Reich Gottes im Hier und Jetzt von den Träumen, den Visionen, der Herrlichkeit, den Wundern, der Befreiung und wie die Schlagworte alle heissen, die uns jahrelang begleitet haben, all diese Begriffe reichen nicht mehr aus und werden dem Leben, wie ich es erlebe nicht mehr gerecht. Zu der jugendlichen Euphorie genau am richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein, wo Gott uns gebrauchen will, um sein Reich zu bauen, gesellt sich der graue Alltag von dem kaum einer spricht. Wann hören wir, dass wir im Büroalltag oder zwischen Windeln und Küche oder in der Auseinandersetzung mit aufmüpfigen Teenagern Reich Gottes bauen? Dass wir genau dann, wenn wir Zahlen auf dem Blatt hin und her schieben oder die Wäsche zum Trocknen aufhängen einen wichtigen Beitrag zur Verwirklichung von Gottes Vision für unser Leben leisten? Und doch muss es so sein, denn unsere erste Aufgabe, so banal es tönt, ist zu leben. Gott hauchte Adam Leben ein – wozu? Um zu leben. Und zu diesem, unserem Leben gehören genau diese alltäglichen Dinge.

Dazu kommt die harte Realität, dass wir hier auf der Erde leben und eben noch nicht im Himmel. Das bedeutet Not und Leid in Form von Krankheit, zerbrochenen Beziehungen, Ungerechtigkeit, Missbrauch, Rechnungen, die bezahlt werden müssen aus einem Konto, welches rot aufleuchtet, weil gar nicht genug zum Leben eingezahlt wurde. Wo, wo, ach wo, ist hier Reich Gottes? Wir leben im „schon – und noch nicht“, in der Zeit zwischen Verheissung und Erfüllung, wobei einige Verheissungen schon jetzt erfüllt werden, aber noch nicht alle. Wann wissen wir „damit muss ich leben“ oder eben nicht? Wann ist es Zeit sich zu wehren, wann Zeit zu schweigen?

Ich habe keine eindeutige Antworten mehr. Ich bin mir inzwischen auch nicht mehr sicher, ob es auf dieser Seite der Ewigkeit überhaupt eindeutige Antworten gibt. Vielleicht ist genau dieses Dilemma Gottes Antwort auf unsere Forderung immer und für alles jetzt sofort eine Antwort zu haben. Es zeigt mir zumindest, dass die Welt, die sichtbare sowie die geistliche, dass der Mensch, dass Gott nicht so schwarz-weiss ist, wie ich es immer dachte und mir zu oft gepredigt wurde. Es zeigt mir, dass wir weder die Welt, noch die Menschen und schon gar nicht Gott im Griff haben. Es zeigt mir, dass wir ganz klein und unwissend sind und Gott in Dimensionen anders ist, die wir uns gar nicht vorstellen können.

Vielleicht ist es an der Zeit ein neues Vokabular zu lernen und unseren Wortschatz zu vergrössern. Mit 50 ist es noch nicht zu spät, so sagt man jedenfalls. Ich möchte die Worte lernen, die in der Not, sei sie körperlich, materiell oder geistlich, einen Sinn finden, eine Zukunft, eine verborgene Schönheit und Stärke entdecken. Worte, die Hoffnung geben, auch wenn es dunkel oder still bleibt und sich auch gar nichts zum Guten verändert.

„Du bist nicht allein“ ist ein solches Wort. Zu Schweigen ist auch ein Wort. Zu wissen, wann das Eine, wann das Andere dran ist, ist Weisheit.

Ein Reden am See

Es gibt einen Psalm – das sind Lieder –  in der Bibel (Kapitel 46), der mich vor einigen Wochen gepackt hat – ausserdem ist er für ‚hohe Frauenstimmen‘ geschrieben, aber ich bin sicher, dass sich Männer auch angesprochen fühlen dürfen. Darin ist die Rede von Gott als Helfer, als Zuflucht und Schutz und dass er uns in Zeiten der Not seine Hilfe schenkt.

