Trennungszeit 8 – gut gemeinte Ratschläge

Eine Person die mir sehr nahe steht und dessen Ehe gerade in die Brüche geht, wird von gutmeinenden Christen immer wieder darauf hingewiesen, dass sie doch einfach wieder zum Kreuz Jesu kommen muss, es gäbe in der christlichen Gemeinde einige Eheleute, deren Ehe vor dem Aus stand, die aber jetzt wieder glücklich zusammen seien…

Ich verstehe das. Wirklich. Ich verstehe das. Ich verstehe den Hintergrund dieser Ratschläge und warum das gesagt wird. Ich verstehe es und dache selber lange so. Aber deswegen ist dieser Ratschlag noch lange nicht richtig und ebenso wenig hilfreich.

Nachdem ich jahrelang um meine Ehe gekämpft hatte, immer wieder Vergebung und Versöhnung gesucht hatte, stand ich trotzdem eines Tages vor den Trümmern unserer Ehe. Ich wusste schon zu Beginn, dass es hoffnungslos und eine Wiederherstellung der Ehe praktisch unmöglich war. Aber alle anderen um mich herum hielten sich an die Verheissung, dass Gott alles möglich ist, dass Gott Wunder tut, dass wir beide nur wollen und wieder zum Kreuz kommen müssten. Und es stimmt; für gewisse Betroffene ist es wichtig zu wissen, dass jemand an ihre Ehe glaubt, der an sie glaubt, der daran festhält, dass sie es schaffen können. Und es ist tatsächlich möglich, das weiss ich auch.

Es gibt aber auch die anderen Betroffenen, die jahrelang bereits so viel in ihre Beziehung investiert haben, dass nichts mehr übrig bleibt, deren Herz seit Jahren so verletzt ist, dass es nur heilen kann, wenn ein klarer Schnitt geschieht. Und es gibt sogar in christlichen Kreisen diejenigen, die einfach nicht mehr wollen (!). Es tut gut zu überlegen, warum sie wohl nicht mehr wollen. Manchmal geht es nur noch um das nackte Überleben. Aber wer sagt das schon, denn als gute und vernünftige Menschen wollen wir unseren Partner nicht schlecht machen. Wir werden nicht allen alles erzählen. Und wenn die Grenze von dem erreicht ist, was wir aushalten können, ist sie erreicht. Manchmal liegt einfach nicht mehr drin. Das Herz ist nicht nur verletzt, es ist bereits tot – vielleicht schon lange. Als Aussenstehende werden wir nie, oder äusserst selten, eine so tiefe Einsicht in eine Beziehung bekommen, dass wir das wirklich nachvollziehen können. Und deshalb müssen wir sehr vorsichtig sein, wem wir welchen Rat geben. Keine Ehebeziehung gleicht der anderen und deshalb gleicht auch keine Ehekrise einer anderen. Wir können nicht einfach von einer wiederhergestellten Ehe auf eine andere schliessen. Was wir mit unserem gut gemeinten Gerede übersehen, ist, dass wir einige Betroffene mit unseren Vorstellungen, wie das mit ihrer Ehe weitergehen soll, stark unter Druck setzen.

Einige Jahre bevor meine eigene Ehe zerbrach, sagte mir meine zukünftige Beraterin beim Gespräch über ein mir nahestehendes Ehepaar, die gerade eine schwierige Zeit durchmachten: “Das erste Ziel für eine zerbrochene Beziehung ist, dass beide Partner heil werden”. Das ist doch ein guter Anfang für alle Betroffene und deren Freunde. Suche das, was dem oder der Betroffenen hilft wieder heil zu werden. Unterstützte sie oder ihn in der Heilung ihres eigenen Herzens. Die Herzen der Betroffenen sind so verletzt, so enttäuscht, so bedrückt und voller Sorge, da wollen wir doch nicht noch mehr Druck aufsetzen.

Über das Joggen … und mich

Ich joggte also wieder einmal um den (klitzekleinen) See und nachdem ich mir bereits über Gott und die Welt Gedanken gemacht hatte, schweiften meine Gedanken zu mir und mein Verhältnis zum Joggen.