In diesem Lied kommt zum Ausdruck, dass Gott mit uns ist, auch wenn die Erde bebt, sodass Berge im Meer versinken – also krass – auch wenn die Wellen tosen und brausen, aber weil er so ein starker Gott und so um uns bemüht ist, werden wir von dem Chaos um uns herum nicht erschüttert und auch nicht verschüttet. (Ich weiss aus Erfahrung, dass es sich manchmal so anfühlt.) Am Schluss werden wir aufgerufen zu erkennen, dass er Gott ist und über allem steht.

Nun, wenn ich diesen Gott wirklich beim Wort nehme, müsste ich still werden und vertrauen. Aber kann ich wirklich vertrauen? Das ist so leicht gesagt und so schwierig umzusetzen. Ich kann wohl mit Worten sagen, dass ich Gott vertraue, aber wenn ich mich in Sorgen verliere, vertraue ich nicht wirklich.

Vor ein paar Tagen sassen die Kinder und ich am Tisch und merkten, dass wir uns alle zu viele Sorgen machten. Die Kinder machten sich Sorgen um ihre Zukunft, was sie als Beruf wählen sollen, ob sie überhaupt eine Arbeitsstelle finden würden, wie es in der Lehre weitergeht … und ich machte mir Sorgen um meine Kinder und wie ich mit all dem fertig werden sollte, was noch so alles auf uns zukommen würde. (Irgendwann muss es doch besser werden, oder???)

Überhaupt merkte ich, nachdem ich in letzter Zeit öfters mit schwierigen Situationen konfrontiert wurde, dass ich inzwischen in der Angst vor dem nächsten Hammerschlag lebe. Und, nein, so möchte ich nicht leben. Ich würde gerne schreiben, dass ich mich täglich gegen die Angst entscheide, aber ganz ehrlich, das schaffe ich nicht immer. (Nicht immer, aber immer öfter ;-)

Was ich dagegen wieder regelmässiger mache, ist mir bewusst zu werden, wofür ich dankbar bin. Und manchmal begegnet mir Gott ganz unverhofft, wenn ich es am wenigsten erwarte, wie neulich am See.

Ich war Joggen und die meisten Enten ruhten noch auf dem Sand. Kaum war ich am See angekommen, flog auch schon der Reiher über meinen Kopf und landete im seichten Wasser. Ich haben dem Reiher einen Namen gegeben: Mr. Heron. (Ich begrüsse ihn nämlich immer mit Namen.) Meine Gedanken kreisten um meine prekäre finanzielle Situation und um alles andere, was eine Familie mit drei Teenagern so beschäftigt. Ich muss kaum erwähnen, dass diese Gedanken nicht sehr erholsam waren. Aber da fing Mr. Heron schon an mit seinen langen, dünnen Beinen durch das Nass zu schreiten und sein Frühstück zu suchen. Ich grinste und hatte die Botschaft verstanden.

“Siehst du? Den Reiher und die Enten, die Spatzen und die Meisen, die versorge ich, schon früh am morgen. Du und deine Familie sind mir so unendlich mehr kostbar. Lass los und vertraue darauf, dass ich euch weiterhin versorgen werde, nicht nur mit Finanzen, sondern mit allem, was du jeden Tag brauchst: Weisheit, Geduld, Freude, Gutes, Entspannung, Freunde.” Ende der Durchsage

“Gott ist in ihrer Mitte, darum wird sie niemals wanken; Gott hilft ihr, wenn der Morgen anbricht.”

(aus der Bibel; Psalm Kapitel 46 Vers 6)

Erziehung im Alleingang oder: Zwischen Verzweiflung und Vertrauen

Ich hab’ es geschafft. Ich bin mit den Kindern fünf Tage nach Stuttgart gefahren und wir haben mal auf diese Weise Kurzferien gemacht. Ich bin auch etwas geschafft. Nur schon unsere Abfahrt war ein Drama. Etwa eine halbe Stunde vor der geplanten Abfahrt beschloss meine Tochter, dass sie nicht mit kommen wollte. Ob sie zuhause bleiben dürfe. Nein… Nicht nur weil sie erst 14 ist, sondern auch weil ich solche Entscheide nicht 30 Minuten vor unserer geplanten Abfahrt treffe. Das ist ZU spät.

Eigentlich hatte alles schon am Morgen angefangen. Aus irgendeinem Grund (die Pubertät lässt grüssen) war diese Tochter nicht glücklich. Ich weiss aber nicht warum, weil es mich scheinbar (gemäss Tochter) nichts angeht, aber es vermiest die ganze Familienatmosphäre. Am Mittagstisch habe ich wohl den Ton nicht ganz getroffen und sie stand beleidigt auf, stampfte in ihr Zimmer und knallte die Tür zu. Das war’s. Guten Appetit und mir blieb das Essen im Hals stecken. Als ich sie daran erinnerte, dass wir um 15 h abfahren wollte, meinte sie, sie hätte nicht genügend saubere Wäsche. Dass ich ein paar Tage vorher lang und breit erklärt hatte, dass ich noch waschen würde, damit jeder alles hat, was er oder sie zum anziehen will und braucht, war nicht zu ihr durchgedrungen und so wurde ich laut beschuldigt und mit der Behauptung konfrontiert, dass sie also nicht nach Stuttgart mitkäme, sie wollte eh noch nie nach Stuttgart und sie könne doch einfach zu Hause bleiben!

Etwas geschockt sagte ich nur, das ginge nicht, und verliess ihr Zimmer. Danach sass ich mit Tränen in den Augen verloren auf einem Stuhl. Sven kam vorbei und umarmte mich zaghaft (und mit mitleidigem Gesichtsausdruck.)

Mit dieser 14-Jährigen ist das Leben ein Eiertanz. Man weiss nie ganz genau, wie sie drauf ist, weil sich das Leben inzwischen auf WhatsApp und Instagram abspielt und wir Eltern keine Ahnung haben, wie schwer das Leben als 14-Jährige ist und was da alles abläuft. In dem Punkt hat sie natürlich Recht. Ich habe wirklich keine Ahnung was da alles los ist, weil es mir keiner sagt. So weiss man auch nie, wann man einen Witz machen kann, wann ein ernstes Wort angesagt ist, wann man überhaupt reden darf oder eben nicht.

Manchmal scheint es mir, als wäre es meiner Tochter lieber, wenn ich gar nie den Mund aufmachen würde. Dann könnte sie mir einfach alle Vorwürfe, ob berechtigt oder nicht, an den Kopf werfen. Aber ich bin ein Mensch mit Gefühlen und mit Worten. Okay, ich geb’s zu, mit vielen Worten. Ich bin eine Mutter mit Verantwortung. Ich liebe meine Kinder und werde sie nicht einfach dem Lauf der Dinge überlassen. Es liegt an mir (und als Alleinerziehende an mir allein) einen Rahmen zu schaffen, in welchem sie sich ausbreiten können. Aber manchmal ist meine Aufgabe zu schweigen und loszulassen.

Vor einigen Jahren war ich Teil einer kleinen Gruppe von Frauen, die sich wöchentlich traf, um über ihre Familien auszutauschen und ganz konkret für ihre Kinder zu beten. Drei der Frauen hatten bereits Töchter im Teenageralter und wenn sie über die verrückten Dinge redeten, die ihre Töchter so im Alltag machten, konnte ich mir das Lachen kaum verkneifen.

Und jetzt habe ich selber so ein verrücktes Huhn zuhause. Mein persönliches Exemplar hat einen scharfen Verstand, ist ein eigenwilliges Wesen und in vielen Dingen super begabt. Es ist auch, wie es selbst ausdrückt, faul und macht in der Schule gerade nur so viel wie nötig, was natürlich auch eine Variante ist. Es weiss immer alles besser, da man mit 14 garantiert mehr Lebenserfahrung und -weisheit hat, als die eigene Mutter (das ist ja wohl klar), die übrigens dieses Jahr 50 wird. Und die Logik, die sich nach den Kleinkinderjahren eingestellt hatte, ist auf wundersame Weise wieder verschwunden. Etwas durchzudiskutieren macht mir mit dieser nicht vorhandenen Logik überhaupt keinen Spass mehr. Und die Stimmung kann ganz ohne Vorwarnung innert Minuten, ach was, SEKUNDEN (!) kippen. Zack! und weg. Da sag ich nur noch eins: Hormone.