Joggen tut mir enorm gut, was für mich weit über die körperlichen Vorteile hinausgeht. Manchmal ist es fast eine Zeit der Meditation, in der ich mich auf eine Wahrheit konzentriere und mich so auf diese fokussiere, dass sie endlich in meinem Herzen und in meiner Seele Fuss fasst. Manchmal ist es eine Zeit, in der ich ungestört mein Herz ausschütten und in der ich Gott alle Schwierigkeiten vor die Füsse werfen kann – meine eigenen, so wie die von anderen. Es ist praktisch ausnahmslos eine Zeit in der ich mit Gott rede, aber auch er mit mir. (Wenn das passiert, bin ich immer sehr glücklich.)

Aber eben, ich habe keine eiserne Disziplin, die mich jeden Tag raus auf die Piste zwingt. Es ist fast immer ein Wahnsinnskampf und sobald ich mich körperlich nicht einhundert Prozent fit fühle (sprich: Kopf- oder Halsweh) oder auch nur schon schlecht geschlafen habe (was oft genug vorkommt), bringen mich keine zehn Pferde da raus. Leider. Aber so isses. Und darüber dachte ich nach.

Aber anstatt mich der Selbstanklage oder auch nur der Unzufriedenheit über meine mangelnde Selbstdisziplin hinzugeben, machten meine Gedanken einen Schwenker und ich verglich mich mal nicht mit anderen und wünschte auch nicht, dass ich anders wäre.

Vielleicht ist es die Gelassenheit, die mit dem Alter kommt, vielleicht (endlich) die natürliche Folge von jahrelanger Übung mich so anzunehmen wie ich bin, mit meinen Grenzen und Fähigkeiten, mit meiner Disziplin, die sich meiner körperlichen Befindlichkeit anpasst, mit meiner ganz eigenen Persönlichkeit, die dazu geschaffen wurde, zu ihrem eigenen Rhythmus zu tanzen und nicht dazu bestimmt ist den Rhythmus einer anderen zu übernehmen.

Ich mache was ich kann und was ich kann, ist genug.

Ich jogge also mit diesen Gedanken daher als mir ein älteres italienisches Mütterchen entgegen kommt, mir in die Augen schaut und sagt: Che brava!

Und genauso fühle ich mich.

Bilder im Kopf

Nach dem Zähneputzen kam Sven wieder ins Wohnzimmer, wo ich auf dem Sofa wartete, seufzte und sagte: “Ich wünsche, ich könnte wieder als Baby anfangen. Es gibt so etwas Schlimmes in meinem Leben”.

Er war zu diesem Zeitpunkt erst 10 und ich war auf alles gefasst, aber das was dann kam, hatte ich nicht erwartet.

“Ich habe wieder diese Bilder im Kopf von den Horrorfilmen, die meine Kollegen während der Pause auf ihren iPods oder Handys schauen und mir zeigen. Ich werde sie nicht los und ich kann deswegen nicht einschlafen und habe nachts Angst.”

Ich holte ihn zu mir auf’s Sofa und nahm ihn in den Arm. Mein Herz war schwer, weil ich wusste, dass es nur der Anfang war. Es wird in seinen Teenagerjahren nicht besser werden und wenn ich ihn schon jetzt nicht von diesen Dingen beschützen kann, werde ich es später noch weniger können. Und ich war wütend über eine Industrie, die eine Generation heran zieht, die leidet, weil sie Bilder im Kopf hat, die sie nicht los wird. Und diese Bilder sind alles andere als gut. Sie verletzen und machen kaputt. Sie schüchtern ein und pflanzen Angst.

Da ich ihn nicht vor diesen Dingen beschützen kann, muss ich ihm beibringen mit diesen Bildern und Eindrücken so umzugehen, dass sie ihre Kraft verlieren und möglichst wenig Schaden anrichten. Zuerst lobte ich seine Ehrlichkeit und dass er seinen Männerstolz überwunden hatte, mir davon zu erzählen. Das ist immer der erste Schritt und schon dadurch verliert das Dunkle seine Kraft. Und dann sagte ich ihm, dass er mit diesen Dingen immer zu mir kommen könne. Immer. Die Tür ist immer offen. Ich werde die Last mit ihm tragen, ihm zuhören und dann werden wir Gott alles vor die Füsse werfen, weil dieser Gott auch Gedanken heilen kann. Er verspricht ein neues Leben – und das war es doch, was Sven wollte: einen Neuanfang.