Da tut mir eine Freundin gut, die über mein persönliches Exemplar lacht und kopfschüttelnd und verständnisvoll „wie im Lehrbuch“ sagt. Auch wenn diese Worte meinen Ärger über gewisse Situationen und meine Angst vor dem Loslassen nicht immer sofort beschwichtigen, muss ich zugeben, dass es mir hilft eine andere, weitere, gnädigere Perspektive anzunehmen.

Und meine Freundin Barbara, die den Lesern von meinem Blog schon bekannt ist, schreibt dazu:

Erziehung zwischen Verzweiflung und Vertrauen

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Da gibt es viele Ohnmachtsgefühle und
verzweifelte Momente bei Alleinerziehenden.

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Zum Glück heisst`s: „… zwischen Verzweiflung
und VERTRAUEN“!

Hab den Mut, immer wieder Wege
des Vertrauens zu suchen!
Vertrauen: „cling to it!“ – Halte dich dran fest,
als ginge es um dein Leben!

Es geht um Leben.

Es geht um Leben und ich teile das Leben mit meinen drei Kindern, die alle drei einzigartig und wunderbar, kreativ und herzlich, freundlich und lustig sind. Ich liebe das Leben mit meinen Kindern (auch wenn ich nach den Ferien immer etwas müde bin) und bin dabei zu lernen, was es bedeutet zu vertrauen.

Übrigens ist meine Tochter nach einer halben Stunde mit gepacktem Koffer ins Auto eingestiegen und nach einer weiteren halben Stunde ging es ihr wieder besser und alles war nur noch halb so schlimm.

Der Heilige Geist ist vermutlich doch eine Frau

Vor einem Jahr bekam ich von meiner Schwester ein kleines Heft mit dem Titel: „30 Tage Schreiben“. Für jeden Tag gibt es eine Frage. Am dritten Tag hiess die Frage: Beschreibe die Rolle, die du im täglichen Leben spielst. Ich schrieb:

Ich bin die, die alles macht, an alles denken sollte (und dabei oft die Hälfte vergisst), die alles Wissen sollte (und meistens die Hälfte nicht weiss), die alle antreibt und die Tagesstruktur vorgibt, die für’s Essen sorgt, die Wäsche besorgt und die Kinder zudem noch zu erziehen versucht … . Ich habe das Gefühl, dass ohne mich in unserer Familie gar nichts mehr funktionieren würde (hoffentlich ein Trugschluss, aber ich kenne meine Kinder doch auch ein wenig). Ich bin die, die motiviert, ermutigt, erzieht, wieder alles ins Lot bringt, schlichtet, tröstet, liebt und an mein Herz drückt…und das klingt verdächtig nach den Aufgaben des Heiligen Geistes…

Armutsgier und Grosszügigkeit

Ich fand die Frau etwas mühsam. Sie stand am Kuchenstand in der Turnhalle der Primarschule und konnte sich nicht entscheiden, welches Kuchenstück sie wollte. Ihre kleinen Kinder wuselten um sie herum, was die ganze Sache nicht einfacher machte. Ich wollte ihr behilflich sein, aber sie beachtete mich kaum. Ihre Augen bewegten sich unruhig über die Kuchenstücke hin und her. Irgendetwas in ihrem Blick ging mir nach und kam mir entfernt bekannt vor. Erst viel später erkannte ich was sich da abgespielt hatte: Es ging ihr nicht darum sich für den Kuchen zu entscheiden, den sie am liebsten gehabt hätte und auch nicht um den Kuchen, den ihre Kinder am liebsten gehabt hätten. Es war ein Abwägen nach dem grössten Stück. Es war ein Fragen, wie sie für ihre Fr. 2.- möglichst viel bekommen würde. Und aus meiner Ungeduld mit ihrer scheinbar komplizierten und unentschlossenen Art wurde Mitgefühl.

Was ich in den Augen und in der Haltung dieser Frau sah, nenne ich “Armutsgier” und erkannte ich vor allem deswegen, weil ich dieses Gefühl kenne. Wenn man mit dieser Haltung lebt, liegt Qualität weit hinter Quantität. Und persönliche Vorlieben kommen schon gar nicht vor. Es geht nur ums „wie viel“. Und darum für möglichst wenig Geld möglichst viel von irgendetwas zu bekommen.

Eine Zeitlang habe ich alles genommen, was man mir oder uns geschenkt hat – es war schliesslich geschenkt und die Frage, ob wir es brauchten, stellte sich gar nicht. Die Frage, ob es uns gefällt, stellte sich noch weniger. Inzwischen bin ich wählerischer geworden. Wenn wir bisher ohne einen Gegenstand klar gekommen sind, ist dieser Gegenstand selten wirklich notwendig. Aber ich musste lernen umzudenken. Was brauche ich wirklich? Was möchte ich wirklich? Ich schaffe es nicht immer, aber immer öfter. Ich lerne immer mehr meinem Gott zu vertrauen, der versprochen hat, dass wir haben werden, was wir brauchen. Es ist nicht nötig von der Gier gesteuert zu werden. Auch nicht von der Sorge. Auch nicht von dem Gefühl zu kurz zu kommen.

Trotzdem möchte ich erwähnen, dass es nicht einfach ist in einem permanenten Zustand der finanziellen Unsicherheit zu leben. Ich muss mich aktiv darum bemühen mich nicht zu sorgen. Dieser Zustand zehrt an meinen Kräften und manchmal an meiner Lebensfreude.

So sind wir alle an dem einen oder anderen Punkt herausgefordert. Vielleicht ist deine Herausforderung deine Arbeitsstelle oder keine Arbeitsstelle zu haben, deine Gesundheit (körperlich oder psychisch), dein soziales Umfeld, eine Beziehung, deine Familiensituation, deine Kinder oder kein Kind zu bekommen. Wir sind alle unterwegs und geben alle unser Bestes und sind doch alle am Lernen. Und weil es mir so gut tut, wenn mir Verständnis für meine Herausforderungen entgegengebracht wird, möchte ich dir statt mit Ungeduld mit grosszügigem Verständnis begegnen.

Über die Veränderung

Plötzlich schweifen meine Gedanken zu dem Thema der Veränderung. Ich kenne Menschen, die wollen Veränderung, aber sind nicht bereit sich zu verändern. Und als Christ kann man es sich ganz schön einfach machen: Man betet für Veränderung und hofft und betet und hofft und betet noch mehr und Gott kann doch alles, oder? Aber Gott ist kein Magier, der einfach mal so schnell mit dem Zauberstab wedelt, obwohl er das sicherlich könnte. Es geht Gott nicht primär um Veränderung der Umstände (auch wenn uns das immer sehr wichtig und notwendig erscheint), es geht Gott um uns. Er mag mich (auch wenn ich finde, dass er mir das Leben etwas einfacher machen könnte, andererseits behalten mich die Schwierigkeiten schön dort wo ich sein möchte: in seiner Nähe). Ja, er mag mich so sehr, dass er dieses Leben zusammen mit mir bewältigen will. Er wird nicht alles für mich erledigen, genauso wenig, wie ich alles für meine Kinder mache, da mein Ziel ist sie lebens- und überlebensfähig zu machen. Ich versuche sogar sie nicht aus jeder  schwierigen Situationen zu retten, damit sie Strategien entwickeln, wie sie in Zukunft damit umgehen können. Sie dürfen immer mit mir gemeinsam nach Lösungen suchen und tun es hoffentlich auch, so wie ich ihnen jederzeit mit den Hausaufgaben helfe, aber die Hausaufgaben nicht für sie erledige (auch wenn sie sich das manchmal, okay, oft oder eigentlich immer, wünschen).

Zurück zur Veränderung. Ich machte mir also darüber Gedanken. Und mir kam in den Sinn, wie Gott das Volk Israel aus der Gefangenschaft in Ägypten befreite. Das ist eine gewaltige Geschichte, die heute noch unglaublich viel zu sagen hat. Das Volk Israel wollte Veränderung, es sehnte sich nach Freiheit. Die Sehnsucht nach Freiheit, die kennen wir alle. Gott hatte Freiheit versprochen, aber keiner wusste wann und wie. Was sich wohl eine Frau aus dem Volk Israel gedacht hat?