Rückerstattung

Ein Gastartikel von einem guten Freund, der vielen von meinen Lesern bekannt ist:


 

Wieder einmal schwebe ich im Landeanflug auf Zürich über die Dächer der Häuser. Wie so oft frage ich mich was hinter den Türen und Fenstern dieser Häuser gerade vor sich geht. Familien die lachen, einsame Menschen, Menschen die trauen, kranke Menschen, Menschen mit Behinderungen, verzweifelte Menschen…?

Erst kürzlich bekam ich die Nachricht von einer Familie die in großer Not ist und zu zerbrechen droht. Ich fühle mich zurückversetzt in mein eigenes Scheitern und durchlebe innerlich die schmerzvollen Stunden noch einmal.

Dabei hatte ich doch gerade erst von Hoffnung gelesen, von einem Gott, der uns das, was wir verloren haben, doppelt erstattet: „Kehrt zurück zur befestigten Stadt, ihr Gefangenen, eure Hoffnung wird nicht enttäuscht. Heute verheiße ich, dass ich euch doppelten Ersatz geben werde.“ Sacharja 9,12

Kann das angesichts des vielfältigen Leides und Zerbruchs wahr sein? Ist das möglich, wenn man seinen Partner durch Tod oder Scheidung verloren hat? Gilt das für Menschen, die durch ihre Behinderung aufs bitterste isoliert und in den eigenen vier Wänden „eingesperrt“ leben?

Während ich darüber nachdenke, schiessen mir die Geschichten von Hiob oder David durch den Kopf. Hiob bekam eine Hiobsbotschaft (daher kommt der Begriff) nach der anderen und verlor alles was er hatte. Seine Frau meinte, er solle doch Gott verfluchen und sterben. Hiob weigerte sich das zu tun. Kurze Zeit später stellte Gott Hiob wieder vollkommen her und gab ihm doppelt so viel als er zuvor hatte (Hiob 42,10).

Nachdem bei David das erste Kind starb, welches er mit Bathseba hatte, beendete David seine Trauerzeit und fing an Gott anzubeten, weil er an die Gnade Gottes glaubte. Später segnete Gott David und Bathseba mit einem weiteren Sohn, der zum reichsten und weisesten König wurde, der je auf dieser Welt lebte.

Und ich fange an zu ahnen und zu glauben, dass es dieser gütige Gott auch mit meinem Leben gut meint und mich mit mehr beschenken möchte als ich zu hoffen wage. Vielleicht nicht unbedingt im Sinn von Quantität, sondern mehr von Qualität. Möglicherweise aber sogar beides.

– Joachim Schmid

Erziehung im Alleingang oder: Zwischen Verzweiflung und Vertrauen

Ich hab’ es geschafft. Ich bin mit den Kindern fünf Tage nach Stuttgart gefahren und wir haben mal auf diese Weise Kurzferien gemacht. Ich bin auch etwas geschafft. Nur schon unsere Abfahrt war ein Drama. Etwa eine halbe Stunde vor der geplanten Abfahrt beschloss meine Tochter, dass sie nicht mit kommen wollte. Ob sie zuhause bleiben dürfe. Nein… Nicht nur weil sie erst 14 ist, sondern auch weil ich solche Entscheide nicht 30 Minuten vor unserer geplanten Abfahrt treffe. Das ist ZU spät.