„Jetzt taucht doch plötzlich dieser Mose wieder auf. Ich habe die Geschichte als Kind von meinen Eltern gehört. Der hat tatsächlich die sprichwörtliche Leiche im Keller. Trotzdem ist er irgendwie ein Hoffnungsschimmer. Aber ob das mit Mose klappt? Wird sich Pharaoh von Mose überhaupt etwas sagen lassen? Mose mit seiner verpatzten, ja kriminellen, Vergangenheit. Wäre er doch damals lieber im Haus des Pharaoh geblieben und hätte so Einfluss nehmen können. Kann man Mose wirklich ernst nehmen? Ich weiss nicht, ob ich ihm vertrauen kann. Und jetzt mischt Mose das Geschehen mit den Plagen so richtig auf. Plötzlich hüpfen Frösche herum, Läuse, Grashüpfer, es wird dunkel, es regnet Feuer und Hagel – alles ist durcheinander. Die Ägypter schauen uns immer schräger an. Steckt wirklich Gott dahinter? Ich hab’ da meine Zweifel. Die Magier des Pharaoh haben ja auch Kräfte. Wer weiss, was da wirklich los ist. Ich möchte ja hoffen, aber mein bisschen Hoffnung wird immer wieder jäh zerschlagen. Lohnt es sich überhaupt noch zu hoffen? Also, ich weiss nicht. Ich musste ja schon meinen ganzen Mut zusammen nehmen als Mose uns sagte, wir sollten unsere ägyptischen Nachbarn um Schmuck und Kleider bitten. Erstaunlicherweise haben sie es uns in die Hand gedrückt. Und jetzt sollen wir noch ein Lamm schlachten, das Blut an die Türpfosten schmieren – wohin führt das noch? Ist Mose ganz sicher, was er da von Gott hört. Es könnte ja sein, dass er sich irrt, nicht?“

Wenn Gott ein Wunder tut, wenn Gott in die Freiheit führt, wenn Gott Veränderung bringt, gebraucht er uns! Es lag an den Israeliten ihrer Arbeit nachzugehen, die Ägypter um Gold zu bitten, das Lamm zu schlachten und das Blut an die Türpfosten zu streichen, ihre Sachen zu packen und die Beine in die Hand zu nehmen. Sie mussten selber einen Fuss vor den anderen setzen und aus Ägypten raus marschieren. Keiner, auch nicht Gott, hat ihnen das abgenommen.

Aber er war mit ihnen. Er hat ihnen Anweisungen gegeben. Er hat für Schutz gesorgt. Er hat das getan, was sie nicht tun konnten (zum Beispiel das Rote Meer zu teilen und sie vor der ägyptischen Armee zu beschützen). Er will unser Vertrauen und unser Handeln, und er tut seinen Teil. Er will uns zeigen, wie er ist und dass er es gut mit uns meint. Er will nicht das tun, was wir selber tun können. Er will uns lebensfähig machen und abhängig von ihm. Er will uns.

Mein Jahr fängt an

Es war drei Uhr nachmittags am 2. Januar und schon die dritte Abholfahrt an diesem Tag. In einem Arm hielt ich ein paar Ski fest, unter dem anderen klemmte ich ein Snowboard ein und in einer Hand hielt ich eine grosse Tasche und hoffte, dass die Turnschuhe, die darauf balancierten auch dort bleiben würden. Meine Tochter lief mit einem grossen Koffer, einem Rucksack und einem Skihelm mit baumelnder Skibrille vor mir her. Wir mussten an der Garageneinfahrt zwei Kleinbusse an uns vorbei lassen bevor wir selber die Rampe hinab zu unserem Auto in der Tiefgarage marschieren konnten.

Der Samstag hatte früh angefangen. Um 7 Uhr war ich losgefahren, quer durch die noch dunkle Stadt. Es regnete und kaum war ich im Zentrum streikte mein Navigationsgerät. Mir blieb nichts anderes übrig als den Weg zu erraten, was sich als schwierig erwies, da ich keinen blassen Schimmer hatte, welche Richtung ich einschlagen sollte. Als sich das Navi wieder bequemte mitzumachen, musste ich “bitte wenden” und war schnell wieder in der richtigen Richtung unterwegs. (Das ist alles nicht wirklich schlimm, aber ich gerate bei solchen Situationen leicht in Panik… .) Mit verkrampften Magen und nach einigen Tränen (weniger wegen der Fahrerei als wegen meiner scheinbaren Unfähigkeit das Leben als Alleinerziehende gut zu meistern) kam ich nach einer Stunde im Lagerhaus an, gerade als es hell wurde. Dort erwartete mich mein Sohn, der sich während dem Lager öfters mal übergeben hatte und deshalb abgeholt werden musste. Diese Aufgabe fiel mir zu, obwohl die Verantwortung für die Kinder meiner Meinung nach beim Ex lag; er sah das wohl anders und – man kann es nicht anders formulieren – hatte mein Mutterherz ausgenutzt. Ich kam mir zumindest ausgenutzt vor. Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich den Kürzeren ziehe und meine Pläne ändern muss, weil die Pläne des Ex scheinbar unumstösslich sind – im Gegensatz zu meinen. Das darf ich hoffentlich an dieser Stelle auch mal sagen. Diese Situation ärgerte und beschäftigte mich bereits schon seit dem Abend davor.

Nun gut. Ein paar Stunden später war ich wieder unterwegs, um meine Älteste abzuholen. Ich schaffte es knapp ihren grossen schweren Koffer ins Auto zu hieven und stiess nicht zum ersten Mal an diesem Tag ein Stossgebet zum Himmel: Einen Partner zu haben wäre wirklich, wirklich schön! Gott, meinst du das geht irgendwie???

Und dann, wie ich schon sagte, holte ich das dritte Kind um kurz nach drei ab und stand schwer beladen vor dem Garagentor. Plötzlich winkt uns der Fahrer des zweiten Kleinbusses zu. Es war Jochen, der Götti (Patenonkel) meiner Tochter. Er stieg aus, packte Ski, Snowboard und Koffer in den Minibus und fuhr alles vor unser geparktes Auto. Zack und fertig gejammert. Die Freundlichkeit, die mir in dieser kleinen Geste der praktische Hilfe entgegenkam, machte mir Mut und berührte mein Herz inmitten der ganzen Bedrückung der letzten Stunden ganz tief. Ich fühlte mich gesehen und getröstet.

Aus dem Munde der Unmündigen

Gott redet. Das weiss ich. Es gibt viele Geschichten in der Bibel in denen davon erzählt wird, wie Gott redet und das wiederum ist eine ganz interessante Sache. Meistens gebrauchte Gott dazu Menschen, aber einmal musste Gott auf einen Esel zurückgreifen, weil einer einfach nicht auf Gott hören wollte. In meinem Leben redet Gott durch ganz viel Verschiedenes: Mal ist es ein Igel, der die Strasse überquert, mal ist es mein Auto, ein Windstoss, oder eine Dentalhygienikerin. Wie ihr seht, sind es manchmal Worte in meinen Gedanken, manchmal (ich empfinde es eher selten) Worte aus dem Mund einer Person. Er ist sehr kreativ, dieser Gott. Und diesen Sommer sprach er sogar durch einen etwas angetrunkenen Mann zu mir.

Das war so: Kristina und ich mussten etwa eine halbe Stunde an einem fast verlassenen Bahnhof in Zürich auf unseren Zug warten. Neben uns wartete nur ein etwa 30-jähriger Mann mit seiner riesigen IKEA-Tasche voller Bierdosen und einem Sixpack Bierdosen neben der Tasche. Er trank langsam aber stetig eine Bierdose nach der anderen leer und fragte mich zwischendurch immer wieder mal, wie lange es noch ging, bis sein Zug in die gegengesetzte Richtung wohl kam. Ich gab immer brav Antwort und fing schon an ihm die Wartezeit mitzuteilen bevor er die Gelegenheit hatte zu fragen. Kurz bevor sein Zug eintreffen sollte, fing er an sich eine Zigarette zu drehen und rauchte gemütlich vor sich hin. Dann fuhr sein Zug ein. Einige Passagiere stiegen aus, einige (die inzwischen zu uns gestossen waren) ein und ich schaute mich nach dem jungen Mann um. Er drückte umständlich seine Ziggi aus und versuchte gleichzeitig Herr seiner vielen Bierdosen und Taschen zu werden. So wird das nichts, dachte ich, und ging hin um zu helfen. Er hatte die IKEA-Tasche fast in der Hand also griff ich nach dem Sixpack und stellte es in den Zugwagen. Er trottet/schwankte hinter mir her, stieg die Stufe hinauf und sagte mit einem breiten Lachen und ebenso breiter Fahne: “Du bisch en Schatz!” Ha! Jetzt habt ihr es gehört. Das ist mal ein Wort.