Eigentlich hatte alles schon am Morgen angefangen. Aus irgendeinem Grund (die Pubertät lässt grüssen) war diese Tochter nicht glücklich. Ich weiss aber nicht warum, weil es mich scheinbar (gemäss Tochter) nichts angeht, aber es vermiest die ganze Familienatmosphäre. Am Mittagstisch habe ich wohl den Ton nicht ganz getroffen und sie stand beleidigt auf, stampfte in ihr Zimmer und knallte die Tür zu. Das war’s. Guten Appetit und mir blieb das Essen im Hals stecken. Als ich sie daran erinnerte, dass wir um 15 h abfahren wollte, meinte sie, sie hätte nicht genügend saubere Wäsche. Dass ich ein paar Tage vorher lang und breit erklärt hatte, dass ich noch waschen würde, damit jeder alles hat, was er oder sie zum anziehen will und braucht, war nicht zu ihr durchgedrungen und so wurde ich laut beschuldigt und mit der Behauptung konfrontiert, dass sie also nicht nach Stuttgart mitkäme, sie wollte eh noch nie nach Stuttgart und sie könne doch einfach zu Hause bleiben!

Etwas geschockt sagte ich nur, das ginge nicht, und verliess ihr Zimmer. Danach sass ich mit Tränen in den Augen verloren auf einem Stuhl. Sven kam vorbei und umarmte mich zaghaft (und mit mitleidigem Gesichtsausdruck.)

Mit dieser 14-Jährigen ist das Leben ein Eiertanz. Man weiss nie ganz genau, wie sie drauf ist, weil sich das Leben inzwischen auf WhatsApp und Instagram abspielt und wir Eltern keine Ahnung haben, wie schwer das Leben als 14-Jährige ist und was da alles abläuft. In dem Punkt hat sie natürlich Recht. Ich habe wirklich keine Ahnung was da alles los ist, weil es mir keiner sagt. So weiss man auch nie, wann man einen Witz machen kann, wann ein ernstes Wort angesagt ist, wann man überhaupt reden darf oder eben nicht.

Manchmal scheint es mir, als wäre es meiner Tochter lieber, wenn ich gar nie den Mund aufmachen würde. Dann könnte sie mir einfach alle Vorwürfe, ob berechtigt oder nicht, an den Kopf werfen. Aber ich bin ein Mensch mit Gefühlen und mit Worten. Okay, ich geb’s zu, mit vielen Worten. Ich bin eine Mutter mit Verantwortung. Ich liebe meine Kinder und werde sie nicht einfach dem Lauf der Dinge überlassen. Es liegt an mir (und als Alleinerziehende an mir allein) einen Rahmen zu schaffen, in welchem sie sich ausbreiten können. Aber manchmal ist meine Aufgabe zu schweigen und loszulassen.

Vor einigen Jahren war ich Teil einer kleinen Gruppe von Frauen, die sich wöchentlich traf, um über ihre Familien auszutauschen und ganz konkret für ihre Kinder zu beten. Drei der Frauen hatten bereits Töchter im Teenageralter und wenn sie über die verrückten Dinge redeten, die ihre Töchter so im Alltag machten, konnte ich mir das Lachen kaum verkneifen.

Und jetzt habe ich selber so ein verrücktes Huhn zuhause. Mein persönliches Exemplar hat einen scharfen Verstand, ist ein eigenwilliges Wesen und in vielen Dingen super begabt. Es ist auch, wie es selbst ausdrückt, faul und macht in der Schule gerade nur so viel wie nötig, was natürlich auch eine Variante ist. Es weiss immer alles besser, da man mit 14 garantiert mehr Lebenserfahrung und -weisheit hat, als die eigene Mutter (das ist ja wohl klar), die übrigens dieses Jahr 50 wird. Und die Logik, die sich nach den Kleinkinderjahren eingestellt hatte, ist auf wundersame Weise wieder verschwunden. Etwas durchzudiskutieren macht mir mit dieser nicht vorhandenen Logik überhaupt keinen Spass mehr. Und die Stimmung kann ganz ohne Vorwarnung innert Minuten, ach was, SEKUNDEN (!) kippen. Zack! und weg. Da sag ich nur noch eins: Hormone.

Da tut mir eine Freundin gut, die über mein persönliches Exemplar lacht und kopfschüttelnd und verständnisvoll „wie im Lehrbuch“ sagt. Auch wenn diese Worte meinen Ärger über gewisse Situationen und meine Angst vor dem Loslassen nicht immer sofort beschwichtigen, muss ich zugeben, dass es mir hilft eine andere, weitere, gnädigere Perspektive anzunehmen.

Und meine Freundin Barbara, die den Lesern von meinem Blog schon bekannt ist, schreibt dazu:

Erziehung zwischen Verzweiflung und Vertrauen

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Da gibt es viele Ohnmachtsgefühle und
verzweifelte Momente bei Alleinerziehenden.

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Zum Glück heisst`s: „… zwischen Verzweiflung
und VERTRAUEN“!

Hab den Mut, immer wieder Wege
des Vertrauens zu suchen!
Vertrauen: „cling to it!“ – Halte dich dran fest,
als ginge es um dein Leben!

Es geht um Leben.

Es geht um Leben und ich teile das Leben mit meinen drei Kindern, die alle drei einzigartig und wunderbar, kreativ und herzlich, freundlich und lustig sind. Ich liebe das Leben mit meinen Kindern (auch wenn ich nach den Ferien immer etwas müde bin) und bin dabei zu lernen, was es bedeutet zu vertrauen.

Übrigens ist meine Tochter nach einer halben Stunde mit gepacktem Koffer ins Auto eingestiegen und nach einer weiteren halben Stunde ging es ihr wieder besser und alles war nur noch halb so schlimm.

Heilige Geduld

Ich habe wieder einmal alle Register gezogen:

Habe verständnisvoll zugehört, sie in den Arm genommen, getröstet, abgelenkt, es mit Essen und Rat versucht, dabei war mir danach das Kind zu schütteln und anzuschreien, wegzulaufen und mir das Gejammer – denn das war es – nicht länger anzuhören.

Nach meinen stillen und verzweifelten Gebeten für Weisheit (und Erlösung!) hatte ich immer noch keine Ahnung, was ich machen sollte, aber irgendwoher hatte ich die Kraft sitzen zu bleiben und mir zum gefühlten 957. Mal das Elend meiner Tochter anzuhören. Also doch so was wie eine Gebetserhörung.

Am Schluss sagte sie: “Also deine Geduld hätte ich auch gerne!”

(Und das gibt’s gratis dazu: Als ich kürzlich in meinen Notizen stöberte, stiess ich auf folgende Geschichte: Die bereits erwähnte Tochter war sechs Jahre alt und als sie in den Skiferien nach dem Duschen auf der Toilette sass, seufzte sie: “Es ist heilig auf dem WC.” Ich fragte, ob sie ‘heimelig’ meinte, den wir waren in einem alten Bauernhaus und das Bad war unter dem Dachwinkel mit Holz verkleidet. Da antwortet sie: “Es geht mir gut da zu sitzen”. Amen.)

Der Heilige Geist ist vermutlich doch eine Frau

Vor einem Jahr bekam ich von meiner Schwester ein kleines Heft mit dem Titel: „30 Tage Schreiben“. Für jeden Tag gibt es eine Frage. Am dritten Tag hiess die Frage: Beschreibe die Rolle, die du im täglichen Leben spielst. Ich schrieb:

Ich bin die, die alles macht, an alles denken sollte (und dabei oft die Hälfte vergisst), die alles Wissen sollte (und meistens die Hälfte nicht weiss), die alle antreibt und die Tagesstruktur vorgibt, die für’s Essen sorgt, die Wäsche besorgt und die Kinder zudem noch zu erziehen versucht … . Ich habe das Gefühl, dass ohne mich in unserer Familie gar nichts mehr funktionieren würde (hoffentlich ein Trugschluss, aber ich kenne meine Kinder doch auch ein wenig). Ich bin die, die motiviert, ermutigt, erzieht, wieder alles ins Lot bringt, schlichtet, tröstet, liebt und an mein Herz drückt…und das klingt verdächtig nach den Aufgaben des Heiligen Geistes…