(Als der Zug losfuhr, winkte er mir so lange zu, bis er mich nicht mehr sehen konnte :-))

Wie auf Adlers Flügeln

Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe. Ich habe euch sicher hierher zu mir gebracht, so wie ein Adler seine Jungen auf seinen Flügeln trägt. (aus der Bibel*)

Wie ein Adler seine Jungen auf seinen Flügeln trägt…Das klingt echt schön, aufregend oder beruhigend, je nachdem, ob einem so ein Flug auf den Flügeln eines Adlers zusagt oder nicht. Aber irgendwie erlebe ich das Leben nicht so.

Das Volk Israel, zu welchem Gott an dieser Stelle spricht, hat den ganzen Auszug aus Ägypten vermutlich auch nicht so erlebt, wie wir heute reisen: Einsteigen, anschnallen, Abflug, in-flight Drinks und was zu knabbern…nein, nein, die Menschen mussten ihre Sachen packen, ihre Häuser verlassen und Mose hinterher marschieren. Sie wurden fast von der ägyptischen Armee eingeholt, hatten ohne Brücke einen See überqueren sollen, mussten weiter marschieren, die Kleinen tragen und die Alten schieben. Sie hatten Hunger und Durst und haben sich nach der einzigen Heimat gesehnt, die sie kannten: Ägypten (der Ort ihrer Versklavung). Nachdem sie 40 (!) Jahre in der Wüste im Kreis gewandert waren, fasst Gott ihren Auszug aus Ägypten mit den Worten zusammen: Ich habe dich wie auf Adlers Flügeln getragen.

Das ist es wohl, was es heist den Weg zu gehen und das Leben zu leben. Gott trägt uns, aber wir sind diejenigen, die mit zitternden Knien und Herzen vor dem Scheidungsrichter stehen. Diese Momente waren alles andere als einfach. Das Getragensein hatte ich mir anders vorgestellt. Es war ein Kampf, der mich viel Kraft und Energie kostete und ich fühlte die Wunde und den Schmerz, den ich durch meine Entscheidung – so richtig sie war – mir und anderen zufügte. Aber sogar da trug mich Gott, wie ein Adler auf seinen Flügeln…

Als mein Sohn, damals fünf-jährig, von einem Auto angefahren wurde, stand ich zunächst unter Schock. Ich konnte für ihn dasein, mit ihm in der Ambulanz mit Blaulicht ins Kinderspital fahren, für ihn stark sein und ihn beruhigen und trösten. Ich musste die Betreuung der Mädchen organisieren und funktionieren und es hat viel Kraft und Energie gekostet. Auch da trug mich Gott, wie ein Adler auf seinen Flügeln…

Als meine Tochter sich in den Ferien (in Kroatien!) den Zeh gebrochen und aufgeschlitzt hatte und ich sie trösten und beruhigen und über eine Woche lang ertragen musste, war das nicht einfach und hat mir fast den letzten Nerv geraubt. Auch da trug mich Gott, wie ein Adler auf seinen Flügeln…

In den letzten Monaten als ich in der Wohnungssuche Geduld üben musste – und das war nicht immer einfach – auch da trug mich Gott, wie ein Adler auf seinen Flügeln…

Nur weil es sich nicht so anfühlt, wie ein Kurzstreckenflug in der ersten Klasse, heisst es noch nicht, dass Gott uns nicht trägt, wie ein Adler seine Jungen auf seinen Flügeln.

Es gibt Dinge, die werde ich nie verstehen.

*Exodus 19,4