Trennungszeit 7

Vor ein paar Monaten las ich in einer christlichen Familienzeitschrift einen Artikel darüber, wie man seinen Freunden, die eine Trennung oder Scheidung erleben, zur Seite stehen kann und auch was man als Aussenstehender, der sich richtig verhalten möchte, vermeiden sollte. Es war ein guter Artikel und ich wünschte, ich hätte diesen tollen Artikel geschrieben. Dabei fing ich wieder an über meine Erlebnisse nachzudenken. Ich bin kein Experte in Sachen Beziehung, Trennung und Scheidung. Ich greife nur auf meine eigenen Erfahrungen zurück und versuche Einblicke zu geben, damit wir miteinander gnädiger umgehen und weniger schnell urteilen. Mir liegt dieses Thema auf dem Herzen, weil ich sehr schöne, aber auch sehr schwierige Begegnungen erlebt habe. Wer weiss nämlich schon, wie er reagieren soll, wenn man die Nachricht bekommt, dass sich Freunde trennen!

Ich habe es sehr geschätzt – und schätze es immer noch – wenn meine Entscheidung zur Trennung und später zur Scheidung respektiert wird. Obwohl die Trennung damals sehr plötzlich kam, gab es eine jahrelange Vorgeschichte. Das ist vermutlich bei den meisten Paaren der Fall. Bei uns fingen die Vertrauensmissbräuche schon bald nach der Hochzeit an. Ich hatte nach zehn Jahren einfach keine Kraft mehr aus dem Nichts wieder Vertrauen hervor zu zaubern. Für mich war nach zehn Jahren Ehe, zwei Jahren begleiteten Gespräche und zwei weiteren Jahren, die ich brauchte, um mich zu einer Scheidung durchzuringen, der Punkt erreicht, wo es um das Überleben meiner Seele ging. Bei manchen geht der Prozess schneller, bei manchen, wie bei mir, länger. Aber immer gibt es einen grossen Teil der Geschichte, den Aussenstehende nicht mitbekommen.

Während meine Ehe offiziell am Scheitern war, fühlte ich mich sehr verwundbar und verletzlich. Alles war am Wanken. Mein Vertrauen in die Institution Ehe, in Gott, in mich und auch in die Männer stand auf wackeligen Füssen. Wenn mir Menschen dann mitten in dieser emotional herausfordernden Zeit sagten, dass sie hinter mir standen – wohlgemerkt ohne die ganze Geschichte zu kennen und ohne, dass ich mich für meine Entscheidungen rechtfertigen musste – gaben sie mir etwas zurück, was mir langsam, aber sicher abhanden kam: Vertrauen und Wert. Das war für meine seelische Gesundheit sehr wichtig.

Was mich im Gegenzug sehr befremdete, waren Menschen, die mich nach den Gründen für die Trennung/Scheidung ausfragten, obwohl sie mir nicht besonders nahe standen. (Leider kam das auch vor. Es gibt besonders in den christlich-frommen Kreisen auf diesem Gebiet noch Lernpotenzial.) Ich musste lernen zu meinem Schutz eine Grenze zu ziehen und dazu zu stehen. Erst kürzlich legte ich mir eine Antwort zurecht, falls ich wieder mit einer grenzüberschreitenden Frage konfrontiert werde; weil, ja, es passiert heute noch. Manche wollten von mir hören, wie schlecht es den Kindern ging, seit ihr Vater nicht mehr bei uns wohnt… Das hat mich noch mehr deprimiert, als ich es ohnehin schon war und zeugt von ganz wenig Gottvertrauen.

Mit guten Freunden redete ich über meine Situation, aber ich wollte mit meinen Freunden keine Therapiestunde und auch keine schlauen Ratschläge. Ich wollte sein. Ich wollte die Freiheit haben zu reden, wenn mir drum war und wollte nicht reden müssen, nur weil jemand über alles informiert sein wollte. Da mich die Beratungen sehr viel Energie kosteten, brauchte ich Zeiten in denen ich mich erholen konnte. Da haben mir Freunde gut getan, die mit mir ins Kino gingen, mich mit oder ohne Kinder in die Ferien mitnahmen, meine Kinder ein paar Stunden lang betreuten, Blumen vorbeibrachten oder mich auf ein Bier einluden (ja, das kam auch vor!). Die Unterstützung in praktischen Dingen, wie schwere Gartenarbeit, die Reparatur vom Treppengeländer, das Auto für die Motorfahrzeugprüfung vorzubereiten, die verstopften Abflüsse durchzuspülen, kann ich gar nicht genug betonen. In den Zeiten meiner grössten seelischen Belastung trugen diese Freunde mit ihrer praktischen Hilfe zu meiner Entlastung bei. Und wie das geholfen hat!

Ich fühlte mich oft als Aussenseiterin. Ich war als Geschiedene in meinem Umfeld auf weiter Flur allein. Ausserdem trug das Wort Scheidung für mich ein gewisses Stigma: Ich gehöre zu denen, die es nicht geschafft haben. Alle wissen über mein Scheitern Bescheid, aber ich weiss nichts über sie und über ihr Scheitern (Scheitern tun wir nämlich alle) und das ist ein grosses Ungleichgewicht und manchmal schwierig zu (er)tragen. Was hat mir geholfen? Zu spüren, dass ich nicht auf mein Scheitern und auf die Scheidung reduziert werde. Freundlichkeiten in Form von einem Lächeln, einem Kompliment, einer Umarmung oder einem offenen Gespräch schätze ich seither sehr. Ich bin nämlich mehr als mein Scheitern. Jawohl.

Im Grunde hat mir meine Scheidung wieder neu vor Augen geführt, wie wertvoll jeder einzelne Mensch ist. Die, die sich trennen genauso wie die, die noch zusammen sind. Die, die verlassen werden und die, die schon immer allein waren. Wir alle sind wertvoll. Und wir alle verdienen es als wertvolle und kostbare Menschen behandelt zu werden.

Frühstück am See

Karfreitag und Ostersonntag sind vorbei, aber es ist noch nicht Auffahrt und genau in diese Zeit fällt die Geschichte vom Frühstück am See. Wie ihr vielleicht noch wisst, hatte Petrus Jesus drei Mal vor dessen Tod verleugnet. Als die aufregenden Tage der Kreuzigung und Auferstehung vorbei waren, ging Petrus wieder fischen – was hätte er denn sonst tun sollen? Nach einer erfolglosen Nacht auf der See – kein einziger Fisch war ins Netz gegangen – ruft Jesus ihm vom Ufer zu, er solle das Netz auf die andere Seite rauswerfen, worauf das Boot an der Unmenge von Fisch zu sinken droht. Petrus und seine Fischerfreunde schaffen es mit dem schweren Fang knapp an Land, wo Jesus mit einem Frühstück auf sie wartet.

Wenn ich diese Geschichte lese, springt mich förmlich die Andersartigkeit Gottes an. Es ist ja wohl klar, dass Petrus sich daneben benommen hat. Wir können es ja sogar verstehen; die Soldaten, die religiöse Führung, die tobende Menge, wer hätte sich da schon freiwillig als Jünger Jesu geoutet. Es war lebensgefährlich und das ist nicht übertrieben.

Als alles vorbei war und nachdem sich der Staub gelegt hatte, hätte ich jedoch Petrus zuerst einmal wissen lassen, wie enttäuscht ich von ihm bin. Und ich hätte ihm sicher nicht Frühstück gemacht. Ich meine, nur schon wenn mich meine Kinder aufregen, weil sie nicht so spuren wie ich will, bin ich versucht zu sagen: Du kriegst nichts zu essen. Und manchmal sage ich es sogar, aber meistens leise, weil ich genau weiss, dass es eine blöde Idee ist, und wenn sie nachfragen, was ich da in meinen Bart murmle, schaffe ich es gerade noch mir auf die Zunge zu beissen und „ist nicht wichtig…“ zu antworten.

Ich stelle wieder einmal fest: Gott ist anders. Das habe ich übrigens auf die „Jesus ist…“-Plakate geschrieben: Jesus ist…anders. Er ist so anders als ich, als wir. Er ist anders als meine Vorstellung davon, wie sich ein Gott zu benehmen hat. In meiner Vorstellung hätte er Petrus nämlich zuerst zurechtweisen müssen. Und dann hätte es noch Konsequenzen gegeben. Vielleicht hätte Petrus ein Wiederherstellungsprogramm durchlaufen müssen. Man muss schliesslich alles daran setzen, dass der Mann beim nächsten Mal standhafter bleibt und nicht so schnell die Verbindung zum Chef und der Firma abstreitet.

Aber Jesus ist eben anders. Egal, ob ich alles richtig mache oder nicht; Jesus macht mir Frühstück. Er möchte mir was zu essen geben, möchte, dass ich satt und gestärkt werde, er möchte, dass es mir gut geht. Zu so einem Gott gehöre ich gern.

Armutsgier und Grosszügigkeit

Ich fand die Frau etwas mühsam. Sie stand am Kuchenstand in der Turnhalle der Primarschule und konnte sich nicht entscheiden welches Kuchenstück sie wollte. Ihre kleinen Kinder wuselten um sie herum, was die ganze Sache nicht einfacher machte. Ich wollte ihr behilflich sein, aber sie beachtete mich kaum. Ihre Augen bewegten sich unruhig über die Kuchenstücke hin und her. Irgendetwas in ihrem Blick ging mir nach und kam mir entfernt bekannt vor. Erst viel später erkannte ich was sich da abgespielt hatte: Es ging ihr nicht darum sich für den Kuchen zu entscheiden, den sie am liebsten gehabt hätte und auch nicht um den Kuchen, den ihre Kinder am liebsten gehabt hätten. Es war ein Abwägen nach dem grössten Stück. Es war ein Fragen, wie sie für ihre Fr. 2.- möglichst viel bekommen würde. Und aus meiner Ungeduld mit ihrer scheinbar komplizierten und unentschlossenen Art wurde Mitgefühl.

Was ich in den Augen und in der Haltung dieser Frau sah, nenne ich “Armutsgier” und erkannte ich vor allem deswegen, weil ich dieses Gefühl kenne. Wenn man mit dieser Haltung lebt, liegt Qualität weit hinter Quantität. Und persönliche Vorlieben kommen schon gar nicht vor. Es geht nur ums „wie viel“. Und darum für möglichst wenig Geld möglichst viel von irgendetwas zu bekommen.

Eine Zeitlang habe ich alles genommen, was man mir oder uns geschenkt hat – es war schliesslich geschenkt und die Frage, ob wir es brauchten, stellte sich gar nicht. Die Frage, ob es uns gefällt, stellte sich noch weniger. Inzwischen bin ich wählerischer geworden. Wenn wir bisher ohne einen Gegenstand klar gekommen sind, ist dieser Gegenstand selten wirklich notwendig. Aber ich musste lernen umzudenken. Was brauche ich wirklich? Was möchte ich wirklich? Ich schaffe es nicht immer, aber immer öfter. Ich lerne immer mehr meinem Gott zu vertrauen, der versprochen hat, dass wir haben werden, was wir brauchen. Es ist nicht nötig von der Gier gesteuert zu werden. Auch nicht von der Sorge. Auch nicht von dem Gefühl zu kurz zu kommen.

Trotzdem möchte ich erwähnen, dass es nicht einfach ist in einem permanenten Zustand der finanziellen Unsicherheit zu leben. Ich muss mich aktiv darum bemühen mich nicht zu sorgen. Dieser Zustand zehrt an meinen Kräften und manchmal an meiner Lebensfreude.

So sind wir alle an dem einen oder anderen Punkt herausgefordert. Vielleicht ist deine Herausforderung deine Arbeitsstelle oder keine Arbeitsstelle zu haben, deine Gesundheit (körperlich oder psychisch), dein soziales Umfeld, eine Beziehung, deine Familiensituation, deine Kinder oder kein Kind zu bekommen. Wir sind alle unterwegs und geben alle unser Bestes und sind doch alle am Lernen. Und weil es mir so gut tut, wenn mir Verständnis für meine Herausforderungen entgegengebracht wird, möchte ich dir statt mit Ungeduld mit grosszügigem Verständnis begegnen.